Hartmut Hergert bringt Bremer Jugendlichen nicht nur Tanzen bei, sondern auch korrekte Umgangsformen Vom Profi lernen

Bremen. Da soll noch mal jemand sagen, die jungen Leute von heute wissen nicht mehr, was sich gehört. Zumindest in Bremen wissen sie das – wenn Hartmut Hergert mit ihnen fertig ist.
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Von Jan-Felix Jasch

Bremen. Da soll noch mal jemand sagen, die jungen Leute von heute wissen nicht mehr, was sich gehört. Zumindest in Bremen wissen sie das – wenn Hartmut Hergert mit ihnen fertig ist. Er zeigt ihnen, wie eine Krawatte gebunden wird, wie die Serviette im Schoss zu liegen hat und wie man richtig aus einem Weinglas trinkt – auch wenn die 13- bis 15-Jährigen das an diesem Abend nur theoretisch lernen. Hergert weiß, was sich gehört und bringt das Jugendlichen in Seminaren bei.

Hartmut Hergert ist einer der Geschäftsführer der Tanzschule Renz. Dort kümmert er sich um Veranstaltungsplanung, Kooperationen und ist selbst Tanzlehrer. Aber Hergert ist auch anerkannter Umgangsformen-Trainer der Handelskammer. Und diese Umgangsformen vermittelt er den jungen Menschen. „Es ist nicht so, dass die jungen Leute keine Umgangsformen hätten“, sagt er. Die meisten, die zu ihm in die Tanzschule kommen, hätten aus ihrem Elternhaus bereits Respekt und Manieren mitbekommen, aber ein bisschen etwas sei eben immer zu verbessern.

So auch an diesem Abend: 38 Jungen und Mädchen haben sich für das Seminar im Landgut Horn angemeldet. Im festlichen Saal werden die Jungen zu Herren und die Mädchen zu Damen. Gleich werden sie mit einem Praxistest konfrontiert, denn während des Seminars essen die Jugendlichen ein Drei-Gänge-Menü. Dabei heißt es, nicht auf die weiße Tischdecke zu kleckern und stets das richtige Besteck zu finden. Vor ihnen stehen zwei Weingläsern, ein Wasserglas und es liegen je zwei Messer und Gabeln dort, außerdem ein Dessertbesteck. Und mit alledem müssen sie sich zurechtfinden.

Aber so weit ist es noch lange nicht, denn Hergert beginnt viel früher: Er teilt Paare ein, die Herren nehmen den Damen den Mantel ab. Erst dann bringt Hergert sie zu ihren Plätzen. Aber niemand setzt sich – es wird gewartet bis alle an ihren Plätzen stehen und der Gastgeber – in diesem Fall Hergert – sich setzt. Und auch dann wird genau drauf geachtet, dass die Herren den Damen die Stühle zurechtrücken. Erst dann sitzen alle – und Hergert beginnt zu erklären. Auffallend ist die Stille, niemand sagt ein Wort oder tuschelt mit dem Nachbarn. „Das ist nicht immer so, aber diese Gruppe kenne ich schon sehr lange“, sagt Hergert. Und anscheinend haben sie Hergerts Meinung zum respektvollen Umgang miteinander schon verinnerlicht.

Man sieht Hergert an, dass er Spaß bei der Arbeit hat. Gestenreich zeigt er den Jugendlichen wie sie eine Getränkebestellung korrekt aufnehmen, denn „es könnte ja sein, dass der ein oder andere mal in der Gastronomie jobben möchte.“

Respekt ist ein Wort, das im Gespräch mit Hartmut Hergert immer wieder fällt. Respekt ist ihm wichtig. Und der äußere sich eben vor allem durch korrekte Manieren, sagt der Tanzlehrer. Er sagt jedoch auch, dass Menschen ohne gesellschaftsfähige Manieren ihr Gegenüber ebenfalls mit behandeln könnten.

Im Seminar ist Hergert auf alles vorbereitet, er hat sogar noch 20 zusätzliche Krawatten dabei. Denn er zeigt den Jugendlichen – Jungen, wie Mädchen – auch wie ein einfacher Windsor-Knoten funktioniert. Das klappt bei einigen gut, bei anderen eher nicht. Aber auch dann beweist Hergert große Geduld, erklärt es noch einmal und noch einmal. Sollte es dann noch immer nicht klappen, prüft er bei jedem einzelnen die Arbeitsschritte, sodass am Ende tatsächlich jeder einen ordentlichen Windsor-Knoten am Hals hat.

