Der Untergang der "Roland von Bremen" Vom Wahrzeichen zum Hansekoggen-Wrack

Die Hansekogge "Roland von Bremen" war einst ein Wahrzeichen der Stadt. Jetzt wird das stolze Schiff im Hohentorshafen von Pilzen zerfressen. Und wird für die Steuerzahler zum Millionengrab.
02.07.2015, 00:00
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Vom Wahrzeichen zum Hansekoggen-Wrack
Von Anke Landwehr

Dieter Wilhelmi ist einer von denen, die es vorhergesehen haben: „Jetzt ist der Skandal perfekt. Millionen öffentlicher Mittel sind vergeudet, das Wahrzeichen Bremens ist totaler Müll. Eine Schande!“ Der Vorsitzende des sich gerade auflösenden Vereins „Roland von Bremen“ kennt auch den Schuldigen: „Herr Stratmann hat die Kogge verhunzt.“

Herr Stratmann ist Dieter Stratmann, Geschäftsführer der Reederei „Hal över“. Er hat die Hansekogge „Roland von Bremen“ für, so heißt es, 80 000 Euro aus der Insolvenzmasse der Bremer Bootsbau Vegesack gGmbH (BBV) gekauft, deren endgültiges Aus im August 2008 besiegelt war.

Auf der Werft der Beschäftigungsgesellschaft waren mehrere Schiffe gebaut worden, darunter die „Roland von Bremen“ nach dem Vorbild der 1962 aus dem Weserschlick vor dem Europahafen geborgenen historischen Hansekogge. Experten feierten den Fund. Die Kogge war bis Ende des 14. Jahrhunderts der bedeutendste Schiffstyp der Hanse. Ihre Bauweise erlaubte es, mit kleiner Besatzung etwa 90 Tonnen Fracht über Nord- und Ostsee zu befördern.

In den Bremer Nachbau sind mindestens 5,4 Millionen D-Mark öffentliche Gelder geflossen. Die Kosten für das Arbeitsbeschaffungsprogramm teilten sich die EU, die Bundesanstalt für Arbeit und die Stadt Bremen, die eine knappe Million D-Mark beisteuerte. Bei der Kiellegung Ende Juni 1997 in Vegesack, begleitet von einem großen Fest, war die politische Prominenz schier aus dem Häuschen. Der damalige CDU-Landesvorsitzende Bernd Neumann stellte das Schiff in eine Reihe mit Roland, Stadtmusikanten und Fallturm, wie es im WESER-KURIER hieß. Bremen bekomme damit ein viertes, ein maritimes Wahrzeichen. Und der damalige Hafensenator Uwe Beckmeyer (SPD) schwärmte: „Dieses Schiff verdient es, die Schlachte zu schmücken.“

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So kam es denn auch. Am 14. Mai 2000 wurde die „Roland von Bremen“ von Christine Koschnick, Ehefrau von Altbürgermeister Hans Koschnick, noch in Vegesack getauft, bevor der Schwimmkran „Thor“ den Nachbau in einer spektakulären Aktion ins Wasser hievte. Die größtenteils aus Hasbrucher Eichenholz mit 10 000 handgeschmiedeter Nägel zusammengefügte Kogge steuerte die neue Weserpromenade Schlachte an. Was niemand ahnen konnte: Dort würde sie Ende Januar 2014 untergehen, anderntags wieder gehoben und in den Neustädter Hohentorshafen geschleppt werden.

Klotz am Bein

Für Stratmann war sie längst zum Klotz am Bein geworden. Hatte er früher davon geträumt, mit ihr nach Australien zu segeln, war davon schon bald nicht mehr die Rede. Bereits 2009, noch keine zehn Jahre alt, zeigte die „Roland von Bremen“ arge Verschleißerscheinungen. Der WESER-KURIER damals: „Morsch die Planken, schwarz angelaufen das einst strahlende Holz von Aufbauten und Schanzkleid.“

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04 war die Kogge noch als eines von 27 EU-geförderten Vorzeigeprojekten in einer Broschüre aufgelistet worden. Der damalige Wirtschaftssenator Hartmut Perschau (CDU) wollte Brüssel so überzeugen, Bremen weitere Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung zukommen zu lassen. Hin und wieder hatte das Schiff den Anlieger an der Schlachte als „Botschafterin Bremens“ auch tatsächlich verlassen, zum Beispiel 2004, als Bremen Kulturhauptstadt werden wollte; die Bewerbung wurde mit der Kogge nach Berlin gebracht.

Damals war auch der Verein „Roland von Bremen“ mit an Bord. Bis 2010 dauerte die Zusammenarbeit, dann habe Stratmann den „Schiffsüberlassungsvertrag“ gekündigt, berichtet Vorsitzender Wilhelmi. Es war immer häufiger zu Auseinandersetzungen gekommen. Laut Wilhelmi hatte der Verein Stratmann vergeblich aufgefordert, notwendige Reparaturen vornehmen zu lassen. „Wir haben das Schiff bewegt und gepflegt, haben 110 000 Euro aus eigenen Mitteln hineingesteckt.“ Er wirft Stratmann vor, „überhaupt keine Ahnung von Holzschiffen“ zu haben. Weder seien die Segel zum Winter heruntergeholt, noch sei das Schiff ordentlich gelüftet worden.

Der seines Zwecks beraubte Verein löst sich nun auf, während die „Roland von Bremen“ von Pilzen zerfressen wird. Stratmann hatte sie nach dem Untergang für einen Euro an die Beschäftigungsgesellschaft „bras – arbeit für Bremen“ verkauft. Und ihr damit ein faules Ei ins Nest gelegt? „Keineswegs“, sagt Harro Koebnick, stellvertretender Geschäftsführer der „Hal över“-Reederei, „der Zustand war der Käuferin bekannt.“ bras-Projektleiter Uwe Mühlmeyer: „Beide Seiten hatten keine Klarheit über verborgene Mängel, die sind erst bei den Arbeiten erkannt worden.“

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Was verwunderlich ist, da Gutachter die Kogge unter die Lupe genommen haben. In einer Expertise aus dem Jahr 2012 sollen die Mängel durchaus beschrieben oder doch zumindest angedeutet worden sein. Nach ihrem Untergang hatte ein anderer Experte lediglich die Schwimmfähigkeit der Kogge beurteilt und bejaht. Zu den Gutachten wollen sich jedoch weder bras noch „Hal över“ äußern. Schon gar nicht will Koebnick auf die Vorhaltungen Wilhelmis eingehen. „Dazu ist von uns aus bereits alles gesagt.“

Bei der bras ist in den zurückliegenden Tagen mit Hochdruck“ nach einer Lösung gesucht worden. Am Mittwoch fiel die Entscheidung: Laut Projektleiter Mühlmeyer wird die Kogge mit Kunststoff ummantelt und die Schäden im Holz werden teils mit Beton ausgebessert. Die Bruttokosten von rund 200.000 Euro sollen aus Sponsorengeldern aufgebracht werden.

Die Ausgaben würden sich verringern, falls es gelinge, kompetentes Personal aus Langzeitarbeitslosen zu rekrutieren, so Mühlmeyer. Die Arbeiten seien frühestens im Frühjahr 2017 beendet. Danach solle die Kogge, wie geplant, vom Hohentorshafen an die Schlachte gebracht werden, um Bremen als Museums- und Aktionsschiff zu dienen. Für die Steuerzahler, das steht fest, ist die „Roland von Bremen“ dennoch zum Millionengrab geworden.

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