Der 20. März ist Equal Pay Day Von Gleichheit keine Spur

Es ist so ungerecht wie bekannt: Männer verdienen mehr als Frauen. Der Lohnunterschied liegt in diesem Jahr landesweit bei rund 22 Prozent. Am 20. März steht der Equal Pay Day unter dem Motto Transparenz.
20.03.2015, 00:00
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Von Gleichheit keine Spur
Von Kathrin Aldenhoff

Es ist so ungerecht wie bekannt: Männer verdienen mehr als Frauen. Der Lohnunterschied liegt in diesem Jahr landesweit bei rund 22 Prozent. Im Jahr 2009 lag er dem Statistischen Bundesamt zufolge noch bei 23 Prozent, seitdem stagniert er. In Bremen steigt der Lohnunterschied sogar: Nach Berechnungen der Arbeitnehmerkammer anlässlich des Equal Pay Days am 20. März verdienten vollzeitbeschäftigte Frauen 2014 im Durchschnitt 1195 Euro monatlich weniger als Männer.

Das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Vollzeit beschäftigter Männer inklusive Sonderzahlungen lag bei 4463 Euro im Monat, das ihrer Kolleginnen bei 3268 Euro – eine Lücke von 26,8 Prozent. In der Statistik der Arbeitnehmerkammer werden die monatlichen Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten verglichen einschließlich der Sonderzahlungen. Angesichts der Einkommensunterschiede fordert Kammergeschäftsführer Ingo Schierenbeck, dass das im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbarte Entgeltgleichheitsgesetz schnell auf den Weg gebracht werden müsse.

In Niedersachsen sind die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen nach acht Jahren sogar wieder größer geworden. Das Verdienstgefälle habe sich 2014 von 20 auf 22 Prozent erhöht, teilte das Landesamt für Statistik in Hannover am Donnerstag mit.

„Es ist eigentlich unvorstellbar, dass es immer noch diese gravierenden Unterschiede gibt“, sagt Rechtsanwältin Dagmar Geffken, die erste Vorsitzende des Bremer Ablegers des Vereins Business and Professional Women Germany (BPW). Noch unfassbarer sei es, dass sich seit der erstmaligen Aktion des Berufs-Frauennetzwerks im Jahr 2008 nichts verändert habe.

>> Vizepräsidentin Silvia Schön: "Frauen hätten mehr verdient!"

Eine Möglichkeit, den Lohnunterschied zu überwinden, hat sie schon parat: Man müsse mit den Gewerkschaften reden; die Tariflöhne für Frauen müssten stärker steigen als die für Männer. „Sonst werden wir den Abstand nie verringern“, Geffken. Ein Programmpunkt beim Equal Pay Day in Bremen ist aber auch, Gehaltsverhandlungen zu üben, sich bewusst zu werden, warum Frauen sich so schwer damit tun, das zu fordern, was ihnen zusteht.

„Das Problem ist: Wir haben immer noch männliche Spielregeln.“ Und das, obwohl es genug Frauen gebe, die Lust auf Macht hätten – dann aber zu ihren Spielregeln. Wichtig sei, dass nicht nur Frauen zu der Veranstaltung kämen, sondern dass auch Männer den Argumenten zuhörten. Deshalb habe man in diesem Jahr Andreas Kottisch eingeladen, den wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

Das Bremer Softwareunternehmen Abat ist vom Jobbewertungsportal kununu.com unter die zehn frauenfreundlichsten Unternehmen in Deutschland gewählt worden. Es steht an Platz vier und ist das bestplatzierte Bremer Unternehmen. „Bei uns gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Weder im Gehalt noch in den Karrierechancen“, sagt die Vorstandsvorsitzende Gyde Wortmann. Die Firmenkultur ermögliche es den weiblichen Mitarbeitern im jährlichen Personalgespräch selbstbewusst entsprechende Gehaltserhöhungen zu fordern. „Notfalls achten unsere Vorgesetzten darauf, dass sich unsere Frauen nicht unter Wert verkaufen.“

