Bremer Chefärzte lesen in der Stadtbibliothek aus ihren Lieblingswerken / Drei Autoren vorgestellt Von Kreuzworträtseln und der Langsamkeit

Im Rahmenprogramm der aktuellen Ausstellung "Sanatorium Sehnsucht. Kunst und Krankheit im Zeitalter der Nervosität" hatte das Krankenhaus-Museum am Klinikum Bremen-Ost zu einer Lesung in die Zentralbibliothek eingeladen. Drei Chefärzte aus Bremer Kliniken lasen Ausschnitte aus ihren Lieblingswerken, das waren Geschichten und Romane von Tucholsky, Nadolny und Yalom.
05.12.2011, 05:00
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Von Liane Janz

Im Rahmenprogramm der aktuellen Ausstellung "Sanatorium Sehnsucht. Kunst und Krankheit im Zeitalter der Nervosität" hatte das Krankenhaus-Museum am Klinikum Bremen-Ost zu einer Lesung in die Zentralbibliothek eingeladen. Drei Chefärzte aus Bremer Kliniken lasen Ausschnitte aus ihren Lieblingswerken, das waren Geschichten und Romane von Tucholsky, Nadolny und Yalom.

Altstadt. Wie sich die Krankheiten Tuberkulose und Wahnsinn im künstlerischen Schaffen um 1900 widerspiegeln, zeigt die Ausstellung "Sanatorium Sehnsucht. Kunst und Krankheit im Zeitalter der Nervosität" im Krankenhaus-Museum an der Züricher Straße. Passend dazu stellten drei Chefärzte ihre Lieblingsautoren in der Zentralbibliothek am Wall vor. Die Mediziner erklärten den Zuhörern anschließend, was die ausgewählten Werke so besonders macht, und sie ließen sich auf eine Diskussion über Lesegewohnheiten und die Symbiose zwischen Medizin und Literatur ein.

Professor Heiner Wenk, Direktor der Chirurgischen Klinik am Klinikum Bremen-Nord, hatte sich für Kurt Tucholsky entschieden. Der Autor verbrachte selbst einige Zeit im Sanatorium und hat darüber seine Kurzgeschichte "Kreuzworträtsel mit Gewalt" geschrieben - eine durchaus heitere Angelegenheit. Eher romantische Bilder erzeugte der zweite Text, den Wenk von Tucholsky las. Er hat ihn unter dem Alias Kaspar Hauser 1929 in der Zeitschrift "Die Weltbühne" veröffentlicht. Der Text heißt "Die fünfte Jahreszeit" und beschreibt den Übergang zwischen Spätsommer und Herbst. "Bei dem Thema Sanatorium dachte ich zuerst an Thomas Mann und seinen 'Zauberberg'. Den habe ich aber im vergangenen Jahr schon vorgelesen", erklärte der Mediziner.

Literatur als Ablenkung

Zu seinem Fachgebiet passende Literatur wählte Peter Bagus, Chefarzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik am Klinikum Bremen-Ost, aus. Er las einige Seiten aus Irvin D. Yaloms "Und Nietzsche weinte". In diesem Roman beschreibt der Professor Yalom eine fiktive Begegnung zwischen dem Arzt Josef Breuer und Friedrich Nietzsche. "Dabei zeigt Yalom, was durch Begegnung möglich werden kann", erklärte Bagus seine Beweggründe, diesen Roman vorzustellen. Sein Fachbereich, die Psychoanalyse, würde zwar überzeichnet dargestellt, aber es gäbe trotzdem Anklänge, was Psychoanalyse ist.

Authentisches und Fiktives mischt auch Sten Nadolny in seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit". Aus diesem Buch las Hans Joachim Willenbrink, Palliativmediziner und Chefarzt am Klinikum Links der Weser. Er entschied sich, die Passagen vorzustellen, die die Entwicklung der Hauptfigur, des sehr langsamen John Franklin, von der Kindheit über die Jugendzeit bis hin zu seiner beruflichen Karriere nachzeichnet. Franklins Geschichte zeige, auf welche Arten die Ziele erreicht werden können - nämlich auch mit Muße. Willenbrink selbst bekam dieses Buch von einem ehemaligen Mitarbeiter geschenkt. "Ihm ging meine Schnelligkeit auf den Geist. Deshalb hat er es mir geschenkt", erzählte der Chefarzt. Langsamer sei er inzwischen geworden, erzählte er weiter, aber das hinge wohl auch mit dem Älterwerden zusammen. Dennoch bringt das Buch seinen Leser zum Nachdenken über die eigene Schnelligkeit.

Ob ein Blick für Literatur und Kunst nötig wäre, um ein guter Mediziner zu sein, fragte ein Zuhörer. Eine Antwort wussten die Ärzte darauf nicht, aber sie bestätigten, dass sie sich gern damit beschäftigen, um sich von Alltag und Beruf abzulenken.

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