Radtour

Von Bienen, Buden und Baustellen

Die Östliche Vorstadt – Kunst- und Kulturmittelpunkt Bremens – ist vielleicht auch der bunteste Stadtteil. Vielfalt und die Offenheit sind es, welche die Östliche Vorstadt prägen. Wir haben uns mit dem Fahrad auf Entdeckungstour begeben.
19.08.2016, 15:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Annika Mumme

Die Östliche Vorstadt – Kunst- und Kulturmittelpunkt Bremens – ist vielleicht auch der bunteste Stadtteil. Vielfalt und die Offenheit sind es, welche die Östliche Vorstadt prägen. Wir haben uns mit dem Fahrad auf Entdeckungstour begeben.

Erste Etappe

Es beginnt Am Wall, vor der Kunsthalle Bremen, auch wenn diese noch nicht zur Östlichen Vorstadt, aber schon zum Viertel gehört. Auf dem Dach des Museums geschieht Ungewöhnliches. Es summt und brummt: Zwei Bienenvölker mit ca. 40.000 Bienen produzieren hier oben etwa 50 Kilogramm Honig im Jahr 2017. Gegenüber liegen die Wallanlagen; eine Grünfläche, auf der regelmäßig Veranstaltungen stattfinden und die als Erholungsgebiet genutzt wird. Wiederum gegenüber: Das Theater am Goetheplatz, von welchem aus sich schon das possierliche und schuppige Wahrzeichen des Viertels – samt vier Meter großem Viertel-Logo – erblicken lässt. Das Chamäleon.

Vorbei an kleinen Gassen und unzähligen Geschäften: Vom lässigen Döner-Laden über ausgefallene Galerien, dem edlen Bekleidungsgeschäft bis hin zum gemütlichen Irish Pub. Im Ostertor kann man von einer der kleinen Seitengässchen das „Kulturzentrum Lagerhaus“ erreichen, ein Eventhaus mit „Kafé“, das in den 1980er-Jahren tatsächlich aus einem Lagerhaus entstanden ist. Unter anderem finden hier Lesungen, Ausstellungen und Projekte statt.

Zurück auf dem Ostertorsteinweg. Ein weiteres kulturelles Angebot mit Kultcharakter: Das „Cinema im Ostertor“ mit seiner Heldenbar: Deutschlands erstes Programmkino und eine schnuckelige Bar, in die es sich nicht nur zu gehen lohnt, wenn das Kino besucht wird.

Zweite Etappe

Bis zur Straße Sielwall ist derjenige bereits der Reizüberflutung erlegen, der sich nie zuvor in der Östlichen Vorstadt bewegte. Dabei geht es hier erst richtig rund: laut, frech, nachts etwas kriminell, wimmelig, ein wenig zu klein für die vielen Menschen und vor allem – es lässt sich immer wiederholen – bunt und vielfältig. Diese Kreuzung bildet nicht nur den Mittelpunkt des Stadtteils, sondern auch einen Hotspot Bremens. Die Mülleimer quillen über und der Verkehr ist eine Herausforderung. Im Sommer ist die Kreuzung häufig Schauplatz spontaner Fußballspiele, die auch von vielen Viertelbewohnern mit gemischten Gefühlen betrachtet werden, denn nicht selten kommt es dabei zu Ausschreitungen, fast immer zu Polizeieinsätzen.

Nun geht es vorbei an der „Schänke“, einer kleinen Spelunke, die aber auch nicht mehr als das sein möchte; das wirkt sympathisch. Viele Kneipenwirte legen hier im Viertel ein ähnliches Geschäftsgebaren an den Tag: direkte, klare – oftmals etwas harsche – Sprache, die ehrlich ist und wiederum liebenswert macht. Bremer Charme eben.

