Meine Haltestelle: Fünf Bremerinnen und Bremer fahren regelmäßig mit Bussen und Straßenbahnen zur Klinik Von der Haltestelle auf die Station

Bremen. Nicht nur Krankenwagen fahren an Krankenhäusern vor. Auch Busse und Straßenbahnen halten ganz in der Nähe von Kliniken. Patienten und Besucher, Klinikangestellte und Ehrenamtliche nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Von der Haltestelle geht's dann gleich auf die Station.
20.01.2011, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Helge Dickau, Alexander Klay unD Tobias Langenbach

Bremen. Nicht nur Krankenwagen fahren an Krankenhäusern vor. Auch Busse und Straßenbahnen halten ganz in der Nähe von Kliniken. Patienten und Besucher, Klinikangestellte und Ehrenamtliche nutzen den öffentlichen Nahverkehr. Von der Haltestelle geht's dann gleich auf die Station.

Am Klinikum Bremen-Mitte steigt Marlene Henrici aus und kommt auf dem Weg ins Betriebsratsbüro an einem Plakat vorbei: "Dieser Gesundheitsminister gefährdet die Gesundheit" steht unter dem Gesicht von Philipp Rösler. "Ich bin mit Leib und Seele Betriebsrätin", sagt die Mittfünfzigerin. Seit fünf Jahren ist die Medizinisch-technische Röntgen-Assistentin als Betriebsrätin freigestellt, das heißt, sie engagiert sich in Vollzeit für die Belange der 3000 Angestellten des größten Bremer Krankenhauses.

1975 ist Marlene Henrici aus Neuss im Rheinland nach Bremen gekommen. Damals arbeitete sie noch als Erzieherin, "aber darauf hatte ich keine Lust mehr". Deshalb begann sie 1979 im Krankenhaus an der St.-Jürgen-Straße eine neue Ausbildung. "Diese Verbindung aus Technik und Mensch, das fand ich total spannend", sagt sie. Vor allem der Patientenkontakt habe ihr immer gefallen.

Auch im Betriebsrat setzt sie sich für andere ein. "Vor allem die Arbeitszeiten sind bei uns eine große Diskussion", sagt Marlene Henrici. Im Krankenhaus Mitte sind die Angestellten 47 Jahre im Schnitt alt. "Das birgt Probleme. Andererseits haben wir viele langjährig Beschäftigte, die dem Betrieb treu sind."

Marlene Henrici sucht häufig nach Alternativen für Kolleginnen und Kollegen, "die aus körperlichen Gründen nicht an ihrem Arbeitsplatz bleiben können". Dann tagt der Integrationsrat, dem sie ebenso angehört wie dem Aufsichtsrat. Und sie hat den Eindruck, dass sie und der gesamte Betriebsrat auch von der Geschäftsleitung akzeptiert und ernst genommen werden: "Wir können fair miteinander streiten."

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Im Bremer Osten fährt Michael Prahm knapp zehn Minuten mit der Linie 1 von der Osterholzer Landstraße zur Paracelsus-Klinik am Polizeipräsidium in der Vahr. Sein Job ist es, frisch Operierte wieder fit für den Alltag zu machen. Als Physiotherapeut sorgt er dafür, dass sich Patienten Schritt für Schritt wieder besser bewegen können.

"Meine Mutter war Krankenschwester. Ich habe schon als Kind hautnah mitbekommen, wie es ist, Leuten zu helfen", sagt der 26-Jährige, der seine Ausbildung zum Physiotherapeuten in Oldenburg absolviert hat und seit dreieinhalb Jahren an der Paracelsus-Kurfürstenklinik arbeitet. Nach Bremen gezogen ist er wegen seines Bruders. "Wir verstehen uns prima", sagt Michael Prahm. Der arbeitet seit zehn Jahren in der Hansestadt. "Jetzt können wir mehr zusammen unternehmen."

Operationen am Fuß, an der Wirbelsäule oder an der Schulter - der Physiotherapeut sorgt dafür, dass Patienten nach dem Eingriff wieder lernen, sich richtig zu bewegen. Er macht mit ihnen Krankengymnastik, massiert sie und hilft ihnen beim Anziehen, wenn sie es noch nicht wieder alleine können. Mitunter kann es mühsam sein, nach einer Operation wieder auf die Beine zu kommen. "Wenn Patienten ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt wird, sollen sie am ersten Tag nur die Füße bewegen", sagt der Klinikangestellte. "Das gesunde Bein können sie aber auch schon anheben." Bereits am zweiten Tag verlassen die Patienten mit Michael Prahms Hilfe das Krankenbett und können mit speziellen Gehstützen im Zimmer herumlaufen. Am dritten Tag dürfen sie dann auf den Flur.

