Schmerzhafte Kluft Von Tenever ins Blockland: Der Wahlbeteiligung in Bremen auf der Spur

Zwischen der Wahlbeteiligung in Tenever und dem Blockland lag bei der Landtagswahl in Bremen 2015 eine erschreckende Kluft von 45 Prozentpunkten. Warum ist das so? Zwei Besuche vor Ort.
20.03.2019, 21:58
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Von Tenever ins Blockland: Der Wahlbeteiligung in Bremen auf der Spur
Von Lisa Schröder

An diesem Tag schafft es die Sonne kaum durch die Wolkendecke. Ein zarter gelber Ball am Himmel eines eisigen Märzmittwochs. Auf der Straßenbahnfahrt mit der Linie 1 nach Tenever werben die ersten Litfaßsäulen für die Europawahl. Es sind noch 81 Tage bis zur gleichzeitig stattfindenden Bürgerschaftswahl.

„Bremen Tenever – Zukunft gemeinsam gestalten“ steht an der Tür des Quartiersmanagements in der Wormser Straße. Dort sitzt gerade die Arbeitsgruppe Wahlbeteiligung am Konferenztisch zusammen und diskutiert intensiv. Es geht um die geringe Stimmabgabe in Tenever 2015. Damals wählten hier nur 31,8 Prozent der Wahlberechtigten. Die AG plant in den nächsten Wochen einen Austausch der Bürger mit Politikern, um mehr Menschen in Osterholz zur Wahl zu motivieren. Es geht um eine Neuauflage der Wohnzimmergespräche.

"Die Parteien haben Angst vor den Bürgern"

Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter (CDU) redet sich ein wenig in Rage: „Wir müssen in Tenever Flagge zeigen.“ Einrichtungen wie das Mütterzentrum mit seinen vielen Mitarbeitern müssten dann natürlich kommen und die Politiker mal „zutexten mit Forderungen“, dass sie es begriffen. „Ich vermisse, dass die Parteien in die Hufe kommen. Wir machen das hier nebenbei.“

In seinen Elan mischt sich gleichzeitig Ernüchterung. Schwer sei es in der Vergangenheit gewesen, Abgeordnete nach Tenever zu holen. Dabei müssten sie doch mehr in die Quartiere und schon von allein fragen, ob sie auftreten dürften, meint Schlüter, seit 19 Jahren Ortsamtsleiter in Osterholz. „Die Parteien haben Angst vor den Bürgern.“

Selbst aus dem Beirat seien einige Vertreter bei den letzten Wohnzimmergesprächen nicht gekommen, bringt Wolfgang Haase (SPD), Sprecher des Beirats Osterholz, nun ein. Doch die Gesichter des Stadtteils müssten bei der Aktion zu sehen sein. Viele seien schon lange im Beirat. „Da muss man leider bestimmte Ermüdungserscheinungen zur Kenntnis nehmen.“ Allerdings gehe es am 26. Mai fast um eine „Schicksalswahl“ mit großer Bedeutung für den Bund. „Von daher kann sich keiner aus dem Beirat in Bremen drücken. Wir müssen uns bewegen.“

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In diesem Moment will Aykut Tasan, Quartiersmanager im Schweizer Viertel, die optimistische Stimme sein. Wie wäre es mit einer neuen Idee für das Format, um mehr Bürger zu gewinnen? Getränke- und Würstchenstände? „Und die Bürgerschaftsabgeordneten grillen und können im Dialog Fragen beantworten. Vielleicht wandeln wir das Wohnzimmer zu einer Küche um.“ Schlüter bleibt skeptisch: „Einige Politiker haben doch schon Probleme, überhaupt nach Tenever zu kommen, weil sie sagen: Das ist nicht meine Klientel. Ich werde hier abgelehnt.“ Ob die dann wirklich Würstchen ausgäben? Doch die Idee soll verfolgt werden. Weiter geht es mit der Planung. Die Terminkalender in der Runde öffnen sich.

Warum gehen Menschen nicht wählen? Neben sozialen Faktoren spielen nach dem Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst zuallererst die Bildung und das Alter eine Rolle, ob jemand an einer Wahl teilnimmt oder nicht. Und die Politik selbst gebe den Ausschlag: „Die Wahlbeteiligung hat immer auch mit dem Wahlkampfgeschehen und den Konstellationen im Parteienwettbewerb zu tun. Das zu ignorieren, wäre sträflich. Außerdem entließe es die Parteien aus ihrer Mitverantwortung.“

Ein Zuhause mit Ruhe und Blick auf die Wümme


Im Blockland gibt es keine Arbeitsgruppe Wahlbeteiligung. Hier stimmten bei der Bürgerschaftswahl 76,8 Prozent der Menschen ab – der höchste Wert in Bremen. An diesem Märztag nieselt es immer wieder. Entlang der Wümme mäandern 15 Kilometer Deich. Sonst sind auf der Strecke Radfahrer, Spaziergänger, Jogger und Skater unterwegs. Heute schreckt das Wetter ab.

