80 Jahre nach dem Pogrom

Vom Mut der Einzelnen

1938 brannten Synagogen in Deutschland. Wieder drohe die Gesellschaft zu kippen, hat der Historiker Matthias Heyl am 9. November in Bremen gemahnt.
09.11.2018, 17:51
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Vom Mut der Einzelnen
Von Monika Felsing
Vom Mut der Einzelnen

In der Kolpingstraße oberhalb des Schnoors stand die Bremer Synagoge, die am 9. November 1938 in Brand gesteckt wurde. Eine Tafel erinnert daran. Um die Ecke, am Landherrnamt, ist der Gedenkstein für die jüdischen Opfer platziert.

Frank Thomas Koch

Das Schtetl brennt. Die Flammen lodern. In der dunkel gekleideten Menge, für die der Bremer Weltmusiker Willy Schwarz dieses jiddische Lied singt, weint ein älterer Mann, lautlos, von seinen Gefühlen überwältigt. Das Akkordeon schweigt. Und der Bremer Landesrabbiner Netanel Teitelbaum tritt vor, um das Kaddisch anzustimmen.

Vor 80 Jahren brannte unweit des Gedenksteins, an dem sich drei Generationen versammelt haben, die Bremer Synagoge. Jüdische Männer und Frauen wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ihren Wohnungen von Nationalsozialisten überfallen, Martha und Adolf Goldberg, Heinrich Rosenblum, Leopold Sinasohn und Selma Swinitzki ermordet. Am Jahrestag legen Jugendliche Blumen für die Opfer nieder, bekennen sich zur Gedanken- und Gewissensfreiheit, sprechen davon, wie wichtig es ist, seinen Nächsten zu achten, gegen Rassismus einzutreten, gegen Antisemitismus und für die Demokratie.

Wie französische Juden überlebten

Ein anderes Schlüsselwort ist am Abend zuvor bei einer französischsprachigen Buchvorstellung im Bremer Institut français gleich mehrfach gefallen: Zivilcourage, einst entlehnt aus dem Französischen und doch nicht allein durch courage civil oder courage civique ersetzbar. Es war unter anderem dieser Mut des Einzelnen, seinem Gewissen zu folgen und anderen in Not beizustehen, der „das Überleben von Juden in Frankreich“ ermöglicht hat. Mit dem gleichnamigen Buch bereichert der Historiker und Politologe Jacques Semelin eine Geschichtsdebatte, die für die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft von Bedeutung ist.

Ein anderer Aufklärer, Serge Klarsfeld, hat das Vorwort geschrieben und die Arbeit von Jacques Semelin gewürdigt, weil sein Buch „zum einen die Zivilcourage der Franzosen und ihre Achtung vor dem Menschen begreiflich macht und zum anderen den erfinderischen Überlebenswillen der Juden in einer menschlichen Umgebung zeigt, die sich trotz der antisemitischen Kampagnen angesichts der Bedrohungen und des Leidens der Juden als mitfühlend erwies“. Wie Zivilcourage, von der aus dem Exil zurückgekehrten Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006) noch Mitte der Achtziger als „Fremdwort“ in Deutschland bezeichnet, hat auch Empathie in der NS-Zeit zur Rettung ungezählter Menschenleben geführt, diesseits und jenseits der Grenze. Gewidmet ist Semelins Buch der vielfach ausgezeichneten Politikerin und Auschwitzüberlebenden Simone Veil (1927-2017), geborene Jacob.

Motive der Helferinnen und Helfer

Aus welchen Motiven, fragt Jacques Semelin, setzten sich nichtjüdische Französinnen und Franzosen für die Verfolgten ein, für ihre jüdischstämmigen Landsleute, aber auch für Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich? Was haben Solidarität, spontane Hilfsbereitschaft, persönliches Kalkül, christliche Ethik, Patriotismus, Humanismus oder auch ziviler Ungehorsam dazu beigetragen, dass 75 Prozent der französischen Juden den Holocaust überlebten? Die Gesellschaftswissenschaftlerin Susanne Wittek hat das Buch des Professors übersetzt und zugleich als Filmemacherin gemeinsam mit Christian Frey nach Antworten gesucht. Für den Arte-Beitrag „Stille Retter. Überleben im besetzten Frankreich“ haben sie 2017 den Deutsch-Französischen Journalistenpreis erhalten.