Als Physiotherapeut zu arbeiten, bedeutet Michael Prahm sehr viel. "Was ich an diesem Beruf so mag: Man sieht die Erfolge, wie Menschen zum Beispiel wieder anfangen zu laufen", sagt er. "Und wenn sie weniger Schmerzen haben und sich bei mir bedanken, dann freut mich das immer sehr."

Mit dem Auto zur Arbeit fahren will der Neubremer nicht. Bahnfahren sei stressfreier, findet er. So erspare er sich die Parkplatzsuche. Und er hat auch gar kein Auto mehr, seit sein alter Golf 2009 den Geist aufgegeben hat.

Thomas Besch steigt an der Haltestelle St.-Joseph-Stift in Schwachhausen aus und geht von dort aus die letzten Meter zur Arbeit. Der Anästhesist hat einen wichtigen Mitarbeiter: Der heißt Schnobbl, ist rot, plüschig und immer gut gelaunt. Das soll auf junge Patienten abfärben, sagt der Narkosearzt.

Schnobbl ist seit zwei Jahren im St.-Joseph-Stift im Einsatz. Das Plüschtier, das zusammen mit einer CD mit Liedern über Operationen, Narkose und das Wiederaufwachen zum Einsatz kommt, soll den Jüngsten ihre Ängste nehmen. "Wir haben hier eine große HNO-Abteilung, wo viele Kinder operiert werden", erklärt Thomas Besch. Manche Eltern hätten selbst Angst, wenn ihr Nachwuchs operiert werde, "und das überträgt sich auf das Kind". Dann kommt Schnobbl ins Spiel.

Dass die Anästhesie sein Weg wird, wusste Thomas Besch schon früh im Medizinstudium. Nach seiner Facharztausbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover kam er Ende 2004 nach Bremen. Mittlerweile wohnt er in Ritterhude. "Anästhesie ist eine gute Mischung aus Technik und Menschlichkeit", sagt er. Der Anästhesist sei der letzte und der erste Mensch, den ein Patient vor und nach der OP sehe. Ängste, Hoffnungen, Zweifel: All das müsse er auffangen können. "Trotzdem ist der Beruf nach Außen hin für viele ein Buch mit sieben Siegeln."

Einen Patienten schlafen zu lassen, mache am wenigsten Arbeit. "Die Herausforderung ist es, den Menschen während der Operation stabil zu halten", sagt Besch. Als Narkosearzt beobachtet er während der OP Blutdruck, Herzfrequenz und andere Körperfunktionen. Voraussicht ist die Devise. Um alles im grünen Bereich zu halten, müsse man schon in vielen Bereichen der Medizin Bescheid wissen, versichert der Facharzt für Anästhesie.

Ein junges Organisationstalent

Seit September 2010 ist die Haltestelle "Klinikum Bremen Ost" in Osterholz die Station von Susann Mädler, wie auch Bremen ihre neue Heimat ist. Die 18-Jährige aus Aue im Erzgebirge absolviert am Kulturensemble im Park der Klinik Ost ein Freiwilliges Soziales Jahr, genannt FSJ Kultur. Beworben hatte sie sich in ganz Deutschland: Berlin, Köln, Dresden. Für ein kulturelles Jahr gibt es nur wenige Stellen bundesweit und viele, die sie haben möchten. Susann Mädler hatte trotzdem mehrere Stellen zur Auswahl. Warum Bremen? "Mir gefällt Bremen, obwohl es nicht gerade Großstadtflair hat", sagt sie. "Außerdem finde ich es spannend, dass ich hier so viele verschiedene Sachen machen kann." Gleich zu Beginn hat sie die Ausstellung "Mein Körper ist ein schutzlos Ding" im Krankenhausmuseum mit aufgebaut. Auf verschiedenen Ebenen - Kunst, Geschichte, Wissenschaft - wird das Bild beschrieben, das sich der Mensch von Krankheiten macht. Außerdem organisiert Susann Mädler Konzerte oder

Auftritte wie den des Figurentheaters "Jacobs Zauberhut" im Haus im Park.

