Verbraucherzentrale Bremen warnt

Illegales Streaming kann teuer werden

Die Verbraucherzentrale Bremen warnt vor dubiosen Websites. In der Corona-Pandemie nutzen mehr Menschen vermeintlich kostenlose Angebote, um Filme oder Serien zu schauen, geraten dabei jedoch in eine Abofalle.
29.06.2020, 17:12
Lesedauer: 6 Min
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Von Mario Nagel
Illegales Streaming kann teuer werden

Streaming hat seinen Preis - vermeintlich kostenlose Alternativen können teuer werden.

Kaspars Grinvalds/123-RF

Wer einen Film oder eine Serie auf der heimischen Couch schauen möchte, hat abseits der Fernsehprogramme heutzutage unzählige Möglichkeiten. Schluss mit der Zeit, in der die Menschen um Punkt 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitzen müssen. Seriöse Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon Prime Video, Sky, Joyn, TV Now, Disney+ oder Apple TV machen es möglich. Der neueste Film, die beliebteste Serie – nahezu alles ist heute über das Internet abrufbar. Doch viele Anbieter verursachen auch hohe Kosten.

Allein die günstigsten Mitgliedschaften bei den genannten Anbietern kosten zusammen mehr als 50 Euro im Monat. Mit dem Rundfunkbeitrag (GEZ) wird so schnell eine Summe erreicht, mit der leicht auch der nächste Traumurlaub finanziert werden könnte. Es gibt daher Menschen, die versuchen, zumindest einen Teil ihrer Filme und Serien kostenfrei im Internet anzuschauen. Häufig landen sie dabei aber auf illegalen Webseiten – teils ohne es zu wissen.

Dubiose Streaming-Anbieter gibt es im Internet wie Sand am Meer. Wer bei Google die entsprechende Suche einleitet, wird schnell fündig. Keine Registrierung, keine Gebühren. Ein paar Pop-ups, also plötzlich auftauchende Werbung, schließen. Das ist alles, was zu tun ist, bevor der Lieblingsfilm angeschaut werden kann. Doch genau hier verbirgt sich die Gefahr. „Wer auf dubiosen Internetseiten Filme oder Serien anschaut, bewegt sich nicht nur in einer rechtlichen Grauzone, sondern macht sich so auch angreifbar für Hacker und Viren“, sagt Peter Nau, Referatsleiter des Kommissariats 52 für Wirtschaftsdelikte bei der Polizei Bremen.

Eine rechtliche Grauzone

Auch die Verbraucherzentrale Bremen warnt: „Illegales Filesharing oder Streaming kann teuer werden.“ Mit dem Filesharing ist die direkte Weitergabe von Dateien zwischen Internetbenutzern, meist über ein Netzwerk oder eine Plattform, gemeint. Wer sich über eine Plattform einen Film anschaut, wird zum Empfänger. Rechtlich bewegt sich der Nutzer hier noch in einer Grauzone, denn gegen das Urheberrecht verstößt er nicht. Lediglich der Filehoster, also der Betreiber der Plattform, kann strafrechtlich verfolgt werden. „Aber meistens sitzen diese Filehoster im Ausland und sind nur schwer ausfindig zu machen“, sagt Peter Nau.

Für den Nutzer wird es aber dann gefährlich, wenn er beim Download die Dateien unbewusst weitergibt. Genau hiervor warnt die Verbraucherzentrale: „Beim Download eines Films oder einer Serie werden einzelne Fragmente wieder auf die Plattform geladen. Dieser Upload gilt schon als Weitergabe, obwohl das bei den meisten Verbrauchern gar nicht die Intention ist“, sagt Jurist Gerrit Cegielka, der seit zwölf Jahren bei der Verbraucherzentrale Bremen als Rechtsexperte tätig ist.

