Außen Kiste, innen Kathedrale Vor 50 Jahren eröffnete das Horten-Kaufhaus – nach langer Diskussion

Als das Bremer Horten-Gebäude mit seiner charakteristischen Rasterfassade vor 50 Jahren eröffnete, war es schon fast wieder aus der Zeit gefallen. Und der Kaufhauskonzern hätte es gerne etwas größer gehabt.
03.09.2022, 14:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Eberhard Syring

Drei markante Bauwerke entstanden im Jahr 1972 in der Bremer Innenstadt: Im Mai wurde die Autobrücke am Ansgaritor für den Verkehr freigegeben, die gegenwärtig als Teil der „Premiumroute“ Am Wall in eine Fahrradbrücke umgewandelt wird; im September öffnete das Kaufhaus Horten seine Tore; im Oktober wurde das Parkhaus Katharinenklosterhof seiner Bestimmung übergeben. Obwohl die drei Objekte scheinbar wenig miteinander zu tun haben, besteht zwischen ihnen doch ein kausaler Zusammenhang. Und der leitet sich aus der Entstehungsgeschichte des Horten-Gebäudes ab.

Die sogenannte bundesdeutsche „Wirtschaftswunderzeit“ in den späten 1950er und 1960er-Jahren war die Hochzeit der Kaufhäuser in den Innenstädten. Neben dem bereits vor dem Krieg in Bremen ansässigen Karstadt-Kaufhaus siedelte sich 1960 auf dem Grundstück der im Krieg zerstörten Ansgarii-Kirche 1960 das Hertie-Warenhaus an. Als dritter der vier großen bundesdeutschen Warenhauskonzerne zeigte die Horten GmbH Interesse an einer großen Filiale in der Hansestadt und erwarb dafür 1965 das Lloyd-Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft der beiden Konkurrenten.

Das prunkvolle eklektizistische, von Johann Georg Poppe 1910 geschaffene Reederei-Verwaltungsgebäude war im Krieg nur leicht beschädigt worden und diente als Hauptsitz der Bauverwaltung, die mittelfristig den Umzug in ein eigenes Verwaltungshochhaus plante. Da dieses Bauvorhaben aber nicht sofort umsetzbar war und ein langfristiger Mietvertrag bestand, war ein Abriss des Lloydgebäudes nicht vor 1968 möglich.

Horten-Pläne für Bremer Innenstadt waren umstritten

Tatsächlich erfolgte er erst 1969. Denn inzwischen gab es Auseinandersetzungen über die Planungen des Kaufhauskonzerns. Dieser hatte 1966 den Wunsch geäußert, über die Grundstücksgrenzen des zwischen Großer Hundestraße und Pelzerstraße gelegenen Lloydgebäudes hinaus bis an die Knochenhauerstraße heran zu bauen. Das hätte eine Vergrößerung der Grundfläche um rund ein Viertel und eine Teilaufhebung der Pelzerstraße zu Folge gehabt.

Die Erweiterung, aber auch die Pläne des Konzerns, in Anbindung an das Parkhaus Mitte ein eigenes Parkhaus mit direkten Zugang zu den Verkaufsetagen zu bauen, stießen auf den erbitterten Widerstand der Handelskammer und der Aufbaugemeinschaft. Einerseits sah man durch die Größe und die direkte Parkhausanbindung einen nicht akzeptablen Vorteil gegenüber den anderen Warenhäusern, aber auch gegenüber den damals meist noch von Eigentümern geführten Einzelhandelsgeschäften in der Sögestraße.

Andererseits befürchtete man einen Verkehrskollaps im Stadtzentrum. Zur Klärung dieser Frage wurde eigens ein Verkehrsgutachten in Auftrag gegeben, das als eine mögliche Lösung für die Ausfahrt des erweiterten Parkhauses gar einen Tunnel bis zur Martinistraße vorschlug. Eine zu kostspielige Lösung, wie man schnell feststellte. Stattdessen sollte die Ausfahrt zur Kreuzung am Ansgaritor führen, die allerdings durch besagten Brückenneubau entlastet werden müsse.

Als im März 1970 der Bebauungsplan 700 für den Hortenbau dann einstimmig im Parlament beschlossen wurde, hatte der Kaufhauskonzern einige Konzessionen einzugehen: eine Beschränkung der maximalen Verkaufs- und Lagerflächen, keinen direkter Zugang vom Parkhaus sowie die Übertragung des Nutzungsrechts der von Horten finanzierten Garage an die Brepark. Und zur Verbesserung der Verkehrssituation kündigte der Senat an, mittelfristig geplante Baumaßnahmen, wie das Parkhaus Katharinenklosterhof und die Wallbrücke am Ansgaritor, vorzuziehen. An den Kosten der Letzteren musste sich Horten mit einer Million DM beteiligen.

Horten eröffnete 1972 in Bremen deutschlandweit größtes Kaufhaus 

Trotz der Einschränkungen konnte der Konzern bei der Eröffnung am 7. September 1972 in Bremen sein deutschlandweit größtes Haus präsentieren. Äußerlich hatte der von den Bremer Architekten Morschel, Henke und Hodde entworfene Bau wenig zu bieten. Er entsprach mit seiner fensterlosen und kaum gegliederten Rasterfassade sowohl dem damaligen Trend im Kaufhausbau als auch dem besonderen „Hortenstil“ eines Corporate Design, das von der Fassade über die Türgriffe bis zur Plastiktüte reichte. Dieser Stil war auch in Bremen gesetzt. Die Idee dahinter: Der ortsfremde Autofahrer aus dem Umland sollte auf dem Weg in die Innenstadt sogleich das Horten-Warenhaus identifizieren.

Architektonisch eindrucksvoller präsentierte sich Bremens Horten innen mit einem zylindrischen Rolltreppenhaus, in dessen Mitte sich eine alle Stockwerke durchdringende „Lichtstruktur“ aus 4.800 Glühlampen erhob. Dieser Mittelpunkt erinnerte ein wenig an die Lichthöfe der ersten Kaufhäuser, die man auch „Kathedralen des Konsums“ nannte. Aufgrund des großen Raumbedarfs wurde eine solche Lösung in späteren Horten-Bauten nicht wiederholt.

Kistenartige, wenig gegliederte Warenhäuser gerieten in den 1970er-Jahren vermehrt in die Kritik aufgrund ihrer Rücksichtslosigkeit gegenüber der historischen Umgebung. Das Kaufhaus Schneider in Freiburg leitete 1975 eine neue Kaufhaus-Generation ein, die sich um Rücksichtnahme auf ihr historisches Umfeld bemühte. Zwei Jahre später verzichtete Horten in der Hauptfassade seiner Bielefelder Filiale erstmals auf sein typisches Wiedererkennungsmerkmal.

So war der Bremer Neubau bei seiner Eröffnung fast schon etwas aus der Zeit gefallen. Mit Umbauten im Zuge des Baus der Lloyd-Passage in den 1980er-Jahren versuchte Horten, den Anschluss an ein inzwischen gängiges stadterlebnisorientiertes Einkaufsverhalten zu finden.

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