Schutzausrüstungen gehen aus

Vorräte der Bremer Praxen könnten bereits diese Woche aufgebraucht sein

Die Vorräte könnten bereits in dieser Woche aufgebraucht sein. Damit könnten die Arztpraxen keine Patienten mehr auf das Coronavirus testen. Auch Praxen in Niedersachsen sind betroffen.
03.03.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Nico Schnurr und Sabine Doll

Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) schlägt Alarm: Den Bremer Arztpraxen gingen Atemmasken und Schutzkleidung aus. Noch in dieser Woche könnten die Vorräte aufgebraucht sein. Sollten die Engpässe nicht behoben werden, heißt es, müssten sich die Arztpraxen bald weigern, Patienten auf das Coronavirus zu testen.

„Wenn sich nichts an der Situation ändert, können bald keine Coronaverdachtsfälle mehr in Bremer Praxen behandelt werden“, sagt KVHB-Sprecher Christoph Fox. Schon in den nächsten Tagen könne dieser Fall eintreten. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Fox, „die Ärzte sind verzweifelt, und sie sind wütend.“ Die Kassenärztliche Vereinigung appelliert nun an die Politik. Der Bremer Senat müsse dafür sorgen, dass die Praxen mit ausreichend Schutzausrüstung versorgt werden.

Personal muss Schutzausrüstung tragen

„Die niedergelassenen Ärzte sowie das Praxispersonal stehen bei der Bekämpfung des Coronavirus an vorderster Front“, sagt KVHB-Vorstand Jörg Hermann, „sie können allerdings nur helfen, wenn sie sich selbst schützen.“ Nach Vorgaben des Robert-Koch-Instituts dürfen Patienten, die sich möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert haben, nur dann in Arztpraxen untersucht werden, wenn dort das Personal mit einer Schutzausrüstung ausgestattet ist. Dazu zählen unter anderem Atemmasken, auch Schutzbrillen und Schutzkittel. Die Kleidung ist nicht nur auf dem deutschen Markt weitgehend vergriffen, sie wird weltweit nachgefragt. Doch derzeit es ist kaum möglich, sie zu bestellen. Ein Großteil der Fabriken steht in China, die Produktion liegt teilweise lahm.

Selbst wenn sich das ändern sollte, dort Massen neu gefertigt und nach Europa verschifft würden, dürfte es wohl Monate dauern, bis die Schutzkleidung hier ist. Doch wird es dazu wohl gar nicht kommen. China hat einen Ausfuhrstopp auf Hygieneartikel erlassen, darunter auch Mundschutzmasken. Wie also sollen die Bremer Ärzte an neue Schutzausrüstung kommen?

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Die Bremer Grünen fordern das Gesundheitsressort zum Handeln auf. „Die Versorgung der Arztpraxen mit Schutzausrüstung muss sichergestellt werden“, betont Ilona Osterkamp-Weber, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, „ebenso braucht es eine Handlungsanleitung, falls in Arztpraxen die Schutzausrüstung verbraucht ist.“ Auch die Kassenärztliche Vereinigung sieht die Politik in der Pflicht. Ihr Vorstand Hermann fordert: „Staatliche Stellen müssen im Rahmen einer Nothilfe umgehend Schutzbekleidung aus ihren Beständen zur Verfügung stellen.“ Bloß gibt es die überhaupt?

„Dass die Schutzausrüstung knapp wird, ist derzeit bundesweit und weltweit ein Problem“, sagt Martin Götz, Referatsleiter für Infektionsschutz bei der Bremer Gesundheitsbehörde, „wir haben in Deutschland keine staatliche Bevorratung.“ Bremen habe wie andere Bundesländer auch neue Schutzkleidung beim Bundesgesundheitsministerium bestellt. „Parallel schauen wir, wo wir unabhängig von dieser Bestellung Masken und andere Schutzkleidung herbekommen können“, sagt Götz. „Die Bundeswehr hat sich zur Unterstützung bereit erklärt. Das sind rein kompensatorische Maßnahmen.“

Medizinische Grundversorgung könnte gefährdet werden

Auch in den niedersächsischen Praxen wird die Schutzausrüstung knapp. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) schlägt vor, die Vorräte des Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerks zu prüfen. Doch auch die dürften wohl nicht ausreichen, um das Problem zu lösen. Sollte sich nicht schnell anderweitig Schutzkleidung auftreiben lassen, sagt KVN-Sprecher Detlef Haffke, dann bliebe den Praxen kaum eine Wahl. Die Ärzte könnten sich weigern, weiter Abstriche bei möglichen Coronapatienten vorzunehmen. Alternativ müssten sie ihre Schutzkleidung häufiger tragen oder auf weniger hochwertige Artikel zurückgreifen. „Das hätte dann aber nur noch wenig mit den eigentlichen Vorschriften zu tun, sondern würde die Situation verschlimmern“, sagt Haffke, „wenn sich reihenweise Angestellte in den Praxen anstecken, bekommen wir ein echtes Problem mit der medizinischen Grundversorgung.“

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Das eigentliche Problem sieht Haffke in der Panik, die in Teilen der Bevölkerung herrsche. „Die Bürger haben in den vergangenen Wochen massenweise Schutzmasken gekauft“, sagt Haffke, „dabei sind die für sie völlig überflüssig.“ Nun fehlten die Masken dort, wo sie wirklich gebraucht würden: in den Arztpraxen. Wenn die allgemeine Verunsicherung anhalte, könnten sich bald auch die Bestände an Desinfektionsmitteln dem Ende zuneigen. „Dann hätten wir ein noch viel grundsätzlicheres Problem“, sagt er, „das würde die Behandlung der Patienten insgesamt gefährden.“ Schon jetzt müsse man Lehren aus der Situation ziehen. „Wir sollten uns vielleicht nicht allein auf ein Land bei der Produktion von Schutzausrüstung verlassen“, sagt Haffke, „und ganz sicher brauchen wir künftig größere Reserven im Land.“

Was passieren kann, wenn die Reserven knapper werden und die Panik steigt, lässt sich im Kreis Diepholz beobachten. In einem Krankenhaus in Sulingen sind 1200 Atemmasken gestohlen worden, 20 Packungen fehlen. Das haben Klinikmitarbeiter am Montag bemerkt. Noch vor ein paar Wochen haben diese Masken nicht mehr als ein paar Cent gekostet. Jetzt werden sie zu wertvollem Diebesgut.

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