Geschäftsbericht Vom Schiffstau zum Badteppich

Seit 50 Jahren produziert die Firma Kleine Wolke Badteppiche. Wo ab 1793 Tauwerk für die Hochseefischerei hergestellt wurde, entstanden nach 1945 borstige Sisalteppiche und dann flauschige Vorleger.
25.06.2018, 21:00
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Von Imke Molkewehrum

Vegesack. Gabi Hilke sitzt allein in der Ecke einer großen Lagerhalle der Nordbremer Textilgesellschaft Kleine Wolke und tuftet Badteppiche. Auf einem raumgreifenden Garngitter stecken Spulen mit unterschiedlich eingefärbten Polyacrylfäden. Die führen zu einer robusten, roten Nähmaschine mit zehn Nadeln, in die jeweils vier Fäden eingefädelt sind.

„Ich arbeite seit 30 Jahren hier in der Mustertufterei“, sagt Hilke und greift zu einem Gewebeträger mit dem Muster „Carat“, das aktuell getuftet werden soll. Ein Badeteppich mit einer Art Mauerwerk in Beige und Weiß. „Das ist echte Handarbeit und wird nie langweilig, weil wir immer neue Muster in verschiedenen Farben produzieren“, betont die Expertin. Von dem Modell „Carat“ wird sie jeweils 19 Exemplare in der Größe 55 mal 55 Zentimeter für Handelsvertreter herstellen. „Für jedes Muster brauche ich etwa eineinhalb Stunden“, sagt Gabi Hilke.

„Das ist eine Wissenschaft für sich, aber sonst könnte das ja jeder machen“, betont Michael Grimbo, Geschäftsführer des traditionsreichen Nordbremer Unternehmens, das derzeit 120 Mitarbeiter beschäftigt, die rund 5000 Kunden in 40 Ländern betreuen.

In Bremen-Nord werden die Muster entwickelt, gefertigt werden die Endprodukte aber seit einigen Jahren in Fernost. „In Deutschland fertigen zu lassen, ist wirtschaftlich nicht darstellbar“, bedauert der 49-Jährige. Wegen der Verlagerung der Produktion nach Asien werde heute zudem weniger als die Hälfte des ursprünglich 55 000 Quadratmeter großen Betriebsgeländes an der Fritz-Tecklenborg-Straße genutzt, sagt Projektleiterin Anne Zeffler.

"Heute verkaufen wir pro Jahr eine knappe Million Teppiche“, berichtet Michael Grimbo, während er treppauf, treppab durch endlos lange Flure und Lagerhallen eilt. Der Jahresumsatz der Firma von Kleine Wolke liege „im mittleren zweistelligen Millionenbereich“ und basiere zu 45 Prozent auf dem Verkauf von Badteppichen. Der Hauptmarkt sind Deutschland, Österreich und die Schweiz. Angeboten wird die Ware in Möbelhäusern, Baumärkten, im Versandhandel und in Fachgeschäften.

Von vielen Produktlinien des Sortiments hängen Exemplare an langen Stangen bis unter die Decke. „Im Außenlager in Ihlpohl haben wir außerdem noch 3000 unterschiedliche Varianten vorrätig“, sagt Grimbo. „Darunter sind aber natürlich auch Ladenhüter“, räumt er ein.

„Dafür ist der Relax ein Dauerbrenner“, sagt Anne Zeffler und greift zu einem rubinroten leicht changierenden Teppich. Sehr gefragt seien auch mehrfarbige Badteppiche mit Ankern oder Seesternen oder ausgefrästen, flacheren grafischen Linien und Formen. Auch Caro, ein Teppich mit Würfelmuster, ist seit mehr als zehn Jahren in neun verschiedenen Farbstellungen ein Verkaufsschlager. „Bei der Auswahl der Modelle für neue Kollektionen darf man sich aber nicht nach seinem eigenen Geschmack richten“, betont Grimbo.

Eine gute Spürnase für aktuelle Badezimmer-Trends ist für den Erfolg des Unternehmens von zentraler Bedeutung. Im Firmenatelier denken sich daher fünf Produktmanager und -designer einmal pro Jahr bis zu zwölf neue Teppichmodelle aus. „Die werden dann in verschiedenen Farben und etwa vier verschiedenen Größen produziert“, sagt der Geschäftsführer. Jeweils im September beginnt die Auswahl für die nächste Kollektion, ab Februar wird die Ware angefertigt und kommt dann im September in die Geschäfte.

