93-jähriger Ludwig Baumann stellt in der Stadtbibliothek seine Biografie „Niemals gegen das Gewissen“ vor

Von Folter, Todesurteil und Arbeitslager

„Punkt 11“ ist eine Veranstaltungsreihe, in der Autoren ihre literarischen Werke vorstellen können. Seit drei Jahren gibt es diese Lesestunde an nahezu jedem Sonnabend in der Stadtbibliothek Vegesack. Am Sonnabend war Ludwig Baumann zu Gast. Rund 50 Besucher wollten den 93-Jährigen hören, der als der letzte noch lebende Wehrmachtsdeserteur bekannt wurde und nun seine Lebensgeschichte unter dem Titel „Niemals gegen das Gewissen“ veröffentlicht hat.
11.08.2014, 00:00
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Von Peter Otto
Von Folter, Todesurteil und Arbeitslager

Ludwig Baumann (links) liest auf Einladung des Leiters der Stadtbibliothek Vegesack, Martin Renz, aus seiner Biografie „Niemals gegen das Gewissen“.

Peter Otto

„Punkt 11“ ist eine Veranstaltungsreihe, in der Autoren ihre literarischen Werke vorstellen können. Seit drei Jahren gibt es diese Lesestunde an nahezu jedem Sonnabend in der Stadtbibliothek Vegesack. Am Sonnabend war Ludwig Baumann zu Gast. Rund 50 Besucher wollten den 93-Jährigen hören, der als der letzte noch lebende Wehrmachtsdeserteur bekannt wurde und nun seine Lebensgeschichte unter dem Titel „Niemals gegen das Gewissen“ veröffentlicht hat.

„2011 entstand ,Punkt 11’ parallel zur ,Leserpromenade’“, erzählt der Leiter der Stadtbibliothek, Martin Renz. Es habe damals einen Bedarf bei den Autoren gegeben. Das Konzept: Die Literaten lesen vor Publikum aus ihren eigenen Büchern und erhalten darauf eine unmittelbare Reaktion von den Zuhörern. „Das Programm ist bunt gemischt, von Krimis über Lyrik und Biografien bis hin zu Fantasy-Romanen. Von allen Genres ist was dabei“, beschreibt der Bibliothekar den Rahmen.

Am Sonnabend war Ludwig Baumann zu Gast bei „Punkt 11“. Der Vegesacker fand einen prall gefüllten Vortragsraum vor. An die 50 Besucher wollten den 93-Jährigen erleben, der als der letzte noch lebende Wehrmachtsdeserteur bekannt wurde und nun seine Lebensgeschichte unter dem Titel „Niemals gegen das Gewissen“ veröffentlicht hat.

Baumann liest seine Lebensgeschichte allerdings nicht vor, er erzählt sie. Der 93-Jährige leidet unter Legasthenie und kann auf einem Auge nicht mehr gut sehen. Nichtsdestotrotz ist seine Erzählung packend und deprimierend zugleich. Eigentlich sei er ein „Hamburger Jung“, erzählt Baumann. Er stammt aus einem konservativen Elternhaus. Früh wehrt er sich gegen starre Regeln, deren Sinn er nicht verstehen und einsehen kann. Als er 1941 eingezogen wird, stemmt er sich auch gegen den in der Wehrmacht geforderten „Kadavergehorsam“. Besonders widern ihn die Brutalität und Ungerechtigkeit an, unter denen die Gegner ebenso wie die Zivilbevölkerung bei den damaligen Eroberungsfeldzügen der deutschen Wehrmacht zu leiden hatten. „Wir wollten nicht töten, wir wollten leben“, erinnert er sich heute. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich im französischen Bordeaux entschließt, mit seinem Freund Kurt Oldenburg zu desertieren.

Aber das Unternehmen geht schief. Die beiden werden erwischt. Damit beginnt für die Deserteure ein unsäglicher Leidensweg mit Folter, Todesurteil, Todeszelle, Zuchthaus, Strafbataillon und Arbeitslagern. „Ich musste Arbeitskleidung tragen mit den Schusslöchern der zuvor exekutierten Kameraden.“

Baumann erlebt Selbstverstümmelungen in Lazaretten und ein Heer von Toten auf den Schlachtfeldern. Als er nach dem Krieg fordert: „Nie wieder Krieg“, wird er von alten Wehrmachtskameraden zusammengeschlagen. Auch die Polizei, bei der er Schutz sucht, habe ihn verprügelt, berichtet der 93-Jährige. So wird der traumatisierte Kriegsheimkehrer zum Trinker, der das elterliche Erbe versäuft und seine Frau verliert. Erst durch die Friedensbewegung habe er wieder zu sich gefunden, erzählt Baumann. Seitdem ist der 93-Jährige Mann ein Friedensaktivist und tritt ein für Gerechtigkeit und Völkerverständigung.

Der Berner Schriftsteller Edelhardt Callies zeigte sich im Anschluss an den Vortrag tief beeindruckt von dem Lebensbericht des sanften Widerständlers. Manfred Kück lauschte gebannt, da auch seine Familie unter dem Krieg gelitten hatte. „Mein Vater wurde schwer verwundet. Und mein Onkel wurde mit 21 Jahren eingezogen und kam kriegsblind zurück.“ Ulla Schulz kennt Baumann schon lange. „Viele haben ihn für einen Spinner gehalten, obwohl er nichts weiter wollte, als den Menschen einen Anstoß zum Nachdenken zu geben“, betont sie.

Forum für regionale Autoren

Bei „Punkt 11“ sind besonders Autoren aus der Region vertreten. Ria Neumann aus Lemwerder beispielsweise hat aus ihrem Roman „Müttererbe“ gelesen, Ralph Dormann hat seinen Debütroman „Kronhardt“ vorgestellt, der in der Short List des Deutschen Buchpreises den dritten Platz erreichte. Zuweilen gibt es auch Darsteller wie die Stadtführerin Christine Renken, die um „Punkt 11“ einen literarischen Streifzug mit Anekdoten und Geschichten durch Bremen unternehmen.

Von den Besuchern weiß Bibliotheksleiter Martin Renz, dass die Qualität der vorgetragenen Literatur gut ankommt. „In Bremen-Nord gibt es sonst nur wenige Literaturveranstaltungen“, bedauert er. Das Doku Blumenthal und das Kito Vegesack seien da Ausnahmen und vielleicht noch die Begu Lemwerder. Mittlerweile ist dem Bibliothekar eine neue Idee gekommen: „Es wäre doch gar nicht schlecht, wenn man mal im eigenen Wohnzimmer eine Lesung mit einem Dichter oder Schriftsteller arrangieren würde.“ So könnte jeder selbst „einen literarischen Ort“ schaffen.

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