Mit dem Bauer durchs Jahr Von Euter zu Euter

Freitagabend. 17.50 Uhr. Aija Macuka betritt den Kuhstall an der Butzhauser Helmer. Die 50-Jährige ist die rund fünf Kilometer von ihrem Wohnhaus in Lemwerder zum Dienst geradelt. Nun muss sie drei Stunden lang Kühe melken.
26.03.2016, 16:34
Lesedauer: 6 Min
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Freitagabend. 17.50 Uhr. Aija Macuka betritt den Kuhstall an der Butzhauser Helmer. Die 50-Jährige ist die rund fünf Kilometer von ihrem Wohnhaus in Lemwerder zum Dienst geradelt. Nun muss sie drei Stunden lang Kühe melken.

Was muss im Stall getan werden? Welche Arbeiten stehen wann auf dem Feld an? Wie funktioniert eine Biogas-Anlage? In einer Langzeitreportage begleitet DIE NORDDEUTSCHE den landwirtschaftlichen Betrieb von Henning Kruse aus dem Lemwerderaner Ortsteil Butzhausen. Monat für Monat erfahren die Leser, welche Arbeiten auf dem Hof zu erledigen sind.

Freitagabend. 17.50 Uhr. Aija Macuka betritt den Kuhstall an der Butzhauser Helmer. Die 50-Jährige ist die rund fünf Kilometer von ihrem Wohnhaus in Lemwerder zum Dienst geradelt. In knapp vier Stunden wird sie den Heimweg in die entgegengesetzte Richtung antreten. Zuvor steht aber viel Arbeit an. Das heißt für die Lettin: drei Stunden lang Kühe melken. Rund 300 Tiere. Anschließend gilt es, die Anlage zu säubern. Aija Macuka ist seit zwei Jahren mit rund 135 Stunden pro Monat hauptverantwortliche Melkerin auf dem landwirtschaftlichen Betrieb von Henning Kruse.

Gleich neben der Tür hängt Arbeitskleidung: blaue Latzhosen, Jacken und Schürzen. „Mein Hauszeug ziehe ich vor dem Melken aus“, erzählt die 50-Jährige. Der Geruch nach Kuhdung und Silage wäre für die heimischen vier Wände zu viel. Haare und Hände schützt Aija Macuka mit Mütze und Gummihandschuhen gegen Absonderungen der Kühe. Im Moment ist sie alleine im Stall. Chef Henning Kruse ist mit Tochter Sirina und Pferd in der Reithalle. Die Kollegen Ela Woloszyn und Radek Szczesniak, die in circa einer halben Stunde ebenfalls in den großen neuen Boxenlaufstall kommen werden, sind noch auf der Hofstelle an der Kastanienstraße beschäftigt.

Die ersten beiden Gruppen aus Vierbeinern hat Aija Macuka in den Melkstand getrieben – ein sogenannter Swing Over Melkstand in Form einer steilen Fischgräte. „Der Melkstand ist der Kuhanatomie angepasst“, preist Betriebsleiter Kruse das Modell. „Es befindet sich immer eine schmale Schulter neben einem dicken Bauch.“ Zudem sei er gut von einer einzelnen Person zu bedienen. Der Gang zwischen den Kühen befindet sich ein gutes Stück unterhalb der Euter. So muss sich die Melkerin nicht ständig bücken und schont ihren Rücken.

44 Kühe stehen dicht gedrängt in zwei Reihen nebeneinander und warten, dass die Melkerin ihnen Kraftfutter gibt und das Melkgeschirr ansetzt. „Man könnte denken, die kommen, um gemolken zu werden“, sagt Aija Macuka. „Aber in Wirklichkeit wollen die nur das Kraftfutter. Wenn die im Melkstand kein Kraftfutter kriegen, ist das nicht zu schaffen.“

Von hinten greift die Melkerin den Rindviechern durch die Beine und stülpt die Melkbecher über die Zitzen. Aufgrund des Unterdrucks in den Bechern saugen sie sich schnell am Euter fest. Henning Kruse hat sich bewusst für die Low-Cost-Variante eines Melkstands ohne großartige Technik entschieden. So kann während des Melkens wenig ausfallen. Sein Melkstand sei 2004 der erste dieser Größe und Art in Norddeutschland gewesen, erzählt Kruse. Mittlerweile habe sich das System verbreitet.

Ein Melkroboter kommt für den Butzhauser Landwirt nicht in Frage. Für die Anzahl seiner Milchkühe bräuchte er mindestens fünf automatisierte Melksysteme. „Für den Kaufpreis würde ich noch einen ganzen Stall kriegen“, erteilt Kruse einer derartigen Investition kategorisch eine Absage. Zudem lägen die Betriebskosten aufgrund hohen Strom- und Wasserverbrauchs um circa 50 Prozent höher. Um auf Störungen reagieren zu können, müsste außerdem rund um die Uhr eine Person auf Stand-by stehen. Den größten Vorteil eines Melkstands sieht Kruse allerdings darin, dass jede Kuh zweimal pro Tag von einem Menschen betreut wird. Für Familienbetriebe, die keine weiteren Personen auf dem Hof haben wollen, sei der Roboter jedoch eine gute Möglichkeit, die Arbeitszeit zu entspannen und zu reduzieren.

