Schule im Knast Vom Schläger zum Streber

Früher war Mike Fischer* ein harter Typ und immer voll drauf. Kokain hat er geschnupft, Marihuana geraucht und Ecstasy geschluckt. Doch der Knast hat ihn verändert.
23.08.2015, 00:00
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Vom Schläger zum Streber
Von Christian Weth

Früher war Mike Fischer* ein harter Typ und immer voll drauf. Kokain hat er geschnupft, Marihuana geraucht und Ecstasy geschluckt. Doch der Knast hat ihn verändert.

Alles, was an Drogen da war, nahm er. Auch mit Gewalt. Jetzt liest er den Vorleser von Bernhard Schlink. Regina Pietzuch-Babovic, seine Deutschlehrerin, will es so. Fischer, 19, kurz geschorenes Haar, rundes Gesicht, große Brille, hat für das Buch nur ein Wort: „Real.“ Und für sich fünf Wörter: „Ich bin ein guter Schüler.“

Fischer sagt es so, als wundere er sich selbst über den Satz. Im Klassenzimmer sitzt er nicht ganz vorne, aber auch nicht ganz hinten. Seine Lehrerin sagt über ihn, dass er das Zeug hat, das Abitur zu schaffen. Wenn er so weiter macht, wenn er aus dem Knast raus ist.

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Jetzt ist er erst einmal drinnen. Seit Februar sitzt er ein, und seit März in der Klasse von Regina Pietzuch-Babovic, um den erweiterten Hauptschulabschluss zu machen. Sie sind zu siebt im Klassenzimmer. Es gibt mehr Tische und Stühle als Personen im Raum. Einige, sagt Andreas Strassemeier, haben schon abgebrochen.

Strassemeier, 49, breite Schultern, fast zwei Meter groß, ist in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen der Schulleiter. Ein Rektor, der die Schüler lieber Teilnehmer nennt und statt Klasse lieber Kurse sagt. Das klingt erwachsener. Die meisten, die im Gefängnis ihren Abschluss nachholen, sind keine Jugendlichen mehr, sondern Männer. Der älteste Seminarteilnehmer ist 53.

Körperverletzung und Raub

Fischer gehört zu den jüngeren, aber nicht zu den jüngsten. Die sind 17. Als er in diesem Alter war, hat er einen anderen zusammengeschlagen und ausgeraubt. Fischer schlug so lange und hart auf sein Opfer ein, dass es ins Krankenhaus gebracht werden musste. Er nahm alles, was er in den Taschen des Verletzten fand: Geld, ein Handy, das war es. Das Mobiltelefon wollte er verkaufen, um sich Stoff verschaffen zu können. Kokain, Marihuana, Ecstasy, irgendwas.

Doch die Polizei war schneller. Sie nahm ihn fest. Es kam zum Prozess, zum Richterspruch: drei Jahre Jugendhaft wegen Raubes und Körperverletzung. Es ist ein Urteil, das Schulleiter Strassemeier schon oft gehört hat. Männer und Jugendliche, die zugeschlagen haben, gibt es viele in den Kursen. Sie sitzen neben Erpressern, Betrügern und manchmal neben Mördern. „Wir haben alles hier.“

Kriminelle Familiengeschichten

Verurteilt wurde Fischer in Kempten im Allgäu, wo er zehn Jahre gelebt hat. Ins Gefängnis nach Oslebshausen kam er, weil er gebürtig aus Bremen stammt und seine Schwester hier wohnt. Mehr Familie hat er nicht. Die Mutter ist im Dezember gestorben, der Kontakt zum Vater schon lange abgebrochen. Fischer zuckt mit den Schultern. „Entweder wird er noch gesucht oder ist wieder im Knast.“ Ihre Geschichten ähneln sich.

Auch der Vater war auf Droge. Oder ist es noch. Der Sohn sagt, dass er clean ist, seit er im Gefängnis sitzt. Es ist ein Ort, das weiß er, an dem es fast jede Droge gibt. Auch in der Schule. Regelmäßig, sagt Rektor Strassemeier, werden die Klassenräume durchsucht. Und regelmäßig finden die Beamten etwas. Deshalb gibt es Tests für die, die behaupten, keine Drogen mehr zu nehmen. „U K“, sagt Fischer kurz. Urinkontrolle.

Noten für Drogentests

Auch die Tests kann man fälschen. Ja, sagt Strassemeier, möglich ist das, aber schwer, sehr schwer. Fischer hebt abwehrend die Hände. Er hat es gar nicht erst probiert, weil er nicht fälschen, sondern es wirklich schaffen will, sauber zu bleiben. Die Kontrolle, sagt er, ist nicht irgendetwas, sie ist wichtig. Ist der Urintest negativ, wirkt sich das positiv auf die Note aus, die Lehrer jeden Monat den Schülern geben.

