Bibliotheken verändern ihre Bedeutung Von der Lesehalle zum Lernort

Bremen. Eine Aktionswoche rückt die Bibliotheken in den Blick. Im Bremen sind sie Ruheraum und Lernort zugleich.
24.10.2013, 04:00
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Von der Lesehalle zum Lernort
Von Sara Sundermann

Sie sind Lesetempel und Begegnungsstätten: Eine Aktionswoche rückt die Bibliotheken in den Blick. Während die Existenz des gedruckten Buchs bisweilen gefährdet scheint, haben Bibliotheken als zentrale Orte der Stadt vielerorts an Bedeutung gewonnen. Die Bremer haben ihre Bibliotheken als Ruheraum und Lernort entdeckt.

Nirgends ist es so friedlich wie in der Krimibibliothek. Wo in den Büchern Totschlag zur Tagesordnung gehört, ist die Stimmung in der Zentralbibliothek direkt neben den Regalen geruhsam: Einer liest, einer schreibt, eine Frau stillt ihr Kind. Jeder ist für sich und genießt doch, dass da noch andere sind.

„Es ist inspirierend, hier zu sein“, sagt Rolf Schröder. Er hat seine Arbeitsmaterialien mitgebracht. „Manchmal komme ich hierher, wenn ich einen Text zu schreiben habe und zu Hause nicht so recht weiterkomme. Dann nehme ich in der Krimibibliothek einen neuen Anlauf.“ Der Sozialwissenschaftler schätzt die ruhige Atmosphäre und das Potenzial, das die vielen Bände in den Regalen bergen.

„Ich komme hierher, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und wegen all der Zeitungen und Zeitschriften, die man sich sonst gar nicht leisten könnte“, sagt Abdol Karim Havai, der gegenüber sitzt. Die Muttersprache des Großhandelsmitarbeiters ist Persisch. „Hier ist für jeden etwas dabei, für alle sozialen Schichten und alle Bedürfnisse. Wenn es Bibliotheken nicht gäbe, müsste man sie erfinden.“

Ein Ort, der allen gehört

Ein Ort, wo man alleine hingehen oder sich mit anderen austauschen kann. Ein Ort, den man aufsucht, wenn man etwas weiß, und auch, wenn man gerade nichts weiß. Die Bibliothek ist ein Ort, der jedem ein bisschen gehört. Einer der wenigen öffentlichen Räume der Stadt, in denen man auch bei Regen keinen Kaffee trinken muss, um innezuhalten. Wo man weder Geld braucht noch Mitglied in einem Club sein muss. „Wir versuchen, das zweite Wohnzimmer zu sein“, sagt Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek. „Der Wunsch des Menschen, unter Menschen zu kommen, ist ganz wesentlich, das merkt man am Public Viewing beim Fußball ebenso wie bei uns in der Stadtbibliothek.“

Während dem gedruckten Buch im Zeitalter der Digitalisierung immer mal wieder wahlweise der ganze oder der halbe Tod vorhergesagt wird, kann man für Bibliotheken durchaus das Gegenteil vermuten: Als reale Orte des Wissens werden sie wohl kaum aussterben. Es lassen sich sogar vielerorts Hinweise dafür finden, dass ihre Bedeutung zunimmt.

In Tokio und Amsterdam, in Seattle und Stuttgart sind aufsehenerregende Bibliotheksbauten entstanden. Das hoch verschuldete Berlin plant einen 270 Millionen Euro schweren Neubau für eine riesige Bibliothek auf dem Tempelhofer Feld, als Herzstück eines neuen Stadtteils. Bibliotheken werden als Wissenszentren gefeiert und als „Co-Working-Space“, als Raum für gemeinsames Arbeiten.

Und nicht nur Großstädte begreifen Bibliotheken als zentrale Orte: Im dänischen Aarhus entsteht derzeit eine Bibliothek auf 28000 Quadratmeter für eine 250000 Einwohner-Stadt. Zum Vergleich: Die Bremer Zentralbibliothek hat 8000 Quadratmeter.

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die Zentralbibliothek an den Wall gezogen ist und sich dabei räumlich ausgedehnt hat. Hier ist neben Romanen und Reiseführern, Comics, Filmen und Sachbüchern auch ein Lesegarten mit Kaffeeautomat und Schachspiel zu finden. Pro Jahr kommen über eine Million Besucher, weshalb sich die Stadtbibliothek als Bremens bestbesuchte Kultureinrichtung bezeichnet. Die Ausleihe digitaler Medien macht derzeit zwar nur einen Anteil von drei Prozent an den insgesamt ausgeliehenen Medien aus. Ihre Nutzung hat sich 2012 aber verdoppelt.

Wie also sieht die Zukunft aus? Wird es in fünf Jahren noch mehr Räume voller Bildschirme zum Surfen geben, so wie schon jetzt im ersten Stock? Im Gegenteil, sagt Barbara Lison. „Schon jetzt bringen die meisten ihre eigenen Geräte mit und nutzen das freie WLAN für Mitglieder. Das wird sich sicher weiter verstärken.“

Für Nutzer mit und ohne Laptop gibt es schon heute viele Arbeitstische, ein Lernstudio und runde Tische als Lerninseln. „Die Projektarbeit in den Schulen nimmt zu“, so Lison. „Vielen Schülern steht gerade in Bremen zu Hause aber kein großes Wohnzimmer für Gruppenarbeit zur Verfügung.“ An einer Lerninsel haben sich fünf Schüler versammelt und pauken für die Englischklausur. „Die Schule macht um 16 Uhr zu, die Bibliothek hat länger auf – und die Atmosphäre stimmt“, sagt ein Schüler.

Die Veranstaltungen der Aktionswoche „Treffpunkt Bibliothek“ sind im Internet zu finden unter www.stadtbibliothek-bremen.de

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