Ortsamtsleiter im Blockland ist Heiner Schumacher (CDU) – und das schon seit knapp 25 Jahren. „Da kennt man fast alle. Die Arbeit im Ortsamt und Beirat macht in einem solchen Dorf einfach Spaß.“ Sein Haus und Milchviehbetrieb liegen gegenüber des Deichs. Ein Zuhause mit Ruhe und Blick auf die Wümme.

Warum liegt die Wahlbeteiligung hier traditionell hoch? „Ich glaube, das hat ganz tiefe Gründe“, sagt Schumacher. Früher hätten sich die Bauern in der Selbsthilfe gegenseitig unterstützt, um überhaupt überleben zu können. In dieser Selbsthilfe, organisiert durch Gremien, musste gewählt werden. „Das ist der Ursprung. So ist die Bevölkerung schon immer über Generationen geprägt gewesen: Wählen ist eine Selbstverständlichkeit. Da braucht man nicht drüber zu diskutieren.“ Die Menschen hätten sich gegenseitig erzogen. Früher, da habe es sogar einen Spruch auf Platt gegeben, wenn sich jemand enthielt: „Du büst doch gaar nich to Wahl west!“

Der Ortsteil ist immer noch landwirtschaftlich geprägt, obwohl es viele Höfe nicht mehr gibt. Das Blockland erlebt den Strukturwandel. Die alten Gebäude müssten umgenutzt werden, sagt Schumacher. Weil das koste und nicht allein zu stemmen sei, erwartet er Hilfe von Bremen, um die schönen alten Häuser zu erhalten. Das sei gerechtfertigt: „Am Wochenende ist hier der Teufel los. Das muss die Bevölkerung ertragen. Das Blockland ist der Garten der Stadt Bremen.“ Der drohende Zerfall alter Fachwerkhäuser, wenn es keine Förderung gibt, ist hier ein wichtiges Thema – und die Rennradfahrer. Schumacher ärgert sich über diejenigen, die das Blockland als großes Fitnessstudio sehen. „Da geht es nicht um den Genuss, sondern ums Abreagieren.“

327 Wahlberechtigte zählte das Blockland vor vier Jahren. Im größten Ortsteil wohnen nur um die 400 Einwohner. In Tenever waren dagegen mehr als 6000 Menschen stimmberechtigt. Wie beispielsweise auch in Borgfeld, das mit mehr als 6700 ähnlich viele Wahlberechtigte hat wie Tenever. Davon nahmen aber immerhin 73,1 Prozent an der Wahl teil. Doch sowohl im Blockland als auch in Borgfeld lag die Wahlbeteiligung schon deutlich höher in der Vergangenheit: über 80 Prozent. Insgesamt stimmte 2015 nur die Hälfte der Bremer ab – für viele ein Alarmsignal.

Ortsamtsleiter Heiner Schumacher kann es nicht verstehen, aus Ärger über die Politik nicht wählen zu gehen. Er findet es problematisch, immer nur zu nörgeln und sich nicht zu engagieren. „Das ist mir zu flach, einfach zu sagen: die da oben. Ich bin auch mit vielen Dingen nicht einverstanden. Doch ich gebe trotzdem nicht einfach mein Wahlrecht auf.“

Im Blockland sieht er dieses Problem allerdings weniger verbreitet als anderswo. Das liege eben daran, dass es hier immer schon darum gegangen sei, mitzubestimmen: „Ob es nun die Feuerwehr oder die Selbsthilfe ist. Die Bürger mischen sich ein.“ Die breite Basis nehme auch an den öffentlichen Sitzungen teil – im Dorf am Wümmedeich.

Der Weg ins Stadtzentrum ist weit


Urbanität dagegen in Tenever. Draußen auf den Spielplätzen vor den Wohnblocks ist an diesem kalten Vormittag nicht viel los, genau wie auf den Spazierwegen. Dort geht Barbara Gottschalk gerade zur Arbeit. Warum so wenig Menschen vor vier Jahren wählten? „Keine Ahnung“, sagt Gottschalk. Vielleicht fehle das Interesse der Bewohner? Sie gehe immer zur Wahl, denn „man will was Gutes haben“. Beigi Jahja schiebt sein Kind im Wagen vor sich her. Der Krankenstand in der Kita und Drogenverkäufer: Diese Probleme sind das Erste, was dem Vater zur Wahl einfällt.