Alles wird bei der Bewertung berücksichtigt, das Verhalten in den Zellenblocks, die Leistung im Unterricht und eben das Ergebnis der Urinkontrolle. Fischers mieseste Note war bisher zwei Komma fünf. Sechs ist das Schlechteste, eins das Beste. Neulich hat Fischer sogar das Beste noch übertroffen. Im Rechnen bekam er eine Eins plus. Mathe und Englisch mag er am liebsten. Nur Politik findet er langweilig.

Früher fand er jedes Fach öde. Er ging nach der achten Klasse ab. Angesagter als Schule war bei ihm die Clique. Mit ihr zog er um die Häuser, statt im Unterricht zu sitzen. Auch im Knast gibt es Cliquen. Fischer sagt, dass er keiner Gruppe angehört, dass er weder Ärger machen noch haben will.

Beliebter Streber

Er versucht, sich rauszuhalten, wenn andere in der Klasse streiten. Und sich zusammenzureißen, wenn er selber schlecht drauf ist. Er lernt erst im Unterricht von acht bis Viertel nach zwei, dann in der Zelle. Dort macht er nicht nur die Hausaufgaben, sondern liest auch die Bücher, die Deutschlehrerin Regina Pietzuch-Babovic ihm gibt. Schulleiter Strassemeier nennt ihn einen mustergültigen Teilnehmer. Fischer lächelt. Dann schüttelt er den Kopf. Schwierigkeiten, bei den anderen als Streber zu gelten und unten durch zu sein, hat er nicht. „Sie fragen mich sogar manchmal, wenn sie nicht mehr weiter wissen.“

Raus, so schnell es geht

Fischer macht den Eindruck, dass es für ihn immer weiter geht. Er will den Abschluss: erst den erweiterten Hauptschul-, dann den Realschulabschluss, dann das Abitur. Und er will raus, so schnell es geht. Der Unterricht hilft ihm dabei. Oder besser: jeder Abschluss. Schafft er einen, verkürzt sich die Zeit im Knast. Fischer spricht von Endstrafe. Nach Rechnung der Richter in Kempten muss er bis November 2017 hinter Gittern bleiben. Eigentlich.

Schulleiter Strassemeier meint, dass Fischer gute Chancen hat, früher entlassen zu werden. Weil er fest davon ausgeht, dass der die Hauptschulprüfung besteht, um im nächsten Jahr, das hofft Strassemeier zumindest, in den offenen Vollzug zu wechseln. Fischer muss Freigänger werden, wenn er den Realschulabschluss machen will. Diesen Unterricht bietet nicht die Knastschule, sondern die Erwachsenenschule an, nicht drinnen im Gefängnis, sondern draußen in Freiheit.

Es gibt nicht viele, die in der Anstaltsschule geschafft haben, was Fischer vorhat. Rektor Strassemeier kann die Freigänger vom vergangenen Schuljahr an drei Fingern abzählen. Für dieses Jahr bleibt seine Hand eine Faust. Es gibt keinen einzigen. Der Realschulabschluss ist der höchste Abschluss, den ein Kursteilnehmer bisher erreicht hat. In der aktuellen Ausgabe der Gefängniszeitung „Diskus 70“ wird kritisiert, dass es keinen eigenen Realschulkursus gibt. Strassemeier sagt, was sein Stellvertreter im Anstaltsmagazin sagt. Dass die Teilnehmerzahlen das nicht hergeben. Und dass es an Personal mangelt.

Schule als Insel

Fischer hat vier Lehrer. Und alle, sagt er, sind gut. Weil sie sich Zeit nehmen. Weil sie auch mehrmals dasselbe gefragt werden können, ohne genervt zu gucken. Und weil sie es irgendwie schaffen, wenigstens eine Zeit lang den Gefängnistrott vergessen zu machen. Auch darum, meint Strassemeier, sind die Kurse begehrt: „Sie sind für viele eine Insel.“

Wer nicht unterrichtet wird, hat entweder einen Job in einer Werkstatt oder gar nichts zu tun. Und das, sagt er, ist das Schlimmste. Später, kurz vor Mittag, teilt er den Männern mit, dass der Unterricht am Nachmittag ausfällt, weil eine Kollegin krank geworden ist. Fischer, den Jutebeutel geschultert, der seine Schultasche ist, schaut so ernst wie alle anderen.

*Name von der Redaktion geändert.

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