Kurz hinter der „Schänke" ist bereits der Ziegenmarkt, hinter dem auch die „Friese“, das selbst verwaltete Jugendzentrum, liegt. Hier finden Konzerte und Veranstaltungen statt, zudem werden die Räume für Proben genutzt. Dann kommt die Schauburg – ein weiteres Filmkunst-Theater und Kulturangebot. Es liegt nahe, dass man hier auch verschiedene Lebensstile und Ernährungsweisen vorfindet. Ob vegetarisch oder vegan, makrobiotisch oder einfach Bio-Rohkost – im Viertel gibt es nahezu alles, was man braucht, um fleischlos, glutenfrei oder kalorienreduziert glücklich zu werden. Viele der kleinen Bistros haben sich spezialisiert oder zumindest darauf eingestellt.

Dritte Etappe

Am Werderimbiss mit dem großen Graffiti und dem Viertel-Logo vorbei und über die Hamburger Straße gen Peterswerder. Hier strömen einem regelmäßig Werderfans entgegen. Weiter über Auf dem Peterswerder. Und dann kommt auch schon das Weserstadion. Nirgends sonst kann man Bremens innige Liebe zum Fußball so spüren, wie hier im Steintor. Viele der Fans kommen zwar am Bremer Hauptbahnhof an, im Viertel aber treffen sie alle aufeinander.

Wie der Name „Weserstadion“ bereits verrät, liegt es an der Weser. 42.000 Zuschauer finden hier Platz. Das bedeutet aber auch, dass das Leben der Anwohner für den Moment der Fußballspiele – sowie auch bei anderen größeren Veranstaltung im Stadtteil – eingefroren wird. Bei Heimspielen des SV Werder Bremens sieht sich die Verkehrspolizei regelmäßig vor einer Koordinationsaufgabe.

Aber lassen wir die prachtvollen Stadtvillen am Osterdeich zurück, vorbei an den Kleingärtner-Vereinen, bis zur Carl-Carstens-Brücke oder auch „Erdbeerbrücke“, die letzteren Namen früheren Erdbeerfeldern in Habenhausen und Arsten verdankt. Dann zurück vorbei am Weserstadion, den kleinen Weg entlang, der auch zum Stadionbad führt: Hier ist das „Alte Sportamt“. Es wurde vor über einem Jahr besetzt und soll nun geräumt werden.

Vierte Etappe

Vor dem Weserstadion, am Fuße des Osterdeiches, ist eine Baustelle. Das Ziel: Hochwasserschutz. Seit dem 9. Juni und bis voraussichtlich bis Mitte Dezember sollen die Bauarbeiten andauern. Danach ist der „Deich" einen Meter höher. 6,50 Meter statt 5.50 Meter. Die etwa 7,5 Million Euro übernimmt größtenteils die Weser-Stadion GmbH, den Rest zahlt die Stadt Bremen. Den Berg hochgeklettert, erstreckt sich der „O-Deich“, also der Osterdeich, in seiner vollen Länge. Wir sprechen hier von der beliebtesten Grünfläche im Stadtteil – wenn man mal vom „heiligen Rasen" im Stadion absieht.

Hier findet unter anderem die Großveranstaltung „Breminale“ statt. Von hier oben lässt sich auch die „umgedrehte Kommode“, der älteste Wasserturm Bremens, auf der anderen Weserseite begutachten. Der legendäre Werderkiosk liegt direkt zur Rechten des Betrachters. Links der Weser liegt das Café Sand. Die Sielwallfähre schippert hier regelmäßig und wenn man Glück hat pirouettendrehend vom Osterdeich zum weißen Strand der Neustadt.

Fünfte Etappe

Zurück zum Sielwall – Herz des Viertels. Vorbei am Marlenchen, der kleinen Kneipe, die Ende 2014 noch ohne Verniedlichung als „Marlene“ an der Sielwallkreuzung platziert war. Vorbei am „Calavera“ und dem „März“ und an den alteingesessenen Läden „Lila Eule“ und „Eisen“. Zur Rechten ein griechisches Restaurant, da, wo einst „Marlene“ war. Wer hier nicht schon alles sein Glück gesucht hat. Sogar eine „Schweinske“-Filiale gab es mal. Doch die Viertelbewohner haben mit der Schnitzelkette gefremdelt. Die zahlreichen kleinen Imbissbuden kommen hingegen gut an...

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