Die großen Filmverlage seien inzwischen darauf aus, rigoros gegen das illegale Filesharing und die Urheberrechtsverletzung vorzugehen. Egal ob als privater Nutzer oder Filehoster, eine Abmahnung flattert schneller denn je ins Haus. Mehr als 1000 Bremerinnen und Bremer hätten sich in den vergangenen zehn Jahren an die Verbraucherzentrale Bremen gewandt, weil sie eine Abmahnung oder sogar eine Klage von einer Münchner Anwaltskanzlei bekommen hätten. „Zu den Klienten von Walldorf Frommer zählen alle großen Filmverlage wie Constantin, Sony, Universum, Warner Bros. oder Twentieth Century Fox“, sagt Gerrit Cegielka.

Bei einer erstmaligen Abmahnung würden oft um die 900 Euro gefordert. Neben der Verbraucherzentrale Bremen wird daher auch die Polizei Bremen kontaktiert. „Etwa 15 Menschen kommen jährlich mit solch einer Abmahnung auf die Polizei zu. Sie vermuten einen Betrug und wollen Anzeige erstatten“, sagt Peter Nau. Aber der Betrugsfall sei nicht gegeben, denn ein Download habe ja nachweislich oft stattgefunden. „Über die IP-Adresse, die den Download getätigt hat, kann der Inhaber des Internetanschlusses herausgefunden werden.“ Man müsse bei einem Download auf einer dubiosen Plattform immer damit rechnen, dass man von einem Rechteinhaber erwischt wird, sagt Nau.

Wenn es sich um eine reale Kanzlei und ein echtes Schreiben handelt, sind die Empfänger also zum Handeln gezwungen. Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale rät: „Reagieren Sie unbedingt auf das erste Schreiben.“ Das bestätigt auch Claudia Drews, Rechtsanwältin der Kanzlei Trentmann in Bremen: „Betroffene sollten ihren Fall unbedingt individuell absprechen. Eine pauschale Lösung gibt es nicht.“ Da in den Abmahnungen oftmals der Inhaber des Internetanschlusses der Rechtsverletzung beschuldigt wird, müsse sich dieser im ersten Schreiben der Haftung entziehen. „Im Abmahnverfahren wird zwischen der Haftung als Störer, also dem Anschlussinhaber, und des Täters, also demjenigen, der den Down- oder Upload ausgeübt hat, unterschieden. Der Anschlussinhaber kann die Täterschaft und gegebenenfalls auch die Haftung als Störer von sich weisen, wenn zum Beispiel mehrere Familienmitglieder den Internetanschluss genutzt haben.“

In 95 Prozent der Fälle wäre es mit der ersten Antwort jedoch getan. Die Anwaltskanzlei Walldorf Frommer setzt nach eigenen Angaben des Experten darauf, dass die Nutzer dem Druck der ersten Abmahnung erliegen und einfach zahlen. Laut Gerrit Cegielka käme es nur in circa fünf Prozent der Fälle zu einer Klage. „Und auch hier dient das eher der Abschreckung. Die Verbraucher wollen kein teures Gerichtsverfahren, also zahlen sie lieber. Genau darauf setzt die Kanzlei, das ist ihr Geschäftsmodell“, sagt Cegielka. Walldorf Frommer versende jedes Jahr mehr als 100 000 Abmahnungen im Auftrag der großen Filmverlage. Über den Weg der Abschreckung würden ohnehin schon viele Nutzer zahlen. „Mit einer Klage versucht die Kanzlei nur, noch mehr Druck aufzubauen. Fließt auch hier kein Geld, lässt Walldorf Frommer es manchmal auch darauf ankommen.“

Etwas anderes sei es, wenn die Verbraucher in die sogenannte Abofalle gerieten. Häufig würden die Nutzer mit einer kostenfreien Testphase geködert, die nach dem Ablauf zu einem teuren Jahresabonnement umgewandelt wird. „Dabei handelt es sich um dubiose Streamingdienste, die Abmahnungen von gefälschten Anwaltskanzleien oder Inkassobüros per E-Mail versenden“, sagt Cegielka. Mehr als 200 vermeintliche Streaming-Websites sind der Verbraucherzentrale bereits bekannt.