Zwei der geretteten deutsch-jüdischen Kinder waren Beate und Susanne Stern aus der oberhessischen Kleinstadt Lauterbach. Die beiden Mädchen verdanken dem 1912 in St. Petersburg gegründeten jüdischen Kinderhilfswerk OSE (Oeuvre de Secours aux Enfants) ihr Leben – und nicht zuletzt auch der Tatsache, dass ihre Mutter im Lager Gurs bereit war, ihre Töchter wildfremden Menschen anzuvertrauen. „Wer ein Kind hat, aber auch wer kein Kind hat, kann sich vorstellen, was es heißt, sich in einer solch gefährlichen Situation von seinem Kind zu trennen“, hatte die Übersetzerin Susanne Wittek in der Bremer Diskussionsrunde auf Französisch deutlich gemacht. Dieses Opfer zu bringen, dieses Risiko einzugehen, waren nicht alle Eltern bereit. Wie sollte man einem kleinen Kind vermitteln, dass man es nicht im Stich ließ? Und wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Abschied für immer sein würde?

Abschied für immer

Auch Beate und ihre kleine Schwester Susi haben ihre Eltern nicht wiedergesehen. Seit über 50 Jahren erzählt Bea Karp, geborene Stern, Jugendlichen in den USA ihre Geschichte. Ihre Tochter, die Kunstdozentin Deborah Pappenheimer, hat Briefe, Postkarten und andere Erinnerungsstücke aus der Zeit der Verfolgung ihrer Familie zu Collagen und Ölbildern verarbeitet und gemeinsam mit den Berichten ihrer Mutter 2014 als Buch herausgebracht: „My Broken Doll“ (Meine zerbrochene Puppe) heißt diese Holocaustbiografie mit dem Untertitel „A Memoir of Survival of the Vichy Regime“. Das gleichnamige Theaterstück, unterstützt vom Institute for Holocaust Education, wird in US-amerikanischen Schulen aufgeführt, als Geschichte des Überlebens. Auf die OSE geht Jacques Semelin in seinem Buch ebenfalls ein, aber auch auf andere, nicht organisierte Helferinnen und Helfer, die heute als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt werden.

Ein Retter war in gewissem Sinn auch der Beamte, der einen Juden die deutsch-niederländische Grenze passieren ließ, nachdem er ihn zunächst zurückgewiesen hatte. An diese Situation denkt Matthias Heyl, der pädagogische Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, wenn heute gefordert wird, Europas Grenzen zu schließen. Beeindruckt war er von der „Nacht der Jugend“ am 8. November im Bremer Rathaus, dem Einsatz von jungen Menschen für Vielfalt und ihrem Interesse an der NS-Geschichte. Es sei wichtig, die Fragen der jungen Generation ernst zu nehmen, denn die Gesellschaft drohe zu kippen, sagte Heyl in der Gedenkstunde am 9. November in Bremen. „Und wer weiß, warum sie schon einmal gekippt ist, weiß auch, was man dagegen tun kann.“

Hessels Appell

Es war ein ehemaliger jüdischer Flüchtling, ein Resistance-Kämpfer, KZ-Überlebender, Diplomat, Lyriker und Streiter für die Menschenrechte, der in den Jahren 2010 und 2011 europaweit Zivilcourage angemahnt hatte. „Indignez vous! Engagez vous!“, hatte Stéphane Hessel, der 1907 als Stefan Friedrich Kaspar Hessel in Berlin zur Welt gekommen war, noch in hohem Alter geschrieben. „Empört euch! Engagiert euch!“ Und alle Generationen gemeint.

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