Studierende aus ganz Deutschland beweisen in Bremen: Stahl fliegt

Von Flugversuchen und Bruchlandungen

Bremen. In der Bremer ÖVB-Arena ging es am Donnerstag hoch her. Im wahrsten Sinne: Studierende sind im Wettbewerb mit Gleitfliegern gegeneinander angetreten. Der Clou: Die Flieger sind nicht etwa aus Papier, sondern aus Stahl.
04.07.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Timo Robben

In der Bremer ÖVB-Arena ging es am Donnerstag hoch her. Im wahrsten Sinne: Studierende sind im Wettbewerb mit Gleitfliegern gegeneinander angetreten. Der Clou: Die Flieger sind nicht etwa aus Papier, sondern aus Stahl. Das 15. Mal findet der Wettbewerb „Stahl fliegt“ statt. 54 Studierende aus ganz Deutschland haben teilgenommen. Ein Bremer Team lieferte die wohl originellste Flugbahn.

Die Brüder Wright haben Ende des 19. Jahrhunderts den ersten Flugversuch der Menschheit gestartet. Um den Flieger so leicht wie möglich zu halten, waren die Tragflächen mit dünnem Stoff bespannt. Lukas Heinrich hat zusammen mit drei anderen Studierenden auch einen Gleitflieger gebaut. Nicht etwa aus Stoff oder Papier, sondern aus Stahl. „Auf den ersten Blick nicht die cleverste Idee“, gibt er zu. „Aber es funktioniert.“

Zum 15. Mal findet der Wettbewerb „Stahl fliegt“ statt. Zum zweiten Mal finden sich 54 Studenten und Studentinnen für das bundesweite Projekt in Bremen ein. Der Geschäftsführer des Bremer Instituts für angewandte Strahltechnik (BIAS), Professor Frank Vollertsen, ist Schirmherr des Events. „Das Beste an dem Projekt ist natürlich, dass die Studenten auch etwas dabei lernen. Es geht ja nicht nur um die Umsetzung des Fliegers. Es muss organisiert und im Team gearbeitet werden“, sagt er und zeigt in Richtung der Teilnehmer, die sich inzwischen in der ÖVB-Arena eingefunden haben und letzte Hand an ihre Flieger legen.

Lukas Heinrich sitzt vor dem kleinen Gleiter, den das Team innerhalb einer Woche gebaut hat. Der Stahl reflektiert das gedimmte Licht der Halle. Die Tragflächen sind mit zehn Mikrometer Stahlfolie bespannt und punktgeschweißt. „Wir haben den Flieger lange ausprobiert“, sagt er.

Die Versuche haben jedoch aus nur drei Metern Höhe stattgefunden. In der ÖVB-Arena wird von zehn Metern aus gestartet. „Wir haben schon 24 Sekunden in der Luft geschafft“, erklärt Heinrich. „Im ersten Drittel wollen wir schon landen.“ Das Team in den schwarzen BIAS-T-Shirts nickt eifrig.

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Insgesamt treten 14 Teams aus Kassel, Dortmund, Darmstadt und Bremen an. Jedes Team hat eine eigenwillige Konstruktion an den Start gebracht. Der Wettbewerb ist zwar bundesweit. Eines der Teams kommt jedoch aus China. Haoyn Zhang macht in Deutschland seinen Master. Der Maschinenbauer mit kariertem Hemd und chinesischem Akzent gibt sich siegessicher. „Wir haben das Gewicht unseres Flugzeugs reduziert“, sagt er. 60 Mal habe das Viererteam den Flieger schon getestet. „Wir haben viele Daten gesammelt und immer wieder verbessert“, betont er und wendet sich seinem kleinen Stahlflieger zu, um eine letzte Stelle zu kleben.

Bevor der Flieger in die Luft gehen kann, muss er erst durch die technische Abnahme kommen. Er darf nicht mehr als 80 Gramm wiegen, muss in ein vorgefertigtes Quadrat – natürlich aus Stahl – passen und eine kleine Mutter transportieren. Lukas Heinrich passt den Flieger des Teams BIAS vorsichtig in das Stahlquadrat ein. Der Wirtschafts-Ingenieurwesen-Student macht sich über das Bestehen des Fliegers keine Gedanken. Und tatsächlich unterbietet der Gleiter mit 34 Gramm locker das maximale Gewicht. „Ein bisschen aufgeregt sind wir alle glaube ich schon“, sagt er und lächelt. Gut geschlafen habe er die Nacht vorher trotzdem.

Plötzlich gehen die Scheinwerfer in der Halle an, und die leeren Tribünen werden in grelles Licht getaucht. Eine Stimme sagt über Lautsprecher durch, dass es los gehen kann. Von der Tribüne aus startet das erste Team seinen Flieger. Die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat das Smartphone gezückt und filmt. Die Köpfe sind in den Nacken gereckt. Alle halten die Luft an. Aber nicht für lange: Der erste Flieger legt eine steile Bruchlandung hin und war gefühlte zwei Sekunden in der Luft.

Spiralförmig gleiten die Flieger über die Köpfe der Studierenden hinweg. Fällt mal ein Flieger mehr als er gleitet, gibt es trotzdem lauten Applaus. Dabei sein ist alles. Lukas Heinrich hebt den Stahlflieger hoch über seinen Kopf und wirft. Der Gleiter beschreibt eine saubere Linkskurve. Nur leider nicht steil genug. Anstatt eine Spirale zu fliegen, kracht er gegen die Wand – und bleibt dann auch noch stecken. Zwar hängt der Flieger damit am längsten in der Luft. Die Jury versichert jedoch, dass das nicht zähle. Stattdessen muss der Flieger mit einer langen Holzlatte befreit werden.

Schlussendlich gewinnt nicht das Team BIAS, sondern das Team BIEME (Bremer Institute for Mechanical Engineering). BIAS landet (mit 22 Sekunden Flugzeit) auf dem zweiten Platz. Der Sieger-Flieger blieb später immerhin 28 Sekunden in der Luft. Die Brüder Wright hätten wahrscheinlich große Augen gemacht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+