Umbau der "Alexander von Humboldt"

Vom Segelschiff zum schwimmenden Gasthaus

Der Dieselmotor im Rumpf der "Alexander von Humboldt" ist zwar noch da, aus eigener Kraft wird der Segler aber wohl nie mehr übers Wasser gleiten. Das einstige Segelschiff ist jetzt ein Restaurant.
16.02.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Vom Segelschiff zum schwimmenden Gasthaus
Von Nikolai Fritzsche
Vom Segelschiff zum schwimmenden Gasthaus

Volle Kraft ins Glas: Der alte Maschinentelegraf am Zapfhahn im Salon „Blaue Lagune“.

Volker Crone

Der Dieselmotor im Rumpf der „Alexander von Humboldt“ ist zwar noch da, aus eigener Kraft wird der Segler aus dem Jahr 1906 aber wohl nie mehr übers Wasser gleiten. Damit hat auch der Maschinentelegraf ausgedient, mit dem der Vortrieb vom Deck aus dosiert werden konnte. In neuer Funktion wird der goldene Apparat aber auch in Zukunft an Bord sein: Er ziert jetzt den Zapfhahn am Tresen im Salon des Hotels und Restaurants zu Wasser, das ab Mai im Europahafen und ab Frühjahr 2016 dann an der Schlachte Gäste empfangen soll.

Jörn Haumüller sitzt auf einem langen Buchenholztisch, die Füße auf die Sitzbank aus Mahagoni-Furnier gestützt. Wir befinden uns im Hauptdeck, direkt gegenüber der Kombüse im sogenannten Gastraum Zwei. Der 34-Jährige verwendet lieber einen Begriff, der weniger nach Gastronomie und mehr nach Seefahrt klingt: „Das hier ist die Backbordmesse.“

Haumüller muss es wissen, denn als er voriges Jahr die Projektleitung für den Umbau der „Alex“ in ein schwimmendes Gasthaus übernahm, kannte er das Segelschiff bereits seit fünfzehn Jahren. Weil er die Ausbildung zum Brauer und Mälzer bei Beck’s als Jahrgangsbester abschloss, durfte er einige Wochen lang auf dem Schiff aus der Fernsehwerbung mitsegeln – und tat das danach immer wieder.

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Der Umbau der stählernen Bark in der Bremerhavener BVT-Werft ist für ihn deshalb mehr als nur ein Projekt: „Wenn dein Herz an einem Schiff hängt, machst du alles noch ein bisschen genauer. Die ,Alex’ ist schon irgendwie mein Schiff.“ Der Unternehmer Heiko Rataj, der die „Alexander von Humboldt“ vor einem Jahr gekauft hatte, ließ Haumüller beim Innenausbau einige Freiheiten. „Hübsch muss es werden, hat er gesagt. Und er wollte möglichst viel Originales erhalten“, erzählt der studierte Schiffsbetriebstechniker. Durch den schmalen Mittelgang des Schiffs erreichen wir den achtern gelegenen Salon.

Sieben Monate Umbau

An den holzvertäfelten Wänden hängen alte Plaketten und Urkunden, in einem Rahmen ist der Taufbrief des Schiffs zu sehen. Auf hoher See war der Salon den Offizieren vorbehalten, die sich ihr Bier auf weichen Polstern sitzend schmecken ließen. Der Rest der Mannschaft nahm währenddessen in der Mitte des Hauptdecks auf blankem Holz Platz. Für den Gastbetrieb mussten nun neue Polster her, die Farbe aber, die dem Salon den Beinamen „Blaue Lagune“ einbrachte, blieb die gleiche. Ebenfalls in Blau gehalten, aber kein bisschen original ist der neu installierte kleine Clubraum, in dem rund 15 Personen unter sich sein können und der früher als Schiffshospital diente. Auch ein kleiner Maschinenraum wurde umfunktioniert: Wo einst der Hilfsdieselmotor arbeitete, befindet sich nun eine der Schlafkammern. Und der schmale Raum neben der Kombüse, wo künftig Bier gezapft oder Cola eingeschenkt wird, war vor dem Umbau eine Toilette.

