Serie "Die Kapitäne": Edward Pietschik Vom wilden Jungen mit Fernweh

In der Serie über Kapitäne im Bremer Norden stellt DIE NORDDEUTSCHE heute Edward Pietschik vor. Der 55-Jährige ist Korvettenkapitän der Reserve und Werftkapitän bei Abeking & Rasmussen.
29.10.2015, 00:00
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Von Volker Kölling

Schiffbau, Walfang, Fischerei, Kahnschifferei, Lotswesen und das Haus Seefahrt haben zu allen Zeiten dafür gesorgt, dass Kapitäne im Bremer Norden ihr Zuhause fanden. DIE NORDDEUTSCHE stellt in einer Serie Nautiker vor. Heute: Edward Pietschik.

Bevor ein Schiff mit ihm an Bord ausgeflaggt wurde, ist Kapitän Edward Pietschik lieber vorher ausgestiegen. Für den Vegesacker ist das eine Frage des Stolzes. Ohne den Seemann – und damit ohne die Summe aller Transporte zur See – würde Europas Wirtschaft zusammenbrechen, ist die Überzeugung des 55-Jährigen. Als Korvettenkapitän der Reserve sorgt er im Kommandostab der Marine für die Sicherung der Seewege. Im Hauptberuf ist Pietschik Werftkapitän bei Abeking & Rasmussen.

Den Blick auf die Lesum und die Weser mag Edward Pietschik. In Greifenberg nahe Stettin hat er seine Kindheit in einer ganz ähnlichen Landschaft verbracht. Mit zwölf geht er allerdings auf die Schule am Steinkamp, heute Oberschule Lesum. Sein Vater Alfred, ein gelernter Techniker, hat eine Anstellung im Einkauf bei der AG Weser, seine Mutter ist in Grohn in der Schule am Wasser Grundschullehrerin. Edward soll auch Lehrer werden. Aber der Junge ist zu wild, aufmüpfig und hat in der Schule ein loses Mundwerk.

Dann geht die drei Jahre ältere Schwester brav in Münster auf Lehramt studieren und Edward kriegt bei seinem Vater den Berufswunsch Seemann durch: „Das war genau der richtige Zeitpunkt, um den Seesack zu packen.“ Doch die Welt hat nicht auf ihn gewartet. Auf der Heuerstelle in Brake rät man ihm „nicht so mit seinem Abitur herumzuwedeln“. Das bringe nichts. Er könne probeweise zur See fahren. Es geht auf die ÖTV-Seefahrtschule im Bremer Schnoor für die seemännische Grundausbildung. Um ein Seefahrtsbuch zu bekommen, braucht er einen Reeder.

Sein erster Arbeitgeber ist die „Elberna KG“ im erzkatholischen Haren an der Ems. Auf seinem ersten Schiff, der „Huberna“, muss er von Anfang an voll mitmachen und lernt schon in der ruppigen irischen See bei einem Anlegemanöver, wie sehr das Wasser an einem Decksmann reißen kann. In Hamburg kommen die Eltern zu Besuch, als der Sohn gerade Kohle entlädt: „Meine Mutter sah mich in diesem Unter-Tage-Outfit und sagte nur: Pack die Koffer – wir fahren nach Hause.“ Sein Vater führte erst ein beruhigendes Gespräch mit seiner Frau und dann eins auf der Brücke, wo er den Kapitän nach den Plänen der Reederei mit seinem Filius fragte. „Ich durfte dort dann nach anderthalb Monaten abmustern und hatte einen Ausbildungsvertrag zum Schiffsmechaniker in der Tasche.“

Die klassische Matrosenausbildung gab es Anfang der 80er-Jahre noch, aber eine Perspektive hatte man damals eher in dem neuen Ausbildungsberuf, der sowohl die Tätigkeiten an Deck und in der Maschine abdeckte. Decksjunge, Jungmann, Leichtmatrose und dann eben Schiffsmechaniker lauteten seine Stationen auf der Karriereleiter an Bord des 999-BRT-Schiffs „Navaro“.

Mit einem halben Jahr Verkürzung wegen der guten Noten. Der Unterricht fand auf der „Schulschiff Deutschland“ statt. Sein Reeder kürzt ihm kurzerhand die Seezulage – gegen geltendes Recht, wie der junge Mann anzumerken wagt: „Mein Reeder Hubert Schepers schäumte am Telefon. Er sagte: Ich wusste, dass da nichts Gutes bei rauskommt, wenn man dich nach Bremen zu den Kommunisten lässt.“ Das Geld habe er aber weiter bekommen, grinst Pietschik noch heute über seinen im Grunde gutmütigen Lehrherren.