Teures Jahresabo nach Testphase

Die Krux: Wer sich auf solch einer Website registriert, bekommt keine Vertragsbestätigung. „Sollte die Registrierung überhaupt funktionieren. Oft wird dem Verbraucher suggeriert, dass diese nicht erfolgreich war.“ Während der Nutzer also weiterklickt, läuft im Hintergrund die Testphase für das Streaming-Abonnement. Ist die Probezeit abgelaufen, wird daraus ein teures Jahresabo. „Oft werden dann per E-Mail über 300 Euro, manchmal sogar bis zu 900 Euro gefordert“, sagt Cegielka.

Je nachdem, welche Informationen der Nutzer bei seiner vermeintlichen Registrierung preisgegeben hat, können die Forderungen auch per Telefon oder auf dem Postweg gestellt werden. Cegielka rät: „Ignorieren Sie die Abmahnungen und Forderungen einfach, zahlen Sie bloß nicht. Wenn Sie als Verbraucher darauf antworten, geben Sie unter Umständen nur noch mehr Informationen von sich preis.“ Dem widerspricht Rechtsanwältin Claudia Drews: „Pauschal würde ich nicht zum Ignorieren raten. Der individuelle Fall sollte immer überprüft werden.“

Für Gerrit Cegielka ist das Geschäftsmodell, eine fünftägige Testphase in ein 300 Euro teures Jahresabo umzuwandeln, juristisch aber gar nicht haltbar. „Dem Verbraucher ist durch eine irreführende Angebotsdarstellung bei der Registrierung gar nicht bewusst, dass nach der Testphase ein derart hohes Jahresabo fällig wird.“ Auf den dubiosen Streaming-Websites würde nicht auf die in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen genannte Summe verwiesen. Vielmehr werde darauf gesetzt, dass die Verbraucher nach der augenscheinlich missglückten Registrierung vergessen, ihre Testphase zu kündigen.

„Verbraucher, die auf solch dubiosen Websites unterwegs sind, sollten deshalb provisorisch immer per E-Mail kündigen und vom gesetzlichen Widerrufsrecht Gebrauch machen. So ist man immer auf der sicheren Seite“, sagt Cegielka. „Oder noch besser: Entscheiden Sie sich als Verbraucher gleich für einen seriösen Streaming-Anbieter.“

Info

Zur Sache

„Flix“, „Play“ oder „Stream“

Über 200 vermeintliche Video-Streaming-Websites sind der Verbraucherzentrale bekannt. Bei den meisten dubiosen Anbietern taucht ein „...flix“, „...play“ oder „...stream“ im Namen auf. So soll dem Nutzer ein seriöses Angebot suggeriert werden. Wer sich jedoch registriert und die vermeintlich kostenlose Website nutzt, schließt häufig ein teures Abo ab. Wer in das Impressum der Websites schaut, findet häufig ein Unternehmen mit Sitz in Großbritannien. Aufgrund einer recht professionellen Aufmachung seien die dubiosen nur schwer von seriösen Webseiten zu unterscheiden, teilt die Verbraucherzentrale mit.

Auch die vermeintlichen Inkassobüros, die die Nutzer zur Zahlung der Jahresgebühr auffordern, existieren nicht. Das Problem: die Büros haben Internetseiten, die Kopien tatsächlich existierender Inkassobüros sind. Wie soll man diese Inkassobüros also auseinander halten? „Die Internetseiten sind Kopien der Seite eines Inkassounternehmens in Schleswig-Holstein. Im Impressum der Fake-Firmen ist das Aktenzeichen angegeben, das der echten Inkassofirma in Schleswig-Holstein gehört“, teilt die Verbraucherzentrale mit und rät: „Wenn Sie eine Rechnung erhalten haben und keine Leistung erbracht wurde, müssen Sie die Rechnung über ein vermeintliches Jahresabonnement keinesfalls zahlen. Lassen Sie sich auch durch aggressive Zahlungsaufforderungen nicht einschüchtern und stellen Sie eine Strafanzeige bei der Polizei.“

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