Vor fünfzehn Jahren fuhr Jörn Haumüller erstmals auf der „Alexander von Humboldt“. Nach ungezählten Törns mit dem Segler leitet er jetzt den Umbau zum Hotel und Restaurant.

Vor fünfzehn Jahren fuhr Jörn Haumüller erstmals auf der „Alexander von Humboldt“. Nach ungezählten Törns mit dem Segler leitet er jetzt den Umbau zum Hotel und Restaurant.

Foto: Volker Crone

Sieben Monate lang werkelten jeden Tag durchschnittlich zehn Arbeiter im Inneren der „Alex“. Während oben, unter freiem Himmel, noch Tresen, Sonnensegel und Sitzmöbel fehlen, ist der Innenausbau seit Kurzem abgeschlossen. Jörn Haumüllers weißer Baustellenhelm liegt deshalb in der Backbordmesse auf dem Tisch, seit wir unseren Rundgang begonnen haben. Auf der langen Sitzbank, wo jetzt seine in Sicherheitsschuhen steckenden Füße ruhen, sollen ab Mai die ersten Gäste Platz nehmen. Schiffstypisch eng wird es dabei zugehen – Stühle oder Einzelsitzbänke gibt es nicht. Passt das zur norddeutschen Mentalität? Haumüller hat noch leise Zweifel: „Ich bin gespannt, wie das wird, wenn fremde Leute hier in der Backbordmesse zusammensitzen. Unten im Bayerischen ist das ja ganz normal, an langen Tischen zusammenzuhocken. Hier bei uns im Norden ist man da ein bisschen zurückhaltender.“

Ob es auf der „Alex“ kuschelig zugeht, bleibt also abzuwarten. Damit es in jedem Fall warm wird, wurde das Schiff mit einer neuen Heizung ausgestattet, die norddeutschen Wintern standhält. Die alte war nämlich nicht für den Winterbetrieb ausgelegt, da das Segelschiff die hierzulande kalten Monate stets in der Karibik oder ähnlich warmen Regionen verbrachte.

Kammer mit Aussicht: Bullaugen als Schlafzimmerfenster.

Kammer mit Aussicht: Bullaugen als Schlafzimmerfenster.

Foto: Volker Crone

Dass sie sich auf einem Schiff befinden, werden Übernachtungsgäste trotz aller Annehmlichkeiten wie dem eigenen Bad, das an jede Kammer anschließt, zu keinem Zeitpunkt vergessen. Auf engstem Raum sind Schränke und die Etagenbetten untergebracht – eins oder zwei, je nachdem, ob man ein Zweier- oder ein Viererzimmer bucht. Immerhin haben die Tischler der Cuxhavener Firma Saborowski Zwei-Meter-Betten in die kleinen Kajüten gezimmert – anstelle der oft schon großzügig gemessenen Einsneunzig, an denen hochgewachsene Menschen sich auf vielen Schiffen stoßen.

Geschicklichkeit wird trotzdem allen abverlangt, die auf der „Alexander von Humboldt“ übernachten wollen. So schlafwandlerisch sicher wie Jörn Haumüller dürften nur erfahrene Seeleute zu den Schlafkammern ins Zwischendeck gelangen. Die Niedergänge, die vom Hauptdeck nach unten führen, sind extrem steil, und die Stufen so schmal, dass gerade einmal die Zehen darauf Platz finden. Und das dann auch noch mit Gepäck?

Jörn Haumüller kann da – wir sind inzwischen über einige Metallsprossen noch eine Ebene tiefer in den Heizungsraum im Schiffsrumpf gestiegen – nur müde lächeln. „Die Öltanks für die neue Heizung mussten auf demselben Weg hier runter, den wir gerade genommen haben. An Kettenzügen haben wir die mit vier Mann hier runtergehievt. Eine schöne Schinderei war das.“ Wieder auf dem Hauptdeck angekommen, fällt die Vorstellung schwer, dass alles, was sich jetzt unter Deck befindet, durch die kaum mehr als schulterbreiten Gänge dorthin gelangt ist.