Das Fernweh brennt in Edward Pietschik und Hamburg-Süd scheint mit seinen Routen zwischen den Kontinenten die richtige Reederei für die Weltenbummelei. Auf der „Monte Pascoal“ mit ihren mehr als 200 Metern voller Container geht es von Hamburg Richtung Südamerika. Der 23-Jährige ist nicht als Schiffsmechaniker, sondern als Offiziersassistent eingestiegen. Nach 18 Monaten hat Pietschik die Fahrzeit als „OA“ voll und darf nun Nautik studieren. Auf den Punkt nach drei Jahren Studienzeit an der Hochschule Bremen wird er fertig. Im Studium hat er seine Frau Sabine aus Alt-Marßel kennengelernt. Als er von der ersten Reise auf seinem neuen Schiff „Cap Trafalgar“ nach Hause kommt, wird geheiratet: „Früher hatte ich loderndes Fernweh. Das war jetzt vielleicht noch ein Leuchtfeuer. Ich habe nach einer Veränderung gesucht.“

Als Sachbearbeiter einer Bremer Schiffsversicherung fühlt er sich fehl am Platze. Als seine Frau mit dem ersten Sohn schwanger ist, fährt er schon wieder: Auf dem Chemikalientanker „Conger“ der Bremer Reederei Carl Büttner. Eine Woche vor der Geburt von Sohn Hendrik ist Edward Pietschik wieder zu Hause – und drei Monate gehen viel zu schnell rum, bis die Reederei wieder klingelt. Bis zum 1. Offizier schafft es Pietschik bei Büttner.

Auf Landurlaub klettert er an der Seebäderkaje in Bremerhaven auf die legendäre „MS Helgoland“ und fragt auf der Brücke, ob nicht Bedarf nach einem Nautiker besteht. Das Entermanöver gelingt. Nach einem Jahr als erster Offizier wird er mit 34 Kapitän des großen Seebäderschiffes. Als die Reederei Warrings das Schiff aus dem Verkehr zieht, geht Pietschik 1998 zur Reederei Rickmer Rickmers und fährt auf der „CCNJ Annakena“ als Kapitän in chilenischer Charter. Sein nächstes Kommando auf der „Anibal“ von Reeder Horst Zeppenfeld bringt ihn mit dem 160-Meter-Feederschiff auf Routen zwischen Spanien und den Kanarischen Inseln. Sein Sohn ist sechs Jahre alt, als er eines Tages beim „Tschüss“-Sagen das Hosenbein seines Vaters nicht mehr loslässt. Der Seemann verspricht: „Das ist meine letzte Reise.“

Pietschik geht für fünf Jahre als Schiffsbesichtiger zu H.J. Möller nach Bremerhaven, wird Kapitän auf der Kogge „Ubena von Bremen“. Im Jahr 2000 bringt seine Frau ihren zweiten Sohn Ben zur Welt. Vier Jahre später, am 17. Oktober 2004, bekommt seine Frau Sabine einen Herzinfarkt und stirbt. Der Kapitän, der die schlimmsten Stürme überstanden hat, steht vor dem Rettungswagen und kann nichts machen.

Er wechselt für ein Jahr als Nautischer Inspektor zur Beluga-Reederei. Als alleinerziehender Vater wird er Werftkapitän bei Lürssen. Nach wiederum fast fünf Jahren holt ihn Hermann Schaedla senior in gleicher Funktion zu Abeking & Rasmussen. Pietschik glaubt wieder an sein Glück, als er seine zweite Frau Ulrike trifft, mit der er jetzt seit sieben Jahren verheiratet ist: „Ich habe echt Glück gehabt.“ Im Job geht es jetzt um Militärschiffe und Spezialfahrzeuge wie die Swath-Schiffe bis hin zu Superjachten. „Ich habe heute viele Hüte auf – und meine Tätigkeitsfelder reichen vom Qualitätsmanagement über Logistik, Planung, Sicherheit, dem Betriebswesen eben bis zur Nautik und der Schiffsleitung.“ Dazu kommt sein Dienst als Reserveoffizier für den Kommandostab der Marine. Die Sicherung der Seewege macht Seeverkehr erst möglich, hat er auf seinen Reisen gelernt. Das Militärische liege ihm, meint er. Was die Frage nach sich zieht, warum er eigentlich nicht schon mit 18 zur Bundeswehr gegangen ist. „Mit 18 war ich noch vollkommen anders drauf.“ Und der wilde Junge von einst muss selbst ein bisschen über seinen Weg schmunzeln.

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