Habenhauser Publizist Kurt Nelhiebel hat den 32. Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon erhalten Wachsam, unbequem und unerschrocken

Der Journalist, Schriftsteller und Dichter Kurt Nelhiebel ist mit dem 32. Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnet worden. Der aus Böhmen stammende Autor, der unter anderem Kommentare unter dem Namen Conrad Taler veröffentlichte, hat sich eingehend mit den Ursachen von Krieg und Vertreibung auseinandergesetzt.
20.03.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Sigrid Schuer

Der Journalist, Schriftsteller und Dichter Kurt Nelhiebel ist mit dem 32. Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnet worden. Der aus Böhmen stammende Autor, der unter anderem Kommentare unter dem Namen Conrad Taler veröffentlichte, hat sich eingehend mit den Ursachen von Krieg und Vertreibung auseinandergesetzt.

„,Menschen, ich hatte Euch lieb, seid wachsam’, mahnte der tschechische Schriftsteller Julius Fucik, bevor er 1943 in Berlin hingerichtet wurde.“ Daran hat Kultur- und Friedenspreisträger Kurt Nelhiebel am Sonnabend in seiner Dankesrede in der Villa Ichon erinnert.

Der in Habenhausen lebende Journalist, Schriftsteller und Dichter ist für sein publizistisches Lebenswerk ausgezeichnet worden. „Seine Werke sind Dokumente des Deutschen Antifaschismus. Bestimmt werden sie von der Ablehnung des Nazi-Ungeistes – in Wahrung der Weltoffenheit – vom Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“, lautete die Begründung der Jury.

Wachsam, unbequem und unerschrocken war der aus Böhmen stammende Autor, der viele seiner Texte unter dem Namen Conrad Taler veröffentlichte, von jeher. Der Sohn eines Kommunisten und Gewerkschaftlers wurde als 19-Jähriger nach dem Zweiten Weltkrieg aus seiner Heimat, dem Sudetenland, vertrieben. Ein einschneidendes Erlebnis, das die Darstellung des Kausalzusammenhangs zwischen Krieg und Vertreibung zu einer seiner Lebensaufgaben werden ließ.

Das gelte auch für das publizistische Entlarven von „als Demokraten verkleideten Nazis“, wie Laudator Professor Hans Henning Hahn betonte. Unter anderem hatte Nelhiebel über den von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in die Wege geleiteten Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main berichtet und später ein Buch darüber veröffentlicht: „Asche auf vereisten Wegen – Eine Chronik des Grauens, Berichte vom Auschwitz-Prozess“. In einer Dokumentation über Fritz Bauer kommt er als Zeitzeuge zu Wort.

Auf kritische Distanz ging der Journalist zu den sudetendeutschen Landsmannschaften, denen er unermüdlich unbequeme Fragen stellte. „In den Werken Kurt Nelhiebels finden sich immer wieder Aspekte einer bundesrepublikanischen Gesellschaftsanalyse – und auch hier erweist er sich als Zeithistoriker“, sagte der Laudator. „Für ihn stehen die Opfer im Vordergrund, aber über die reine Empathie hinaus treibt ihn ein Gerechtigkeitssinn an und die Angst, dass die deutsche Gesellschaft in den ,Sumpf des Vergessens’ abgleiten könnte.“

Journalistische Erfahrungen sammelte Nelhiebel zunächst als Volontär und Redakteur einer kommunistischen Zeitung in Stuttgart. Als er nach dem Verbot der Kommunistischen Partei 1956 seine Arbeit verlor, galt er dem Arbeitsamt wegen seiner bisherigen Tätigkeit als unvermittelbar. Das sei ähnlich „wie bei einem Bäcker mit Bäckerkrätze“, wurde ihm bescheinigt. Schließlich aber fand er eine Stelle bei Radio Bremen. „Der Chefredakteur hatte sich mit seinem Amt für mich verbürgt“, erinnert er sich. Der damalige Innensenator hatte dem Intendanten unterbreitet, was der Verfassungsschutz über Kurt Nelhiebel gesammelt hatte, und vor dem linken Journalisten gewarnt. Kurt Nelhiebel war bei dem Sender lange Jahre als Nachrichtenredakteur, Kommentator und Feature-Autor tätig, bevor er zum Nachrichtenchef avancierte. Wenigen war aufgefallen, wie sehr seine Stimme der von Conrad Taler ähnelte.

