Serie: Alles Müll, oder?! Vom Umtüten zum Umdenken

Für die Supermärke ist es ein Spagat: Einerseits stehen sie für Nachhaltigkeit ein, andererseits dem Verpackungswahn und Hygienevorschriften gegenüber. In unserer Serie geht es um Müll beim Einkauf.
18.07.2018, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Milena Schwoge

Landkreis Osterholz. „Früher gab es nur einen Laden um die Ecke. Bohnen, Linsen und andere Hülsenfrüchte gab es lose zu kaufen. Wurst und Käse wurden im Laden von großen Laiben abgeschnitten und in Pergamentpapier eingewickelt.“ So beginnt Annemarie Lampe vom Abfall-Service Osterholz (Aso) den Aufklärungsunterricht, wenn sie wieder mal Schulen und Kindergärten im Landkreis Osterholz besucht. Es sind Geschichten, denn das Einkaufsverhalten der Menschen hat sich über die Jahrzehnte nachhaltig verändert.

Nicht so nachhaltig ist dagegen oft der Umgang mit Plastik in den Märkten. Wer versucht, bei seinem Einkauf auf Kunststoff zu verzichten, wird schnell vor eine Herausforderung gestellt. Einer Studie im Auftrag des Naturschutzbundes (Nabu) zufolge werden Obst und Gemüse in Deutschland immer häufiger in Verpackungen verkauft. Rund 63 Prozent der Lebensmittel im Supermarkt befinden sich in Schalen mit und ohne Deckel, Netzen, Nestern oder Folien. Allein in Deutschland fallen jährlich über 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Laut Umweltbundesamt ist die Tendenz steigend. Statistisch gesehen entspricht das einem Pro-Kopf-Aufkommen von 37 Kilogramm Kunststoff aus Verpackungen im Jahr. Selbst umweltbewusste Kunden, die beim Einkaufen einen Beutel von zu Hause mitbringen, sind da machtlos. Zwischen 2000 und 2016 hat der Kunststoffbedarf für Vorverpackungen bei Obst um 94 Prozent und bei Gemüse sogar um 186 Prozent zugenommen. Der Trend geht allgemein zu kleineren Packgrößen und materialintensiveren Kunststoffverpackungen. Eine Beobachtung, die auch Lampe bestätigt. „Das hängt mit der steigenden Anzahl an Ein- und Zweipersonen-Haushalten zusammen. Senioren und Singles konsumieren deutlich weniger als Familien.“

Verpackungen sind in erster Linie Schutz und Dienstleistung. Sie präsentieren den Inhalt so, dass der Kunde sieht, was er kauft, und sie schützen vor Beschädigungen sowie Verderb bei Transport und Lagerung. Zudem tragen sie Informationen über Zusammensetzung, Gewicht oder Herkunft und Haltbarkeit eines Produkts. Und sie bieten der Industrie Platz für Werbung. „Verpackungen können Waren schützen. Aber ein Produkt muss deshalb nicht drei Mal eingepackt sein. Dafür sind die Hersteller verantwortlich“, stellt Lampe klar. Den Märkten seien an der Stelle oft die Hände gebunden.

Doch es gibt auch andere Beispiele: Im Sommer 2016 trennten sich deutschlandweit sämtliche Rewe-Filialen von der Plastiktüte. Dadurch spart der zweitgrößte deutsche Lebensmitteleinzelhändler nach eigenen Angaben jährlich rund 1400 Tonnen Plastik ein. Auch Marktleiter Mischa Ludwig hat im Marktkauf am Pumpelberg in Osterholz-Scharmbeck den Plastiktüten den Kampf angesagt. „Die wenigsten Plastiktüten erfahren nach dem Einkauf ein zweites Leben. Viel zu viele werden nicht richtig entsorgt und landen später in Gewässern, wo sie der Umwelt schaden“, betont er. Lidl stoppte im Frühjahr 2017 als erster Discounter ebenfalls den Plastiktütenverkauf. Beim Konkurrenten Aldi sind zum Teil zwar noch Plastiktüten im Umlauf, jedoch sollen die verbleibenden Einwegtaschen bis Ende 2018 schrittweise abgeschafft werden. Auch Edeka bietet seinen Kunden alternative, umweltfreundliche Transportmöglichkeiten an. Komplett auf die Plastiktüte verzichtet das Unternehmen jedoch bisher nicht. „Bei uns kann der Kunde entscheiden, ob er für 15 Cent eine Plastiktüte oder stattdessen lieber eine der anderen Tragetasche kaufen oder einen Beutel von zuhause mitbringen möchte“, erklärt Sigrid Sackmann. Der Inhaberin der Edeka-Filiale in Hambergen zufolge sei der Verkauf von Plastiktüten an den Kassen auch ohne Verbot, allein durch die Gebühr, zurückgegangen.

