Werte-Projekt in Huchting

Von umgedrehten Wegweisern und meterhohen Fahnen

Welche Werte bringen Geflüchtete mit nach Deutschland? Dieser Frage ist der Kulturladen Huchting nachgegangen.Die Spuren des Projektes „mensch...meine Werte“ sind im ganzen Stadtteil sichtbar.
11.01.2018, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Karin Mörtel
Von umgedrehten Wegweisern und meterhohen Fahnen

Claudius Joecke, Vera Zimmermann (links) und Barbara Hofmann.

Walter Gerbracht

Es war die erneute „Leitkultur“-Debatte in Deutschland als Reaktion auf die zahlreichen Flüchtlinge im Land, die im Kulturladen Huchting eine regelrechte Gegenbewegung ausgelöst hat: „Wir sind der Auffassung, es können nur gesellschaftliche Spielregeln, aber keine Werte verordnet werden, sondern die Menschen bringen unabhängig von ihrer Nationalität Werte mit", sagt Claudius Joecke vom Kulturladen. Das neue Projekt „mensch...meine Werte“ war geboren.

Als ein Ergebnis sollen nun acht umgedrehte Wegweiser dauerhaft im Stadtteil installiert werden, bei denen der Pfahl Huchting symbolisiert und die Schilder, die mit unterschiedlichen Werten beschriftet sind, nicht in alle Himmelsrichtungen zeigen, sondern in die Mitte. Werte wie „Respekt“ könnten darauf stehen sowie die Herkunft der Neu-Huchtinger, die den Wert mitgebracht haben: Teheran, 3821 Kilometer. Oder auch „Humor“, Puerto Rico, 7375 Kilometer.

"Wir wollten nachforschen, was tatsächlich die Werte sind, die Neuankömmlinge und Alteingesessene in Huchting bewegen und wie sie bei jedem Einzelnen entstanden sind“, erklärt Vera Zimmermann die Grundidee des Projektes. Geld gibt es vom "Fonds Soziokultur" und dem Fördertopf "Wohnen in Nachbarschaften".

Gemeinsam mit Barbara Hofmann und dem weiteren Team des Kulturladens haben sie daher ein Jahr lang etwa 600 Menschen befragt und ihre Werte in unterschiedlicher Gestalt im Stadtteil sichtbar gemacht: Es sind kleine bunte Koffer entstanden, auf denen in verschiedenen Sprachen und Dialekten jeweils ein Wert und seine persönliche Entstehungsgeschichte abzulesen sind.

Wie bunte Ausrufezeichen haben sie zudem 60 meterhohe Fahnen gestaltet. Handbemalt mit „Empathie“, plattdeutsch „Openheit“ und vielen weiteren Werten auf Persisch, Russisch und in anderen Sprachen, die zu verschiedenen Aktionen im Stadtteil aufgestellt wurden.

Im Anschluss steht nun noch eine Videoinstallation aus, die die Wohnungsbaugesellschaft Gewoba möglich machen will. Jugendliche haben ihre Werte im Kulturladen gemeinsam mit Freunden auf Fotos szenisch dargestellt. Schon bald sollen ihre Ideen für kurze Zeit auch auf Hauswänden im Stadtteil verteilt zu sehen sein.

„Viele Geflüchtete bekommen bei uns in Deutschland das Gefühl vermittelt, nur von außen beurteilt zu werden und nichts Wert zu sein. Für sie war es eine neue Erfahrung, gefragt zu werden, was ihnen wichtig ist“, hat Zimmermann im Laufe des Projektes beobachtet. Wer Vorurteile pflegt, wird wohl kaum ahnen, dass ein junger Schwarzafrikaner „Bildung“ und ein gleichaltriger Afghane „Liebe“ als ihre wichtigsten Werte nennen. „So etwas bekommt nur heraus, wer sich die Zeit nimmt, seinen Gegenüber kennenzulernen“, findet Joecke.

Kaum ist das Projekt zum Jahresende 2017 beendet, ist es auch schon nominiert für den „Innovationspreis Soziokultur“ des Bundesverbandes soziokultureller Zentren. Eine große Ehre für einen kleinen Kulturbetrieb wie den Kulturladen, sagen die Macher. Sie wollen auch in ihrer kommenden Arbeit die Wertebasis der Gesellschaft näher zu erforschen und sichtbar zu machen. Zimmermann: „Das ist uns wichtig – schließlich geht es um den menschlichen Kern.“

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