Die Segel bleiben eingepackt

„Barrierefrei ist das hier natürlich nicht. Und auch sonst mussten einige Sondergenehmigungen her,“ erzählt Jörn Haumüller. Weil die Stadt der „Alex“ enorme Bedeutung für die Attraktivität Bremens zumisst, wurde „von Behördenseite alles möglich gemacht“, berichtet der 34-Jährige. Bei allem Wohlwollen wird ein Wunsch des Eigentümers aber unerfüllt bleiben. Er wollte die „Alex“ während der Sommermonate so zeigen, wie jedermann sie kennt und wie sie auf zahlreichen Fotos in den Gasträumen abgebildet ist: voll aufgetakelt, mit geblähten grünen Segeln.

Wenn auf der „Alex“ im Mai der Betrieb losgeht, werden die originalen Segel zwar angeschlagen sein, sie müssen aber zu allen Zeiten eingerollt bleiben. „Hafenfertig gepackt“, wie Seeleute dazu sagen. Der Zug auf die Seile, mit denen das Schiff am Anleger festgemacht wird, wäre sonst zu stark. „Die Takelage bietet dem Wind ohnehin schon hundert Quadratmater Angriffsfläche“, erklärt Haumüller. Mit gesetzten Segeln wären es über tausend. Trotzdem bedauert er, dass die „Alex“ im Europahafen und an der Schlachte nicht in voller Pracht zu sehen sein wird. „Aber es wäre zu schade, wenn die Gute sich auf die Seite legt.“

Übergangsheimat Überseestadt

Anfang 2014 deutete nichts darauf hin, dass die „Alexander von Humboldt“ noch mal in neuem Glanz erstrahlen würde. Der Schiffsrumpf dümpelte abgetakelt im Bremerhavener Fischereihafen vor sich hin; Masten, Rahen, Segel und Seile lagerten in einer Werfthalle. Wenn die Bark im Frühjahr 2016 ihre neue Heimat an der Schlachte bezieht, wird das Segelschiff für kurze Zeit so ähnlich aussehen wie damals: Für den Umzug an die Schlachte muss die mit allen Aufbauten rund 50 Meter hohe „Alex“ erneut abgetakelt werden, damit sie unter den vier Brücken hindurchpasst, die die Weser auf dem Weg zum Anleger 1 überspannen.

In der Backbordmesse saß früher die Mannschaft beim Bier.

In der Backbordmesse saß früher die Mannschaft beim Bier.

Foto: Volker Crone

Auf der „Alex“ essen, trinken und übernachten können Gäste aber schon deutlich früher. Mitte April diesen Jahres wird der Segler in die Marina Europahafen geschleppt, wo im Mai der Betrieb beginnen soll. Währenddessen wird an der Schlachte der Anleger 1 für die „Alex“ umgebaut. Unter anderem muss eine Liegewanne für den Segler ausgebaggert werden, der sonst bei Niedrigwasser wegen seiner 4,80 Meter Tiefgang auf Grund liefe.

Die Speisekarte auf der „Alex“ wird fünf bis zehn Gerichte umfassen und häufig wechseln, erklärt Betriebsleiter Florian Peters. „Wir machen auf keinen Fall nur Labskaus.“ Stattdessen sind Themenwochen „auf den Spuren des Namensgebers Alexander von Humboldt“ geplant. Auch typische Gerichte aus Ländern, in denen die „Alex“ angelegt hat, werden serviert.

Zusätzlich zum Hotel- und Restaurantbetrieb sind an Deck und im Inneren des Schiffs Konzerte und andere Veranstaltungen geplant. Auch Open-Air-Kinovorführungen an Deck mit einem Segel als Leinwand sind angedacht.

Die „Alex“ nach dem Umbau

120 Sitzplätze im Hauptdeck verteilen sich auf einen Salon, drei Gasträume und einen Clubraum. Weitere 200 Personen finden unter freiem Himmel an Deck Platz. Neun Zweier- und fünf Vierer-Kammern bieten insgesamt 38 Schlafplätze.

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