Bremer Engagement für Millenniumsziele "Von zwei Kartoffeln wird man nicht satt"

Bremen. Deutschland hinkt seinen Zielen in der Entwicklungspolitik hinterher - das steht nicht erst seit Beginn des Millenniumsgipfels in New York fest. Die Mitglieder der Bremer Matthäus-Gemeinde kritisieren dies vehement und haben eine Woche gehungert, um Politiker aufzurütteln.
20.09.2010, 16:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Anna Brüning

Bremen. Deutschland hinkt seinen Zielen in der Entwicklungspolitik hinterher - das steht nicht erst seit Beginn des Milleniumsgipfels in New York fest. Die Mitglieder der Bremer Matthäus-Gemeinde kritisieren dies vehement und haben eine Woche gehungert, um Politiker aufzurütteln.

„Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass alle drei Sekunden ein Kind an den Folgen extremer Armut stirbt“, sagt Pastor Lothar Bublitz aus der Matthäus-Gemeinde in Bremen. Die Gemeinde fordert die politisch Verantwortlichen auf, die Millenniumsziele umzusetzen. Um selbst ein Zeichen zu setzen, haben Gemeindemitglieder eine Woche lang gehungert.

Anlass ist der Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen, der am Montagabend in New York begonnen hat. Bis zum 22. September ziehen Staats- und Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama Zwischenbilanz in Bezug auf die Fortschritte der 2000 beschlossenen Entwicklungshilfeziele. Deutschland ist weit entfernt von dem Ziel, bis zum Jahr 2015 0,7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Statt der als Zwischenziel versprochenen 0,51 Prozent gibt die Bundesregierung im Jahr 2010 nur 0,4 Prozent für die Entwicklungsländer aus. Die meisten Staaten der Europäischen Union schaffen die anvisisierten 0,51 Prozent ebenfalls nicht. Lediglich Schweden, Norwegen, die Niederlande und Belgien erreichen schon jetzt 0,7 Prozent.

Hunger verändert das Bewusstsein

Was es bedeutet, wenn die Hilfszusagen nicht eingehalten werden - das versuchen die Mitglieder der Matthäus-Gemeinde nachzuempfinden: „Wir haben uns in der vergangenen Woche mit so wenig Essen wie die Menschen aus der Dritten Welt ernährt", sagt Lothar Bublitz. "Wir standen hungrig vorm Tisch auf und gingen hungrig ins Bett. Von zwei Kartoffeln wird man nicht satt.“

Wenn man ein Stück weit mitleide, verändere sich das Bewusstsein, so der Pastor: „Seit einer Woche schon habe ich zitternde Knie, weil ich nicht genug gegessen habe.“ Es sei bestürzend, zu wissen, dass viele Menschen noch viel weniger zu essen haben.

Weil sie eine Woche gehungert haben, gaben die Gemeindemitglieder weniger für Lebensmittel aus. Das Geld, das sie dadurch eingespart haben, geht nun zusammen mit der Kollekte der Aktionswoche an eine Schule in Kenia. 10.000 Euro sind zusammengekommen.

Bremen will mithelfen

Das Land Bremen will ebenfalls zur Umsetzung der Millenniumsziele beitragen. Das Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit setzt sich zum Ziel, die Armut zu bekämpfen sowie ökologische Nachhaltigkeit und Demokratieentwicklung zu fördern. Zusammen mit dem Bund fördert Bremen internationale Programme zur Qualifizierung junger Führungskräfte aus Entwicklungsländern im Bereich Hafen und Logistik.

Die Faire Woche, die noch bis zum 26. September in Bremen stattfindet und vom Senator für Bau, Umwelt, Verkehr und Europa sowie dem Bremer Entwicklungspolitischen Netzwerk unterstützt wird, macht auf die Wichtigkeit des fairen Handels aufmerksam. Unter dem Motto „Fair schmeckt mir“ werden fair gehandelte Waren in umweltfreundlicher Bioqualität vorgestellt, die den Herstellern eine menschenwürdige Existenz ermöglichen. Mit seinem entwicklungspolitischen Engagement will sich die Hansestadt „fairbessern“ und bewirbt sich als Hauptstadt des Fairen Handels 2011.

Fördern und fordern

Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung antwortet auf die Frage, wie den Menschen in Entwicklungsländern geholfen werden könne mit: „Fördern ja, aber auch fordern." Die Millenniumsziele müssten stärker als bislang an politische Bedingungen geknüpft werden: Mit Ländern, in denen Korruption und Terrorismus regieren, werde Deutschland nicht kooperieren. „Die Hilfezahlungen werden an die Wahrung der Menschenrechte gebunden. Die Ausgaben für Bildung werden erhöht, das ist wichtiger als Straßen- oder Brückenbau“, so Beerfeltz.

Trotz allem wird es schwierig werden, das Millenniumsziel von 0,7 Prozent bis 2015 zu erreichen. Zwar werde Deutschland 2011 weit mehr Geld für die Entwicklungshilfe bereitgestellt als in den Vorjahren, so Beerfeltz, „Aber gemessen am Anteil des Bruttoinlandsprodukts ist es weniger als wir brauchen, um internationale Verpflichtungen zu erfüllen.“

Weitere Informationen zur Fairen Woche in Bremen unter www.fairewoche.de

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