Um Gleichberechtigung zu erreichen, müsse ein Umdenken in den Köpfen stattfinden, sagt Wortmann. „Wer begriffen hat, dass hoch motivierte Mitarbeiter bessere Leistungen erbringen und somit auch bessere Betriebsergebnisse erreichen, für den ist das Thema Gleichberechtigung schon als Selbstzweck im Unternehmen selbstverständlich.“ Termine wie der Weltfrauentag oder der Equal Pay Day könnten hier Akzente zum Nachdenken liefern und ein Umdenken in Gang bringen. Sie wünsche sich aber eine gesellschaftliche Veränderung, und zwar bereits im Umgang mit Kindern.

Sie würde lieber in einer Gesellschaft leben, in der Veranstaltungen wie die Women’s International Leadership Conference nicht mehr nötig wären, sagt Aila Hauru, Studentin der Jacobs-Universität und Hauptorganisatorin. Aber: „Es ist deutlich, dass unsere Gesellschaft unfähig ist, die Hürden in Angriff zu nehmen, die Frauen auf dem Weg an die Spitze im Weg stehen.“ Es müsse zum Beispiel Vorbilder für Frauen und Mädchen geben, und das sei das Ziel der Konferenz: Studenten sollen sich von erfolgreichen Frauen inspirieren lassen.

Der Equal Pay Day alleine werde das Problem der Lohnunterschiede nicht lösen, meint Aila Hauru: „Es reicht nicht, sich auf das Problem zu konzentrieren, wir müssen den Akzent auf Lösungen setzen.“ Sie selbst sieht sich in der Zukunft in einer leitenden Position. Und auch die jungen Frauen um sie herum seien hoch motiviert, künftig Spitzenpositionen einzunehmen.

Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Nordmetall, Nico Fickinger, erklärt, die tatsächliche Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen betrage weniger als zwei Prozent. „Die weiteren 20 Prozent der statistischen Lücke beruhen auf der unterschiedlichen Berufswahl von Frauen und Männern, der höheren Teilzeitquote und längeren beruflichen Auszeiten bei Frauen. Es ist daher falsch, dass gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt wird. Die Statistik vergleicht Äpfel mit Birnen.“

Der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Meinhard Geiken, weist die Äußerungen von Fickinger zurück. Jedes Prozent Diskriminierung sei eins zu viel. Es bringe nichts, Statistiken anzuzweifeln und mit dem Finger auf andere zu zeigen. „Mit besseren Regelungen zu Arbeitszeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der gezielten Förderung von Frauen können die Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Metall- und Elektroindustrie für Frauen attraktiver wird. Gute Bezahlung durch Tarifverträge allein reicht nicht.“

Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Volker Müller, erklärt, die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern lasse sich nahezu vollständig durch Faktoren wie zum Beispiel die Berufswahl, den Umfang der Arbeitszeit und Erwerbsunterbrechungen erklären. Um die Lücke zu schließen, müssten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihren Beitrag leisten und zum Beispiel ein neues Rollenverständnis von Männern und Frauen schaffen, das Berufswahlspektrum von Mädchen und Frauen erweitern und flexible Arbeitszeitmodelle in Unternehmen ausbauen.

Es sei nicht richtig, dass es den Lohnunterschied gebe, weil Frauen sich für andere Branchen entschieden, betont die BPW-Vorsitzende Dagmar Geffken. Jedenfalls ist das nicht die einzige Erklärung. Denn auch innerhalb einer Branche, zum Beispiel der Bankwirtschaft, verdienten Männer zwischen acht und zehn Prozent mehr als ihre weiblichen Kollegen, sagte Geffken. Deshalb versuche man zunehmend, die männlich geprägten Wirtschaftszweige anzusprechen. „Es braucht sehr lange, bis wir alle überzeugt haben.“

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