Der Blick in drei ältere Kataloge zeigt: Jedes Jahrzehnt hat seine markanten Trends. Ovale Rennbahnteppiche gehören zur Produktpalette von 1976. Dazu gesellten sich die WC-Umrandungen für Standtoiletten, auf deren Sockel knallbunte Pril-Blumen klebten. Zur Duschwelt von 1983 gehörten eher einfarbige Accessoires mit Keramiken in derselben Farbe – gern auch in Curry, Braun oder Grün. 1995 dominierten dagegen knallbunte grafische Teppichmuster in heimischen Bädern.

„Insgesamt haben wir heute 95 Farben zur Verfügung“, erläutert der Firmenchef und zeigt auf dem Weg durch die endlosen Lagerhallen auf Hunderte Garnrollen, die in Asien eingefärbt und in Bremen-Nord zu Musterteppichen verarbeitet werden. „Wir verwenden teilweise auch Wolle, Baumwolle oder Mikrofaser für Badteppiche, sagt der Firmenchef, „aber hauptsächlich hat sich Polyacryl als Garn bei den Badteppichen durchgesetzt“.

Zur Produktpalette von Kleine Wolke gehören inzwischen aber längst auch Duschvorhänge und -stangen, Wanneneinlagen, Bettwäsche, Frottierwaren, WC-Sitze und Accessoires. „Natürlich gibt es Konkurrenten auf dem Markt, aber die sprechen eine andere Zielgruppe an, beispielsweise den 19-jährigen Studenten“, sagt der Kleine Wolke-Geschäftsführer. "Unsere Kunden haben eher Qualitätsbewusstsein." Zudem sei es auch möglich, individuelle Teppiche nach Maß anzufertigen. Stichdichte, Florhöhe oder Design können der Kunde dann selbst bestimmen. Ein Bundesligawappen, Namenszüge, Klaviertasten oder ein Hochzeitsdatum: Vieles ist machbar.

Dabei hatte ursprünglich alles ganz anders angefangen. Noch heute zeugt im Bürotrakt ein dickes Stück Tauwerk von der wechselhaften Vergangenheit des Firmengeländes nahe der Lesum. Ursprünglich befand sich hier nämlich die Bremer Tauwerkfabrik, die im Jahr 1793 vom Reepschläger Claus-Hinrich Michelsen gegründet wurde.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts deckte der Betrieb wegen der steigenden Schiffbauzahlen im Unterwesergebiet vor allem den Bedarf an Tauwerk für den Walfang und die Hochseefischerei. Im Zuge der Industrialisierung erlebte das Unternehmen einen rasanten Aufschwung und wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Bremer Tauwerk AG bereits mehr als 500 Beschäftigte. Zur Produktpalette gehörten auch Erzeugnisse aus Hanf und Sisal.

Das Aktienkapital war nach dem Ersten Weltkrieg auf ein Achtel geschrumpft. Im Jahr 1927 erschien jedoch ein Lichtstrahl am Horizont – verkörpert durch Fritz Tecklenborg, der die Aktienmehrheit erwarb und das Unternehmen wiederbelebte. Wegen geringer Kriegsschäden lief das Unternehmen auch nach dem Zweiten Weltkrieg gut, und der Tauwerkfabrik wurde eine Teppichweberei angegliedert, die unter anderem auch Sisalteppiche und -läufer produzierte.

„1968, also genau vor 50 Jahren, kam dann der erste Badteppich unter dem neuen Markennamen Kleine Wolke auf den Markt“, erzählt Anne Zeffler. Den Namen habe sich der damalige Geschäftsführer Günther Brinkmann angeblich während einer Flugreise über den Wolken ausgedacht. Er sollte die flauschige Beschaffenheit des Produktes vermitteln.

„Die Badteppiche waren erste kleine Versuche auf diesem Gebiet“, sagt Michael Grimbo, aber in den 80er-Jahren hätten sich die Produkte wohl auch dank des sympathischen Namens dann etabliert und die Firma habe sich 1997 schließlich unter diesem Markennamen auf Badprodukte fixiert. „Die Konkurrenz ist erst ein paar Jahre später auf den Zug aufgesprungen“, sagt der Geschäftsführer, „aber wir waren immer die Platzhirsche.“

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