Die Weingläser benutzen die Jugendlichen an diesem Abend zwar nicht, aber Hergert erklärt trotzdem, was sie zu Wein wissen sollten. „Das gehört einfach dazu“, sagt er. Obwohl die jungen Leute Wein noch nicht trinken dürfen, „das steht zumindest an der Tanke“, ruft eine Teilnehmerin, wissen sie schon gut Bescheid. Die gängigsten Reb­sorten sind bekannt, die Unterscheidung zwischen weiß, rot und rosé sowieso.

Die Bedeutung von Tanzschulen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Die Tanzschule Renz hat entschieden, ihr Angebot zu erweitern, und bringt den Jugendlichen nicht nur tanzen, sondern auch Manieren bei. „Viele Tanzschulen musste ihr Angebot ein Stück weit erweitern“, erklärt Hergert. Und so gehört zu jedem der drei Jugendkurse auch ein Seminar. Eines davon beschäftigt sich mit Umgangsformen im Alltag, die weiteren drehen sich um Konfliktlösungen und Bewerbungsgespräche. Und die Erfahrungen der Tanzschule sind positiv, sagt Hergert: „Die Jugendlichen nehmen das Angebot gut an und machen toll mit.“

Während des Drei-Gang-Menüs kommt auch Hergert kurz zur Ruhe. Es gibt Melone mit Schinken als Vorspeise, Schnitzel mit Kroketten und Gemüse als Hauptspeise und Eis zum Nachtisch. Der Saal wird ruhig, das einzige Geräusch ist das Kratzen des Bestecks auf den Tellern. Zielsicher arbeiten sich die 14-und 15-Jährigen bei dem Besteck von außen nach innen vor – so wie Hergert es erklärt hat. Und auch als alle mit dem Essen fertig sind, kontrolliert er die Lage des Bestecks. Bei allen liegt es richtig, Hergert ist zufrieden. „Messer und Gabel auf vier Uhr, so soll es sein.“

Nur die Serviette, da wissen die Jugendlichen noch nicht so recht Bescheid. Nur fünf der 38 legen sie sich richtig auf den Schoß. Und wo gehört sie hin, wenn man doch mal aufstehen muss? Auch das erklärt Hergert: „Die Serviette wird halbiert, dann in den Schoß gelegt, sodass die Öffnung zu der Person zeigt.“ Auf diese Weise könne man sich den Mund putzen, ohne die komplette Serviette zu beschmutzen. Und wenn man mal aufstehen möchte – was man allerdings nur zwischen den Gängen tun sollte – legt man sie auf die linke Seite des Tellers, weil die rechte Seite ja schon mit den Gläsern gefüllt ist.

Zum Abschluss des Abends stehen wieder die Herren zuerst auf, holen die Jacken der Damen und helfen ihnen hinein. Ob es im Alltag belastend für ihn sei, jeden Fehler seines Gegenübers zu erkennen, wird Hergert gefragt. „Nein“, antwortet er, „aber wenn die Situation es hergibt, weise ich doch mal jemanden auf seinen Fehler hin.“

Wenn Hartmut Hergert die Regeln erklärt, klingt es irgendwie ganz einfach. Aber so einfach ist es nur, wenn man sich jahrelang damit beschäftigt hat – so wie der zertifizierte Tanz- und Umgangsformenlehrer. Bis es soweit ist, bedarf es jahrelanger Übung. Auch bei den Jugendlichen dauert es gewiss noch – bei Hergert sind sie jedoch in den besten Händen.

Wer bestimmt Benimm-Regeln? Es gibt einen Arbeitskreis für Umgangsformen in Deutschland. Vorsitzende ist Inge Müller, sie hat bereits über 20 Bücher veröffentlicht, die sich mit Umgangsformen und Verhalten beschäftigen. Der Arbeitskreis trifft sich regelmäßig um über neueste Entwicklungen zu diskutieren und legt dann Richtlinien fest. Mittlerweile ist es zum Beispiel erlaubt, Kartoffeln mit dem Messer zu schneiden. Was früher als unfein galt, ist jetzt akzeptabel. Kartoffeln sollten nicht mit Messern geschnitten werden, da das Kartoffel-Wasser das Silber des Messer hätte angreifen können. Da heutzutage nur nicht wenig Silberbesteck verwendet wird, hat der Arbeitskreis diese Regel aufgehoben. Ganz ähnlich ist es auch beim Niesen: Mittlerweile ist es wieder gesellschaftsfähig dem Niesenden „Gesundheit“ zu wünschen. Es sollte jedoch immer an die Situation angepasst werden. In großen Gruppen ist es nicht ratsam zu viel aufmerksam auf den Niesenden zu lenken.
„Es ist nicht so, dass die jungen Leute keine Umgangsformen hätten.“ Hartmut Hergert
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