Überalterung und Nachwuchssorgen plagen die Sportvereine nicht nur in Bremen-Nord Vorstände mit Silberhaar

100 Vereine und Verbände sind Mitglieder im Kreissportbund (KSB) Bremen-Nord. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie von Grambke bis Farge-Rekum ein Problem: der Vorstand besteht überwiegend aus der Generation Silberhaar, 60 und 70 plus. Amtsinhaber kleben an ihren Stühlen oder können nicht abtreten, weil Nachfolger nicht zu finden sind. Besonders jüngere Menschen sind kaum noch für Vorstandsarbeit zu begeistern. Eine Lösung für diese grundlegende Sorge in den Sportvereinen gibt es nicht. Wohl aber einen Lichtstreif am Horizont.
27.01.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sylvia Wörmke

100 Vereine und Verbände sind Mitglieder im Kreissportbund (KSB) Bremen-Nord. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie von Grambke bis Farge-Rekum ein Problem: der Vorstand besteht überwiegend aus der Generation Silberhaar, 60 und 70 plus. Amtsinhaber kleben an ihren Stühlen oder können nicht abtreten, weil Nachfolger nicht zu finden sind. Besonders jüngere Menschen sind kaum noch für Vorstandsarbeit zu begeistern. Eine Lösung für diese grundlegende Sorge in den Sportvereinen gibt es nicht. Wohl aber einen Lichtstreif am Horizont.

Bremen-Nord. Jürgen Linke, Vorsitzender des Kreissportbundes Bremen-Nord (KSB) und des Landesbetriebssportverbandes Bremen, bezeichnet veraltete Vorstände "als grundlegendes Problem". Das ziehe sich durch alle Vereine. Es sei dann ganz schwierig, innerhalb der Vereinsstrukturen neue Wege zu gehen. "Jüngere Menschen sind zwangsläufig innovativer als andere", sagt er und wünscht sich vor allem Vorstände im Alter von 30 bis 40 Jahren.

Die Konsequenzen daraus, dass die große Mehrheit der Vereine von Altherren-Riegen geführt wird, liegen auf der Hand: Irgendwann müssen sie aus Gesundheits- oder Altersgründen zwangsläufig ihre Ämter abgeben. Im Zweifel muss dann ein Notvorstand durch KSB oder Landessportbund eingesetzt werden. Am Ende droht die Liquidation, wenn sich kein neuer Vorstand findet, beschreibt Linke.

Er kennt eine Vielzahl von Gründen, weshalb alte Vorstände nicht abtreten wollen oder auch nicht können. "Manche sind unfähig, loszulassen und erdrücken alles, was nachkommt." Linke spricht von verknöcherten Strukturen und davon, dass auf Satzungen gepocht wird und neue Ideen an dem Satz scheitern: "Das haben wir immer so gemacht." Oft werde aber auch jahrelang erfolglos nach Nachfolgern gesucht.

KSB-Chef Linke kennt die Gründe: "Junge Menschen wollen sich nicht in dieser Form mit den bisherigen Vereinsstrukturen, mit Sitzungen und mit Satzungen engagieren", weiß er. Das fasst er unter "Korsett" zusammen. "Job, Familie, Hausbau – sie haben schlichtweg auch keine Zeit", sagt er über seine Wunschkandidaten im Alter von 30 bis 40. Noch Jüngeren fehle neben der Lust auch das Geld. Aufgrund der schlechten finanziellen Situation vieler Vereine müssten Funktionsträger oft in das eigene Portemonnaie greifen. "Vorstandsarbeit kostet Geld." Grundsätzlich ist Linke der Meinung, dass die Überalterung der Vorstände und die Folgen "selbst verschuldete Leiden sind".

Jugend an Vereinsarbeit gewöhnen

Engagierter Nachwuchs muss seiner Meinung nach herangezogen werden. Darin sieht der KSB-Chef einen Lösungsansatz und kennt auch positive Beispiele in Bremen-Nord wie die Freien Turner Blumenthal. Die habe man mit Malte Steinhardt einen jungen Vorsitzenden, der über den Sport und unter anderem der Funktion als Kassenwart das Zepter als Vorsitzender in die Hand genommen hat.

