Wochenschwerpunkt: Vegane Ernährung Von Startschwierigkeiten und wie man sie überwindet

„Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier“, lautete die Botschaft eines Videos von Paul McCartney. Anstatt sich das Video anzuschauen, ist Jumana Mattukat Veganerin geworden.
08.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Startschwierigkeiten und wie man sie überwindet
Von Ralf Michel

Manchmal braucht es einfach nur einen Anstoß. Bei Jumana Mattukat war es ein Video von Paul McCartney, auf das sie Freunde aufmerksam machten. „Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten, wäre jeder Vegetarier“, lautete die Botschaft des Videos. Sie wollte sich den Film nicht ansehen. „Aber ich fand es auch nicht in Ordnung, ihn zu ignorieren und nur deshalb weiter Fleisch zu essen.“ Am Ende hat sie sich selbst vor die Wahl gestellt: Entweder das Video schauen oder Vegetarierin werden.

Die 41-Jährige hat den Film bis heute nicht gesehen. Stattdessen ist sie Vegetarierin geworden. Vier Jahre ist das her und der nächste Schritt folgte nur ein Jahr später. Seither ist sie Veganerin, verzichtet also auch auf Tierprodukte wie Milch, Eier oder Honig. Wenn schon das Bekenntnis zu Tierschutz und Umwelt, dann aber auch konsequent.

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Was anfangs gar nicht so einfach war, räumt die Bremerin ein. „Vor drei Jahren war die vegane Ernährung ja noch etwas ziemlich Exotisches.“ Probleme im Freundeskreis waren die Folge, und in der eigenen Familie gab’s sogar eine Krise. Denn weder ihr Mann, noch die beiden Kinder, damals fünf und acht Jahre alt, waren sonderlich begeistert. „Und dabei war uns gerade das gemeinsame Essen sehr wichtig.“ So gab es eine Weile lang drei verschiedene Gerichte im Hause Mattukat. Ihr Mann aß Fleisch, ihre Kinder vegetarisch und sie selbst vegan. „Das fühlte sich an wie die Trennung am Esstisch.“

Bei Freunden habe sie versucht, sich irgendwie durchzularvieren. Immer in der Defensive. Bloß keine Extrawurst. Bloß keine Umstände. Völlig verkrampft sei das gewesen. Und der falsche Weg, wie sie schließlich gemerkt habe. „Erst, als ich selbst mit mir ins Reine kam und meine vegane Ernährung offen kommuniziert habe, wurde es leichter.“ Das Selbstbewusstsein „es ist einfach toll, dass ich vegan bin“ hat sich auf ihre Kinder übertragen, ihr Mann ist inzwischen Vegetarier und außerdem „ein ausgezeichneter veganer Koch“.

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Anfangs habe sie auch zu viel gewollt, erzählt die 41-Jährige. „Ich hatte wahnsinnige Ansprüche. Es sollte nicht nur vegan sein, sondern auch gleich super gut schmecken.“ Irgendwann habe sie dann gelernt, lieber Schritt für Schritt vorzugehen. „Ich bin inzwischen viel experimentierfreudiger geworden und auch hier wieder viel selbstsicherer: Wird schon schmecken.“

Sie selbst ernährt sich komplett vegan, für den Rest der Familie gelte: zu Hause vegan, auswärts Vegetarier. Gerade für die Kinder sei diese Unterscheidung wichtig. „Bei Kindergeburtstagen zum Beispiel sollen sie ruhig auch Kuchen essen, wenn sie wollen“, betont die 41-Jährige. Es gehe bei der veganen Ernährung nicht darum, etwas nicht essen zu dürfen, sondern darum, etwas nicht essen zu wollen.

Mit der Frage, ob sie sich denn nicht darum sorge, dass sie ihre Kinder auch wirklich mit allem versorge, was sie bräuchten, kann die Mutter ohnehin wenig anfangen. „Wir haben einen sehr ausgewogenen Speiseplan.“ Obst, Gemüse, Getreide, Nüsse... „Die meisten würden sich wundern, was da alles drin ist.“

Irgendwie sei dies aber ohnehin eine sehr merkwürdige Diskussion, findet Jumana Mattukat. „Eltern, die jeden Tag mit ihren Kindern bei McDonald’s essen, werden so etwas nicht gefragt. Die müssen sich nicht für ihre Ernährung rechtfertigen.“ Ebenso absurd findet sie Kritik an Veganern, die gerne Produkte essen, die nach Fleisch oder Wurst schmecken. „Ich esse aus ethischen Gründen vegan, nicht weil mir Fleisch nicht geschmeckt hat. Haben etwa nur Fleischesser diesen Geschmack gepachtet?“ Aber auch dies sei ein Erkenntnisprozess gewesen.

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„Anfangs habe ich natürlich auch nur Obst, Gemüse und Getreide gegessen, inzwischen gönne ich mir auch mal einen veganen Döner.“ Im Freundeskreis habe sie längst keinerlei Probleme mehr, erzählt die Veganerin. Auch hier sei das gewachsene Selbstvertrauen der Schlüssel zum Erfolg gewesen. „Wenn ich Besuch habe, möchte ich ja auch, dass es ihm bei uns schmeckt. Also darf ich das doch auch anderen als Gastgebern zumuten oder zutrauen.“ Dies habe wunderbar geklappt. „Ich bin auf große Offenheit und Bereitschaft gestoßen, die meisten finden das sogar spannend und sagen mir hinterher, dass es gar nicht so schwer war, auch vegan zu kochen.“

Allerdings, räumt Jumana Mattukat ein, gebe es inzwischen in ihrem Freundeskreis sehr viele Veganer und Vegetarier. „Wahrscheinlich zieht man das irgendwie an und lebt dann so ein wenig in seinem veganen Biokosmos.“ Andere zum Veganismus bekehren würde sie aber nicht. Zugegeben, anfangs, als sie begonnen habe, über den Fleischkonsum zu recherchieren, habe sie schon gedacht: „Um Gotteswillen, wie können andere nur weiter Fleisch essen?“ Doch auch hier habe sie längst ihre innere Ruhe gefunden. „Ich fange auch nie von selbst mit diesem Thema an“, sagt sie und lacht: „Das kommt meistens sowieso automatisch von alleine.“

Für diesen Fall bietet sie Informationen an, hält sogar Vorträge und Lesungen, ist als „Vegan Coach“ tätig und hat ein Buch über ihre Erfahrungen im ersten halben Jahr mit veganer Ernährung geschrieben („Mami, ist das vegan?“, erschienen bei Kamphausen), aber sie zwinge sich niemandem auf. „Ich versuche lieber, mit Lebensfreude Lust auf vegane Ernährung zu machen.“
Entsprechend gelassen geht die 41-Jährige auch damit um, dass „vegan“ derzeit regelrecht boomt und selbst Unternehmen wie Rügenwald oder Wiesenhof vegetarische oder sogar vegane Produkte anbieten. Sie persönlich gehe zwar lieber in Bioläden. „Aber ich freue mich über jedes vegane Produkt, das im normalen Supermarkt auftaucht.“ Dies sei insgesamt eine gute Entwicklung, auch wenn dahinter keine Überzeugung, sondern allein wirtschaftliche Interessen stünden. „Den Tieren ist es schließlich egal, warum sie nicht gegessen werden.“

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