„Neenkarker Plattsnacker“ Vom Ziegenbock in Not

Reinhold und seine Kumpel sind ein drolliger Haufen. Sie verstehen sich gut, wenn sie sich auch manchmal uneins sind – in Sachen Verkauf eines Ziegenbocks zum Beispiel.
23.08.2016, 00:00
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Von Ulf Buschmann

Reinhold und seine Kumpel sind ein drolliger Haufen. Sie verstehen sich gut, wenn sie sich auch manchmal uneins sind – in Sachen Verkauf eines Ziegenbocks zum Beispiel.

Reinhold will das Tier partout nicht verkaufen. Also überreden seine Kumpel ihn nach allen Regeln der Kunst. Schließlich ist Reinhold doch bereit, seinen Ziegenbock wegzugeben. „Für 100 Mark kannst Du ihn haben“, steigt er in die Verkaufsverhandlungen mit dem Interessenten – natürlich einem seiner Kumpel – auf Platt ein. Der potenzielle Käufer ist plietsch und Reinhold kann nach einigen Bier und Korn nicht mehr ganz so schnell denken. „Lass ab 99!“, fordert der Käufer den Ziegenbock-Besitzer auf. Beide Männer schlagen ein. Reinhold wird seinen Ziegenbock sehr zu seinem Ärger für eine Mark los.

Wenn Jürgen Bruns die Geschichte zum Besten gibt, muss er noch immer lachen. Der ehemalige Besitzer des Neuenkirchener Landhauses erzählt an diesem Sonntagvormittag nicht auf Hochdeutsch, sondern auf Platt. Dann klingt sie noch lustiger. Die Frauen und Männer in der Runde hören amüsiert zu. Sie können ebenfalls die eine oder andere Anekdote beisteuern. Das ist der Sinn dieses Treffens in der Heimatstube an der Schulstraße, dem Domizil der Heimatfreunde Neuenkirchen. Die „Neenkarker Plattsnacker“, 1998 als eigener Verein gegründet und seit einigen Jahren eine Sparte der Heimatfreunde, laden regelmäßig zum „Frühschoppen op platt“ ein. „Wir tun etwas für den Erhalt des Plattdeutschen und sammeln Anekdoten für unsere Vorträge“, erläutert der Vorsitzende Hartmut Bohlmann die Strategie.

Dann erzählt Jürgen Bruns die Geschichte vom Ziegenbockverkauf weiter. Das Tier muss zum neuen Besitzer. Wie aber den Bock von A nach B bekommen? Die Männer, die inzwischen alle nicht mehr ganz nüchtern sind, haben den Einfall überhaupt: Das Tier kommt in den Kofferraum der Limousine. Irgendwie schaffen sie es, den Ziegenbock ins Auto beziehungsweise den Kofferraum zu bugsieren. „Das Tier ist drin, also – Rums! – schnell die Klappe schließen“, lässt der ehemalige Wirt die Ereignisse von einst wieder lebendig werden. Seine Zuhörer lachen.

Gelöst ist das Problem aber nur auf den ersten Blick. „Ihr wisst ja“, sagt Jürgen Bruns grinsend, „wenn Ziegen in Not sind, machen die überall hin“. So geht es auch dem armen Tier im dunklen Kofferraum der Mittelklasse-Limousine. Der Ziegenbock garniert seinen unfreiwilligen Aufenthaltsort mit Urin, Fäkalien und dem entsprechenden Geruch. Noch lange wird diese Anekdote im Dorf erzählt, und das in der Regel auf Platt.

Erich Buck, Leiter der Plattsnaker, erinnert sich: Wenn er sich mit seinen Kollegen auf dem Bremer Vulkan auf Platt unterhalten habe, seien sie immer als „Bauern“ beschimpft worden. Eine Wende habe es erst im Jahr 1968 mit der Gründung des Instituts für Niederdeutsche Sprache gegeben.

Wie viele Menschen noch des Plattdeutschen mächtig, lassen das Institut für Niederdeutsche Sprache (INS) und das Institut für Deutschen Sprache gerade durch eine repräsentative Telefonumfrage ermitteln. Präsentiert werden sollen die Ergebnisse im Herbst, einen ersten Befund hat das INS aber schon auf seiner Internetseite www.ins-bremen.de veröffentlicht – natürlich auf Platt: „47,8 Perzent vun de Minschen in Noorddüütschland verstaht Platt goot oder sehr goot.“ Und: „15,7 Perzent vun de Minschen in Noorddüütschland snackt Platt goot oder sehr goot.“ Das INS informiert auch darüber, von welchen Ortschaften es noch einen plattdeutschen Namen gibt. Im Landkreis Osterholz sind es 25. Neuenkirchen heißt zum Beispiel Nienkarken, Schwanewede ist Schwanewe'e und Hinnebeck Hinbeck. „Unser Platt unterscheidet sich vom Bremer“, weiß Erich Buck, „das ist eher wie das Mecklenburger und Schleswig-Holsteiner Platt“.

Um es zu erhalten, bieten die Heimatfreunde Neuenkirchen beispielsweise regelmäßig eine „Plattdütschschool“ für Kinder von acht bis zwölf Jahren an. Die nächsten Lektionen stehen am 7. und 21. September um 16 Uhr im Heimathaus an der Schulstraße auf dem Programm. In der Kreativgruppe für Kinder von Erika Karlsen wird ebenfalls Platt geschnackt. Nächster Termin ist der 14. September um 15.30 Uhr, ebenfalls im Heimathaus. Ortsgeschichte zum Anfassen gibt es auch bei den Führungen der Heimatfreunde. Am 24. September, 11 Uhr, geht es weiter ab Landwehr. Bei solchen Gelegenheiten erfahren die Teilnehmer etwa, dass es in Neuenkirchen einmal bis zu elf Kneipen gab.

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