Schürze, Mütze und Handschuhe haben ihre Berechtigung. Die erste Kuh sondert einen Kuhfladen ab. Aija Macuka greift nach einem der Wasserschläuche, die im Abstand von drei Metern von der Decke baumeln. Die Hinterlassenschaft wird umgehend entfernt. Bei der vierten Kuh in der Reihe leuchtet der 50-Jährigen ein rot eingefärbtes Euter entgegen. Um die Hinterbeine sind zwei rot-weiß gestreifte Plastikbänder geknotet. Für Aija Macuka ein deutliches Zeichen, dass diese Milch nicht im allgemeinen Tank landen darf. Das Tier ist aufgrund einer bakteriellen Erkrankung an der Klaue mit Antibiotika behandelt worden, und die Rückstände des Medikaments sind noch nicht vollständig abgebaut. Auch die Milch der nächsten Kuh lässt Aija Macuka in ein Extragefäß laufen. Ihr Euter ist blau eingefärbt. Auf dem Hof Kruse bedeutet die Farbe Blau, dass die Kuh jüngst ein Kalb zur Welt gebracht hat. Ihre Milch darf aufgrund erhöhter Zellzahlen nicht in den Tank, der alle zwei Tage von der Molkerei Frischli abgeholt wird. Die sogenannte Biestmilch wird an die Kälber verfüttert.

Elfmal pro Jahr bekommen Henning Kruses Mitarbeiter beim Melken Besuch. Dann steht eine Kontrolle der Milchmengen, der Fett- und Eiweißwerte sowie der Zellzahlen auf dem Programm. „So bekommen wir einen Überblick über jede Kuh“, sagt Henning Kruse. Seine Kühe geben durchschnittlich 28 Liter Milch am Tag. „Das ist nicht besonders viel“, räumt der Betriebsleiter ein. „Es gibt Betriebe, deren Kühe geben fast 40 Liter.“ Doch für den Butzhauser reicht die Menge aus, um seine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgehen zu lassen. Der Landwirtschaftsmeister hat einen Jahresplan erstellt, der anzeigt, welche Milchmenge pro Monat mindestens erreicht werden muss. Im Januar und Februar 2016 lag Kruse über dem Plan.

Muss er vermutlich auch, denn der Preis, den der Butzhauser Landwirt und seine Berufsgenossen für ihre Milch bekommen, sinkt. Im März sind es 25 Cent pro Liter. Henning Kruse kann sich noch gut an Zeiten erinnern, in denen der Milchpreis bei 40 Cent pro Liter lag.

Während Aija Macuka mit den Milchkühen beschäftigt ist, verteilt Ela Woloszyn mit einem umgerüsteten Frontlader Stroh in den vorübergehend verwaisten Liegeboxen. Alle zwei bis drei Tage werden die Liegeflächen neu bestückt. Wenn die Kühe vom Melkstand zurück in den Stall kommen, suchen sich viele von ihnen ein Plätzchen zum Wiederkäuen.

Um die Kühe vor dem Melken möglichst zügig in Richtung Melkstand zu bekommen, treiben die Mitarbeiter sie mit Rufen. Den Weg zurück finden die Tiere alleine. Die Stalltechnik führt sie wie durch ein Labyrinth. „Daran habe ich rund ein Jahr getüftelt“, erzählt Henning Kruse, der seinen Stolz auf das System nicht verhehlen kann. Jede Milch gebende Kuh trägt neben der Ohrmarke ein Halsband mit Transponder. Sobald die Kuh auf dem Weg vom Melkstand zurück in den Stall eine Durchlaufantenne passiert, öffnet sich ein Tor. Die Kuh wird so stets in die ihr zugeteilte Gruppe geleitet.

In Gruppe 1 befinden sich beispielsweise die Kühe, deren letzte Kalbung 100 bis 200 Tage zurückliegt. Sie stehen zur Besamung an. Kruse hält sich zwar einen Bullen, „aber der deckt nur die Kühe, die wir anders nicht tragend bekommen“, gewährt der Landwirt Einblicke in sein Zuchtprogramm. „Die Zuchtbullen des Verbandes sind getestet. Beim Besamen weiß ich deshalb, welche Kälber ich erhalte. Eine Portion Sperma kostet den Landwirt 20 bis 25 Euro. Damit kann er bis zu drei Kühe besamen. Kruse könnte auch aufbereitetes Sperma kaufen, dass ihm weibliche Nachzucht garantiert. Doch das sogenannte gesexte Sperma würde rund das Sechsfache kosten.

In Gruppe zwei befinden sich die Kühe, die jüngst gekalbt haben, in Gruppe drei die Tiere, die auf die nächste Geburt vorbereitet werden. Die Gruppeneinteilung ist wichtig, da die Kühe unterschiedlich energiereiches Fressen erhalten. Möchte Kruse seine Gruppen neu zusammenstellen oder eine Kuh in die Pflegebox aussortieren, gibt der Betriebsleiter Kuhnummer und Abteilbezeichnung in den Computer ein. Alles Weitere übernimmt die Technik. Prinzipiell versucht er das Umsortieren aber zu vermeiden. „Das bedeutet für die Kühe Stress“, begründet Kruse. Stressig wird es für rangniedrige Kühe auch, wenn sie ranghohe Artgenossinnen passieren müssen. Deshalb sind die Gänge zwischen den Liegeboxen an der Butzhauser Helmer bis zu viereinhalb Meter breit. Zum weiteren Wohlfühlprogramm befinden sich zahlreiche Bürsten im Stall. Selbst elektrische Massagebürsten stehen den Rindviechern zu Verfügung.

Gegen kurz vor halb zehn ist für Aija Macuka Schluss im Stall. Am nächsten Morgen um sechs Uhr wird sie wiederkommen, um ihr Programm zu wiederholen.

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