Initiatoren des Lucie-Flechtmann-Platzes schmieden Pläne für 2015 / Druckfrischer Kalender

Von der Betonwüste zum blühenden Garten

Vor eineinhalb Jahren keimten die ersten grünen Ranken und bunten Blüher auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt. Inzwischen wachsen nicht nur Apfel und Zucchini, sondern auch kreative Ideen.
07.12.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Annica Müllenberg
Von der Betonwüste zum blühenden Garten

Ina Clement (links) und Eva Kirschenmann zeigen den Kalender, der die Entwicklung des Lucie-Flechtmann-Platzes von einer tristen Betonwüste zu einem Urban-Gardening-Projekt dokumentiert.

Walter Gerbracht

Vor eineinhalb Jahren keimten die ersten grünen Ranken und bunten Blüher auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt. Vorher dominierten dort gähnende Leere, Beton und Grautöne. Seit sich eine Stadtgarten-Initiative um das Areal kümmert, wachsen nicht nur Apfel und Zucchini, sondern auch kreative Ideen.

Ein Kalender dokumentiert die erfolgreiche Gartensaison. Doch die Stadtgärtner haben noch weitere Pläne: Im nächsten Jahr tauschen sich Gesprächspartner der Baubehörde, Stadtteilpolitiker und die Lucie-Ideengeber in einer interaktiven Werkstatt über die Zukunft aus.

Eva Kirschenmann kann sich gar nicht sattsehen an den Fotos, die in dem druckfrischen Kalender zu sehen sind. Sie dokumentieren, woran vor zwei Jahren noch nicht zu denken war: Der ehemals graue Lucie-Flechtmann-Platz kann ein fruchtbares Feld sein, mit rankenden Rosen und Zucchinibüschen. „Mit dem Kalender wollen wir allen Besuchern einerseits Erinnerungen an eineinhalb ereignisreiche Jahre geben und andererseits auf das Lucie-Projekt aufmerksam machen“, erzählt Kirschenmann.

Veränderung dokumentiert

In der Lucie-Chronik für zu Hause ist die Belebung des Platzes zu sehen – sie beginnt in einer Betonwüste. „Bevor unsere Initiative ,Ab geht die Lucie’ anfing, haben wir begonnen, in jedem Monat ein Foto zu machen, um so die Veränderung sichtbar zu machen. Diese sind auf der letzten Seite platziert. Ansonsten haben verschiedene Künstler und Fotografen ihre schönsten Aufnahmen zur Verfügung gestellt“, ergänzt sie.

Zu jedem Motiv kann Kirschenmann Geschichten erzählen. Seit den ersten Pflanzaktionen gab es Flohmärkte, Kinovorführungen, Feste, Ferienprogramme, Bastelaktionen und geselliges Beisammensein. Alt und Jung aus allen Stadtteilen fachsimpelten über Kräuter, nachhaltiges Düngen und steckten die Hände in die Erde. Gern erinnert sich die engagierte Neustädterin, die ihr grünes Wissen vom Zimmerpflanzenniveau zum Gärtnerprofi ausbaute, an das Unkrautjäten mit ihrer Oma.

Lehrreiches Gärtnern

„Da sie keinen Garten mehr hat, ist sie extra gekommen und wollte mich unterstützen. Wir zupften einen vermeintlichen Schädling, dieses Kraut kommt aber anscheinend in der Türkei gekocht auf den Tisch. Zumindest machten uns zwei Damen darauf aufmerksam. Dieses Beispiel spiegelt sehr gut wider, wie viel jeder durch das Urban Gardening lernen kann.“

Den Aktiven ist wichtig zu zeigen, dass nicht nur dicke Kartoffeln, sondern vor allem Wissen geerntet werden können: So machten die Hobbygärtner erstaunliche Erfahrungen mit alten Tomatensorten: Die Früchte traten in gelb und rosa mit weißen Bäckchen in Erscheinung. So manch einen hielt das davon ab, sie als Salatbeilage zu verputzen, doch Kirschenmann weiß nun: „Sie sind auf jeden Fall genießbar.“

Auch wenn für den einen oder anderen die Kürbisse und Tomaten noch ein wenig zu wild wuchern, steckt hinter dem Vorhaben ein gezieltes Konzept. „Wir haben grünes Licht von der Stadt für weitere Verhandlungen. Im Januar gibt es eine interaktive Werkstatt, in der die Baubehörde, der Beirat Neustadt, die Gruppe KLAS (Klimaanpassungsstrategie) und wir an einem Tisch sitzen und überlegen, wie es weitergeht“, erzählt die 28-Jährige.

Vision von der Entsiegelung

Die Vision der Stadtgärtner wäre, eine Entsiegelung des Platzes, freies Handeln auf dem Experimentierfeld und ein überdachter Treffpunkt in einem der angrenzenden Gebäude. Doch bevor sich das 15-köpfige ehrenamtliche Team zu einem nächsten Schritt entschließt, will es einige Fragen geklärt wissen: Ist eine langfristige Nutzung möglich und wird es Unterstützung – auch finanzieller Art – von der Stadt geben?

Die Lucie könnte Paradebeispiel sein für gleich mehrere Ideen: Klimabewusste Maßnahme in Zeiten des Wandels sowie bürgerliche Mitbestimmung und integratives Experimentierfeld für alle Generationen. Schon jetzt pflanzen Kita-Kinder dort eifrig mit. Einige Anwohner des Seniorenheims geben ihr Wissen rund um den grünen Daumen an Interessierte weiter.

Anregungen gibt es viele: Schüler sollen Kürbis und Co. in Projekten besser kennenlernen, demnächst eröffnet die Bibliothek in einem Container und vielleicht planschen im nächsten Sommer Kinder in einem mobilen Schwimmbad. „Wichtig ist uns, dass jeder einbezogen wird.

Gefragtes Wissen

Wer eine Idee hat, ist herzlich willkommen“, ermutigt die Geowissenschaftlerin. Sie selbst gilt mittlerweile als Expertin. Die Stadt Hagen lud sie jüngst als Referentin ein, um über die Lucie zu berichten. Dort steht ein ähnliches Urban-Gardening-Vorhaben in den Startlöchern.

Ein offener Umgang gelte auch in Hinblick auf Kritiker. Kirschenmann: „Nicht jedem gefällt, was wir tun. Wir hatten aber konstruktive Gespräche mit einer Anwohnergruppe. Mittlerweile bekommen wir sogar ab und zu von einer Dame etwas geschenkt.“

Zurzeit liegen die Beete im Winterschlaf, dennoch stehen einige Veranstaltungen an. Am kommenden Sonnabend, 13. Dezember, findet ab 17 Uhr ein Lichterfest mit Kunsthandwerkermarkt statt. Die Vereinigung „Gärtner mit Hut“ lädt am Freitag, 12. Dezember, ab 18.30 Uhr zu einer Wissenswerkstatt ein. Am Lagerfeuer werden vergessene Geschichten und Mythen aus der Pflanzenwelt erzählt.

Der Lucie-Kalender ist für fünf Euro im Café Karton, Am Deich 86, und im Buchladen Harlekin, Lahnstraße 65, erhältlich. Weitere Infos zu Veranstaltungen und zur Lucie gibt es im Internet unter www.ab-geht-die-lucie.blogspot.de.

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