Unbefristete Verträge und wenig Kontrolle Vorwürfe gegen Kannenberg-Akademie

Hätte die Insolvenz der Akademie Lothar Kannenberg verhindert werden können? Ein ehemaliger Gesellschafter und der Insolvenzberater berichten von der wirtschaftlichen Situation des Jugendhilfeträgers.
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Vorwürfe gegen Kannenberg-Akademie
Von Kristin Hermann

Hätte die Insolvenz der Akademie Lothar Kannenberg verhindert werden können? Ein ehemaliger Geschäftspartner des einstigen Profi-Boxers erzählt nun, was aus seiner Sicht zu der Zahlungsunfähigkeit des Jugendhilfeträgers beigetragen haben könnte. Demzufolge habe es nicht nur an der mangelnden Auslastung der Einrichtungen gelegen, sondern auch an der betriebswirtschaftlichen Führung des Unternehmens. Dirk Precht, Leiter der Jugendhilfe-Einrichtung Wildfang, gehörte bis zum Sommer vergangenen Jahres zu den Gesellschaftern der Kannenberg-Akademie. Seinen Angaben zufolge ist der Großteil der Mitarbeiter unbefristet angestellt worden. „Als es zu den ersten Kündigungen gekommen ist, sind viele dagegen gerichtlich vorgegangen. Das hat die Akademie belastet“, sagt er.

Die Verträge habe man 2015 so arbeitnehmerfreundlich gestaltet, um die benötigten Sozialarbeiter möglichst schnell an den privaten Träger zu binden. Wie der WESER-KURIER aus dem Umfeld anderer Träger erfahren hat, wurden Sozialarbeiter zu dieser Zeit massiv von der Kannenberg-Akademie abgeworben und mit Dienstwagen und höheren Gehältern geködert. Einige der Angestellten seien nach einigen Monaten jedoch wieder zurückgekehrt, weil sie ihren Lohn nicht pünktlich bekommen hätten.

"Man hätte einige Häuser vermutlich eher zusammenlegen müssen"

In den sechs Bremer Unterkünften von Kannenberg wurden zu Spitzenzeiten bis zu 1000 Jugendliche betreut. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Zuzug von Jugendlichen aus dem Ausland so schnell wieder abebbt“, sagt Precht. Hat sich der Sozialpädagoge deshalb selbst schnell genug vom sinkenden Schiff begeben, bevor es zu spät war? Nein, sagt er. „Ich brauchte einfach Zeit, um mich wieder auf meine eigenen Einrichtungen konzentrieren zu können.“ Als er die Kannenberg-Akademie verlassen habe, sei von der drohenden Insolvenz noch nichts zu spüren gewesen. „Da muss in der Controlling-Abteilung zum Schluss einiges schief gelaufen sein. Man hätte einige Häuser vermutlich auch eher zusammenlegen müssen“, so Precht.

Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei in den vergangenen Jahren jedoch gut gewesen. „Wir waren auf die Vorschüsse der Behörde zunächst angewiesen, um Personal einzustellen und Mieten zu zahlen“. Auch die Rückzahlungen an die Stadt hätten zunächst funktioniert. „In den Büros saßen gute Mitarbeiter. Da muss sich etwas geändert haben, sodass der Überblick fehlte“, sagt Precht. Wie Kannenberg selbst hat auch sein eigener Jugendhilfeträger Wildfang seinen Hauptsitz im niedersächsischen Bothel. Dort sei die Stimmung bei dem einstigen Hessen-Meister im Boxen und seinen Angestellten entsprechend schlecht.

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Es geht um 5,6 Millionen Euro

Lothar Kannenberg selbst hat sich bisher mit Aussagen über die Insolvenz seines Unternehmens bedeckt gehalten. Er ist derzeit in Sachsen unterwegs – neben den sechs Bremer Einrichtungen unterhält der Träger dort drei weitere Unterkünfte, die ebenfalls von der Zahlungsunfähigkeit betroffen sind. Doch dafür gibt sein Insolvenzberater Christian Kaufmann von der Pluta Rechtsanwalts GmbH Einblicke in die aktuelle Situation. „Es sind nicht alle Einrichtungen voll ausgelastet. Deshalb werden einige davon geschlossen werden müssen. Wie viele, prüfen wir derzeit“, sagt er. In den hiesigen Unterkünften sind derzeit etwa 160 Mitarbeiter beschäftigt, die sich um die 140 verbleibenden Jugendlichen kümmern. Auch von ihnen werden einige gehen müssen, kündigte Kaufmann an. „Die Akademie ist zu schnell gewachsen. Der Fokus hätte sicherlich noch stärker auf den Abrechnungen liegen müssen.“

Letztendlich hätten die Rückforderungen der Behörde zu der Insolvenz geführt. Dabei geht es um insgesamt 5,6 Millionen Euro. „Doch auch die Akademie macht Ansprüche gegenüber der Stadt geltend, die fast genauso hoch sind. Wir werden nun prüfen müssen, ob das stimmt“, sagt Kaufmann. Für die kommenden drei Monate sind die Gehälter der Mitarbeiter gesichert. Danach werde man zeitnah mit dem Sanierungsplan beginnen müssen, um wenigstens einen Teil der Akademie zu retten.

Dass Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe unbefristete Verträge bekommen, hält Arnold Knigge, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsträger (LAG FW), für unüblich. „Man wusste ja in der damaligen Situation nicht, was einen erwartet“, sagt er. Die LAG FW hatte sich bereits vergangene Woche gegen die Darstellung der Sozialbehörde gewehrt, dass sich die anderen Jugendhilfeträger 2015 aus der Verantwortung gestohlen hätten. Die in der LAG organisierten Träger der Flüchtlingshilfe hätten ab Ende 2014 immer wieder gefordert, die Betreuung von straffällig gewordenen Jugendlichen nach Standards der Jugendhilfe zu organisieren. „Das Sozialressort hat stattdessen die Akademie mit dieser Aufgabe beauftragt, ohne Inhalte dieser Betreuung vorher konzeptionell zu definieren“, sagt Knigge. Dass die Behörde die Leistung einzelner Träger nun verkenne, sei enttäuschend. An die Mitarbeiter der Kannenberg-Akademie sendet er ein positives Signal: „Wir benötigen dringend Fachkräfte.“

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