Zwei junge Frauen auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Die beiden arbeiten in ­Tenever. Warum die geringe Wahlbeteiligung? „Die Menschen interessiert nicht, was passiert, weil sie die Hoffnung aufgegeben haben, dass sie etwas ändern können“, erklären es sich die Frauen. Politik und Schulen sollten die politische Bildung darum unbedingt verstärken: „Nicht nur vor den Wahlen.“

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Ilhan Acar geht mit zwei Männer Richtung Parkplatz und verabschiedet sich von ihnen. Schon seit 34 Jahren lebt er hier in Tenever und damit den großen Teil seines Lebens. „Ich gehe zur Wahl“, sagt er. Allerdings spüre er im Viertel das Gefühl, von der Politik alleingelassen worden zu sein. „Früher war hier viel mehr los, viel mehr Leben.“ Cafés und Restaurants gibt es tatsächlich wenige. Gegenüber dem Wohnblock liegen vor allem Grünanlagen, Spielplätze und Schulen.

Eine Sparkasse und den Aldi gebe es hier nicht mehr, „die hat man uns weggenommen“, sagt Acar. Nun müsse man ein ganzes Stück fahren, um einzukaufen. Der Weg ins Stadtzentrum sei weit. Eine halbe Stunde dauert es von hier bis zum Bremer Hauptbahnhof mit der Linie 1. Junge Leute hingen auf den Fluren der Häuser rum und draußen auf der Straße, weil sie irgendwann zu alt seien für das Jugendzentrum. Acar sagt: „Ich habe hier alles erlebt: Gute Zeiten und schlechte Zeiten.“ Trotz der Unzufriedenheit wird er zur Wahl gehen: „Wenn ich nicht wählen gehe, dann kann ich auch nicht meckern.“

„Ist es schon wieder soweit?“, entgegnet eine junge Frau auf die Wahlen angesprochen. Sie ist mit ihren drei Kindern unterwegs. Wählen gehe sie: „Bloß nichts verschenken, sonst gehen die Stimmen an die Falschen.“

Wahlbeteiligung in Tenever geht zurück

Seit Jahren geht die Wahlbeteiligung in ­Tenever tatsächlich aber kontinuierlich zurück: Vor 40 Jahren lag sie noch bei 73,6 Prozent. Im Quartiersmanagement Tenever beschäftigt die AG nicht nur das. Im Stadtteil Osterholz habe die AfD 2017 bei der Bundestagswahl 14 Prozent geholt. „Das hat aufhorchen lassen“, sagt Ortsamtsleiter Schlüter. Es scheint doch nicht zu passen, dass in Tenever, wo 80 verschiedene Nationalitäten lebten, viele rechts wählten, ist rauszuhören: „Ich denke, da sind alle Demokraten aufgerufen, das zu hinterfragen.“ Ein Hämmern ist zu hören. Unten im Gebäude im Arbeitslosenzentrum hat es gebrannt. Die Räume werden renoviert und sind eine Baustelle.

Gudrun Ubben ist engagierte Bürgerin aus Osterholz. In der AG wirkt sie mit, weil es ihre Überzeugung ist, dass alle im Stadtteil etwas unternehmen müssen, damit die Wahlbeteiligung steigt. „Da muss jeder Bürger die anderen mitreißen.“ Im Stadtteil lebten ganz viele Menschen auch in schwierigen Lagen, die viel Mühe für ihr tägliches Leben aufwenden müssten. „Die haben, glaube ich, gar nicht mehr die große Kraft, sich aufzuraffen und damit zu beschäftigen. Das ist zwar traurig, aber man muss das ein bisschen verstehen.“

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In einer ökonomisch schwierigen Situation betrachte man viel kürzere Zeiträume, sieht es Aykut Tasan. Es gehe zunächst um die Grundlagen: Wohnraum, Arbeitsplatz, das Wohl der Familie. Allerdings will er auch die Verantwortung der Politik nicht klein reden: deren Beziehungsarbeit zu den Menschen sei nötig. „Die fehlt ein Stück weit.“ Rockkonzerte, Stammtische – Tasan und seine Kollegen vor Ort versuchen immer wieder, die Menschen zu erreichen. „Die Wahlen machen es nicht einfach“, sagt Tasan. Die Parteien rängen um Bewerber, aber der Bürger vermisse die Trennschärfe: Was unterscheidet die Parteien voneinander? Und was passiert nach der Wahl? „Die Bürger, die wenig haben, haben das Gefühl, gar nicht mitreden zu können. Die werden nicht mitgenommen.“

Und er sieht einen weiteren Grund. In anderen Stadtteilen gebe es die Tradition, gemeinsam zur Wahl zu gehen. „Und danach gibt es Kaffee und Kuchen. Das ist hier nicht so im Fokus.“ Darum plädiert Aykut Tasan dafür, den Urnengang mehr als „Event“ zu gestalten.

Tasan will nicht die Politik kritisieren, sondern nach vorne sehen. Doch ihm fällt noch was ein: Manche Menschen in Tenever, wo 60 Prozent einen Migrationshintergrund haben, hätten in ihren Herkunftsländern negative Erfahrungen mit der Politik gemacht. Geblieben sei, sich besser nicht einzumischen. „Da ist es unsere Aufgabe, die Bürger abzuholen und ihnen Sicherheit zu geben.“ Beziehungsarbeit.

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