"Ich verbringe viel Zeit am Schreibtisch. Ich organisiere und stehe im Kontakt mit den Künstlern, die hier auftreten", erzählt die junge Frau, die derzeit auch ein Schulprojekt zum Thema Sucht mitbetreut. Schülerinnen und Schüler aus dem Schweizer Viertel besuchen die Forensik und die Entgiftung, wo sie mit Betroffenen sprechen. "Die Reaktionen sind positiv, weil es sehr nah ist", sagt Susann Mädler. "Es kommt eher etwas an, wenn ein Alkoholkranker den Jugendlichen sagt, sie müssten aufpassen, als wenn Eltern und Lehrer ihnen sagen, was sie nicht dürfen." Einige Schüler würden auch von ihren Erfahrungen sprechen, "da sieht man, dass was passiert."

Nach der Schule sei es Zeit für sie gewesen, etwas Praktisches zu machen, begründet Susann Mädler ihren Schritt ins FSJ Kultur. Und was kommt danach? "Ich will Eventmanagement studieren", sagt sie. "Und hier werde ich immer mehr darin bestätigt, was ich machen möchte."

Mit der Straßenbahn der Linie 4 sind Traudel und Eckfrid von Knobelsdorff fast acht Jahre lang mittwochs vom Fesenfeld zum Klinikum Links der Weser gefahren, um junge Patienten und Besucherkinder vom Klinikalltag abzulenken. Seit einiger Zeit bleibt Eckfrid von Knobelsdorff (80) aus Rücksicht auf seine Gesundheit zu Hause. Und auch dort ist er von den Bildern der Kinder umgeben: Der neue Kalender des Fördervereins der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin liegt auf dem Tisch, Kopien der Kinderbilder sind griffbereit. Und zu allen können die beiden Krankengeschichten oder Anekdoten erzählen. Die Begegnungen mit den Kindern gehen ihnen nahe. Und sie haben viel Freude daran.

Kennengelernt haben sich Traudel und Eckfrid von Knobelsdorff, die in Landau zwei Enkelinnen haben, im Grafikstudium in den Fünfzigern in Bremen. Die gebürtige Schwäbin hat früher unter anderem auch an der Fritz-Gansberg-Schule gearbeitet. Die Malgruppe auf der Kinderstation ist für alle Kinder offen, das Gewusel groß. "Da ist immer richtig was los", sagt Traudel von Knobelsdorff. Oft schauen auch junge Tagesgäste vorbei. "Während die Eltern auf die Ergebnisse warten, können die Kinder bei uns Pause machen."

Häufig werde sie gefragt, ob die Kinder beim Malen ihre Krankheiten verarbeiten, sagt die Grafikerin. "Meistens merkt man an den Motiven aber gar nicht, dass die Kinder krank sind." Die Kinder malen, was sie wollen. Vorlagen gibt es keine, Abzeichnen ist tabu. "Die Kinder geben sich richtig Mühe", sagt Traudel von Knobelsdorff. "Sobald sie angefangen haben, haben sie den Ehrgeiz, das Bild richtig schön zu malen." Gerne erinnert sie sich an einen jungen Rheinländer. "Er wollte unbedingt länger bleiben, um sein Bild zu Ende zu malen - obwohl der wieder nach Hause konnte."

Die Flure der Kinderstation dienen als Galerie. Alle zwei Wochen werden die Bilder ausgewechselt. Die Knobelsdorffs haben auch schon Ausstellungen für die Öffentlichkeit organisiert, im Haus der Wissenschaft, in der Galerie Inkatt und im Haus der Bürgerschaft. Außerdem gibt es den Kalender des Fördervereins, der die Malgruppe unterstützt. Viel blauer Himmel ist darauf zu sehen, Inseln, Bäume, Tiere, lächelnde Menschen. Und kein einziges Krankenbett.

Die Haltestellen der fünf Krankenhäuser: Klinikum Bremen Mitte, St. Jürgen-Straße, Buslinie 25 (alternativ Haltestelle der Straßenbahnen 2, 3 und 10 am südlichen Ende des Klinikgeländes); Paracelsus-Kurfürstenklinik (Haltestelle Polizeipräsidium): Straßenbahnlinie 1, Buslinie 21; St.-Joseph-Stift: Linie 1, 4, 5, 24; Klinikum Bremen Ost: Linie 25, 38, 40, 41; Klinikum Links der Weser: Straßenbahnen 4 und 5, Busse 51 und 53.

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