Vor 50 Jahren So sah Bremer Barrierefreiheit in den 1970ern aus

Im September 1972 hat die Polizei in Bremen erstmals das Hinweisschild mit dem stilisierten weißen Rollstuhlfahrer angebracht. Zu dieser Zeit prüfte auch man andere Maßnahmen um die Barrierefreiheit zu fördern.
03.09.2022, 14:04
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So sah Bremer Barrierefreiheit in den 1970ern aus
Von Eva Hornauer

„Ein blaues Schild mit einem stilisierten Rollstuhlfahrer hatte sich der Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen gewünscht. Als erste Behörde im Bundesgebiet hat das Stadt- und Polizeiamt Bremen Schilder mit dem Mann im Rollstuhl prägen und anbringen lassen“ (2. September 1972).

Im September 1972 hat das Bremer Stadt- und Polizeiamt die ersten blauen Hinweisschilder mit dem stilisierten Rollstuhlfahrer in weiße neben dem Hauptportal, dem Eingang zur Wache 6 und im Korridor aufgehängt. Die Schilder sollten Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer signalisieren, dass sie „in diesem Gebäude zu ebener Erde, ohne Stufen und Schwellen überwinden zu müssen, einen Personenaufzug erreichen können“, hieß es damals im WESER-KURIER. Weiter heißt es im Artikel von 1972, dass das Bundesverkehrsministerium in Kürze das Schild mit dem „Rollstuhlmann“ in den Katalog der amtlichen Hinweisschilder aufnehmen wolle und es somit auch Bestandteil der Straßenverkehrsordnung werde.

Initiator war der Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschäftigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen, den man heute unter dem Namen Sozialverband Deutschland kennt. Er setzt und setzte sich für die Interessen und Rechte von sozial Benachteiligten sowie Menschen mit Behinderungen und sozialem Beratungsbedarf ein. Das Hinweisschild mit dem Rollstuhlfahrer hatte er sich in einer im März 1972 erschienen Denkschrift gewünscht.

Bremer Barrierefreiheit in den 70ern

Neben dem „Rollstuhlmann“ wurde in Bremen in den frühen 70er-Jahren auch über weitere Maßnahmen gesprochen, die die Barrierefreiheit im Straßenverkehr verbessern sollten. Der damalige Beauftragte für Behindertenfragen im Straßenverkehr, Walther Wulf, wollte dafür sorgen, dass die Grünphasen an Fußgängerampeln auf die Bedürfnisse von alten und gebrechlichen Menschen angepasst werden. Außerdem sollte auch ein Ampelsignal für Gehörbeeinträchtigte eingeführt werden. Dazu schaute man nach Schweden: „In Göteborg geben die für Fußgänger wichtigen Ampeln ein Dauerticken von sich, nach dem sich Blinde orientieren können. Erscheint 'Grün' erhöht sich die Frequenz des Tickens“, schrieb der WESER-KURIER. Das hier beschriebene Ampelsignal ist mittlerweile weit verbreitet.

Um Bremen barrierefreier zu machen arbeitete Wulf eng mit Hermann Becker, Architekt beim Hochbauamt, zusammen. Becker wiederum arbeitete daran, dass beim Neubau von Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen die Barrierefreiheit im Bauplan mitgedacht werden sollte. Um das bei zukünftigen Bauprojekten zu gewährleisten hat er „im Auftrag des Bausenators die neue Landesbauordnung überarbeitet, in der gewisse Mindestanforderungen festgelegt werden sollen“, heißt es im Artikel von 1972.

Und heute?

Zwar wurden auch schon in den 70er-Jahren Maßnahmen für eine barrierefreiere Stadt beschlossen und umgesetzt, dennoch ist Barrierefreiheit auch 2022 noch ein Thema. „In den letzten Jahren gab es einige Fortschritte in Bremen. Trotzdem gibt es noch einige Stellen – vor allem im Straßenverkehr und in öffentlich zugänglichen Gebäuden – bei denen man nachbessern könnte und sollte“, sagt Arne Frankenstein, Landesbehindertenbeauftragte in Bremen. Für ältere öffentliche Gebäude, in deren Bauvorschriften die Barrierefreiheit noch keine Rolle spielte, wird momentan an Bestandskataster angelegt, in denen die problematischen Stellen aufgelistet werden. Der Senat soll dieses Kataster dann nutzen, um die problematischen Stellen abzubauen. Ähnliches wünscht sich Frankenstein auch für den Straßenraum.

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