Uwe Harm vom TV Grohn ist aber davon überzeugt: "Die Jungen fragen doch nur, was sie dafür bekommen. Keiner möchte mehr etwas für die Allgemeinheit tun." Der 75-Jährige macht seinen Rückzug vom Vorsitz davon abhängig, ob sich ein Nachfolger findet. Seine Mitstreiter seien zwar auch nicht mehr taufrisch, aber im Schnitt 10 bis 15 Jahre jünger als er. "Die wollen die Verantwortung aber nicht übernehmen." Darum will er sich im Februar für weitere zwei Jahre wiederwählen lassen. Sein Vorgänger sei mit 80 Jahren abgetreten, erzählt er.

Das Nachwuchsproblem existiert auch in anderen Funktionsbereichen der Sportvereine – und Mitgliederschwund und finanzielle Sorgen. Fusionen und Kooperationen der Vereine betrachtet Linke darum generell als Lösung. Die Freien Turner Blumenthal kooperieren inzwischen mit dem Lüssumer Sportverein, TV Grambke und SG Oslebshausen fusionierten bereits vor längerem. Gerade ist allerdings die geplante Hochzeit von SAV (Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack) und VTV (Vegesacker Turnverein) abgeblasen worden.

Frischer Wind nötig

SAV-Vorsitzender Volker Beringer trauert dem nach. "Wenn die Fusion geklappt hätte, hätten wir durch die Verschmelzung 3000 Mitglieder gehabt und zum Beispiel weniger Ausgaben für die Verwaltung", meint er. Beringer sieht die Zukunft der Vereine ebenfalls in der Verringerung der Zahl , also in Fusionen und Kooperationen. Ihm ist bewusst, dass frischer Wind in den Sportvereinen wehen müsse, alte Strukturen und Krusten aufgebrochen werden müssten.

"Die ganzen Strukturen und überhaupt das Vereinswesen müssen reformiert werden." Er selber ist 60 Jahre alt und gehört zu denen, die nicht auf ihrem Stuhl kleben bleiben wollen.

Nach 38 Jahren Vorstandstätigkeit in unterschiedlich Vereinen will er aufhören. In einem halben Jahr ist für ihn die Zeit als SAV-Vorsitzender definitiv vorbei. "Alle Mitglieder wissen das und sind aufgefordert, jemanden als Nachfolger zu finden", sagt er. Er selber suche seit einem halben Jahr. Auch Werner Müller, Vorsitzender SG Marßel, will sich mit 70 Jahren nach elf Jahren Vorstandsarbeit langsam zurückziehen und sucht einen Nachfolger. Er hat an seiner Seite sogar jüngere Mitstreiter im Vorstand. "Die wollen aber nicht", sagt er.

Die SG Marßel wollte mit dem TSV Lesum kooperieren. Aufgrund der unterschiedlichen Mitgliederstruktur sei das Thema aber auf Eis gelegt worden. Müller sieht als perspektivische Lösung für die großen Probleme der Vereine die Gründung einer Dachorganisation, einer Holding. Unter diesem Dach könnten die Vereine selbstständig bleiben. Die Ehrenamtlichen bräuchten sich nicht um Buchhaltung und Verwaltung kümmern, wären durch hauptamtliche Kräfte entlastet. "Die Arbeit würde professioneller werden und für die ehrenamtliche Arbeit würde man dann sicherlich eher Leute finden."

Ist Müller überzeugt, dass es auch mit dieser Konstruktion die Vielfalt der Vereine geben müsse, plädiert Beringer für eine Reduzierung. Nur unter dieser Voraussetzung könnte er sich darüber einen Dachverband vorstellen. "Jeder Verein hat ja eine Richtung", meint er, "das gibt sonst ein Hauen und Stechen". Zudem betrachtet er die Finanzierung eines Dachverbandes als problematisch.

Am 6. Februar wird die Überalterung der Vorstände bei den Sportdialogen thematisiert, zu denen der KSB Bremen-Nord alle Vereine einlädt. Der Veranstaltungsort steht noch nicht fest.

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