Um die Umwelt künftig noch stärker zu schonen, reicht der Fortschritt in der Obst- und Gemüseabteilung sogar schon bis zum „natürlichen Labeling“, das bisher jedoch nur in ausgewählten Rewe- und Penny-Märkten in Nordrhein-Westfalen getestet wurde. Dabei wird das Logo direkt aufs Gemüse oder Obst gelasert – ganz ohne Plastikverpackung. Einfluss auf Qualität, Haltbarkeit oder Geschmack soll die Laser-Methode nicht haben. Viktor Adler zeigt in seinem Rewe-Markt in der Kreisstadt, dass es auch etwas einfacher geht. Seit knapp sechs Wochen werden in der dortigen Obst- und Gemüseabteilung Papiertüten angeboten, die nach und nach den Kunststoff-Knotenbeutel ersetzen sollen. „Bei den Kunden kommt die umweltfreundliche Alternative gut an. Die Nachfrage ist groß“, berichtet er. Dennoch hält der Marktleiter Innovationen wie das natürliche Labeling für realistisch. In der Marktkauf-Filiale in Osterholz-Scharmbeck können Kunden währenddessen Mehrwegnetze für ihr Obst und Gemüse erwerben. „Die Netze sind eine umweltfreundliche Alternative und können sogar gewaschen und wiederverwendet werden“, so Ludwig.

Selbst Bio-Lebensmittel sind im Supermarkt häufig in Plastik eingepackt, liegen in einer Styropor-Schale oder sind – wie die Bio-Gurke – in Folie eingeschweißt. Wer sich bewusst und ökologisch ernährt, achtet allerdings meist auch darauf, Müll zu vermeiden. Laut EU-Verordnung müssen Bio-Produkte im Laden eindeutig als solche erkennbar sein. Bei zwei auf den ersten Blick kaum unterscheidbaren Gurken kann das jedoch schnell zum Problem werden. Um auch an der Stelle dem Müllvermeidungsgedanken gerecht zu werden, hat sich Rewe dazu entschieden, die in geringerer Stückzahl produzierte Ware zu verpacken. Hintergrund: „Eine Verpackung von Bio-Produkten bedeutet zugleich einen Schutz vor Kontaminierung“, erklärt Viktor Adler. Denn anders als in der ökologischen Landwirtschaft dürfen Produkte aus dem konventionellen Bereich mit Pestiziden und chemischen Pflanzenschutzmittel behandelt werden. „Als Händler haben wir eine gewisse Verantwortung gegenüber dem Endverbraucher, die wir wahren müssen“, sagt auch Mischa Ludwig. Bei allen Entscheidungen müssten daher zunächst gesundheitliche Risiken für den Menschen und Vorteile für die Umwelt gegeneinander abgewogen werden.

So auch an der Wurst- und Käsetheke im Supermarkt. Dort bekommt der Kunde zum Serrano oder Emmentaler meist Plastik als Trenner zwischen den Sorten und als Hülle ums Gesamtpaket dazu. „Auf Wunsch packen wir die Produkte auch in Papier ein, allerdings kann das vor allem bei marinierten Fleischsorten schnell zu einer klebrigen Angelegenheit werden“, berichtet Roswitha Grabau. Die gelernte Einzelhandelskauffrau arbeitet seit 43 Jahren im Verkauf und berät Woche für Woche die Menschen an der Ausgabe in der Rewe-Filiale in der Bahnhofsstraße. Tupperdose und Co. sind aufgrund der Lebensmittelhygiene-Verordnung (LMHV) tabu. „Wir wissen nicht, wo eine Tupperdose vorher gewesen ist und können es daher nicht verantworten. Die Hygiene geht vor.“

Ideen, um das Keimproblem zu umgehen und Umweltschutz und Hygiene auf einen Nenner zu bringen, werden von den Großkonzernen Rewe und Edeka in ausgewählten Filialen schon getestet. Der Kunde bringt probeweise seine mitgebrachte Dose mit, legt sie geöffnet auf ein spezielles Tablett, nachdem er dies zuvor beim Personal angemeldet hat. Der Angestellte füllt dann das entsprechende Produkt hinein und reicht das Tablett an den Kunden zurück, ohne den Behälter anzufassen, somit ohne Kontamination.

Rewe-Marktleiter Viktor Adler beobachtet, dass sich Kunden immer öfter nach umweltfreundlichen Alternativen erkundigen. „Nachhaltigkeit steht für uns ganz oben“, ist er sich mit seinem Kollegen Ludwig einig. Allerdings: „Die Methoden müssen hygienisch einwandfrei und im rechtlichen Rahmen sein.“

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