Die Historikerin Eva Hahn, die die zweite Laudatio auf den Preisträger hielt, würdigte die scharfsichtigen, spannenden, historisch fundierten Texte des Ausgezeichneten, die immer zum eigenständigen Nachdenken inspirierten, aus der tschechischen Perspektive. Sie stellte Nelhiebel in eine Reihe mit aufgeklärten Denkern wie dem böhmischen Grafen Joseph Mathias Thun und Johann Gottfried Herder. Thun warnte schon 1845 vor der Geringschätzung und den panslawistischen Vorurteilen der Deutschen.

Wie Herder schon 1791 in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ habe der Graf für die Vision eines gewaltlosen Europas aller Völker als gleichberechtigter politischer Partner plädiert, sagte Eva Hahn. Für die weitere geschichtliche Entwicklung habe sich die Gegenposition als unheilvoll erwiesen, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1822 formuliert habe. Er bezeichnete die Slawen„als ein Mittelwesen zwischen europäischem und asiatischem Geiste“. Ihr Einfluss auf die Fortbildung des Geistes sei nicht wichtig genug gewesen, heißt es in Hegels fatalem Aufsatz weiter.

Wachsam, unbequem und unerschrocken ist Kurt Nelhiebel bis heute geblieben. Kritische Worte fand er auch für geopolitische Interessen, in denen er die Ursachen für die Auslandseinsätze der Bundeswehr sieht. Wie ein roter Faden ziehe sich die „innere Unordentlichkeit“ der Deutschen durch die Geschichte, die der ungarische Schriftsteller Sándor Márai konstatiert habe. „Sie bewirkt jene Ambivalenz im Urteil unserer europäischen Nachbarn“, betonte Nelhiebel. „Wenn es um Auslandseinsätze geht, sollen wir allerdings den Takt angeben, da sollen wir uns einmischen, auch militärisch. Wahrscheinlich, weil es dann für die anderen billiger wird.“ Die Große Koalition ignoriere mit den Auslandseinsätzen den Mehrheitswillen der Bevölkerung. Und nun bereite eine CDU-Verteidigungsministerin und Mutter von sieben Kindern die Mütter in Deutschland darauf vor, dass ihre Söhne und Töchter nach Afrika geschickt werden könnten, um dort die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen und Terroristen zurückzudrängen. „Was würde sich Ursula von der Leyen vergeben, wenn sie hinzufügte, dass es auch um anderes geht, in Mali beispielsweise um Uran, das Frankreich für seine Atomkraftwerke dringend benötigt“, fragte Kurt Nelhiebel. „Oder darum, der chinesischen Konkurrenz bei der Ausbeutung der afrikanischen Bodenschätze Paroli zu bieten. Das kommunistische China ist inzwischen größter Handelspartner einer Vielzahl afrikanischer Staaten und größter Kreditgeber der USA. 2012 stand die westliche Führungsmacht in Peking mit 1,17 Billionen Dollar in der Kreide.“

In direkten Zusammenhang mit Sándor Márais Wort von der „inneren Unordentlichkeit der Deutschen“ stellte Nelhiebel die Frage, weshalb es so etwas wie die Montagsdemonstrationen gegen die kommunistische Herrschaft in der DDR nicht auch gegen die Nazidiktatur gegeben habe. Er hatte auch eine Antwort parat. „Es liegt wohl an der inneren Disponiertheit eines Großteils der Deutschen. Auch in anderen Ländern hat es nach dem Ersten Weltkrieg Massenarbeitslosigkeit gegeben, aber nur in Deutschland sind Millionen einem Hetzer wie Hitler nachgelaufen“, kritisierte der Friedenspreisträger den „Überlegenheitswahn der Deutschen“.

Aufs Schärfste widersprach Kurt Nelhiebel der Meinung der lettischen Europa-Abgeordneten und ehemaligen Außenministerin ihres Landes, Sandra Kalniete, dass „Nazismus und Kommunismus gleich kriminell“ gewesen seien. „Danach stehen also die sowjetischen Soldaten, die Auschwitz befreit haben, moralisch auf derselben Stufe wie die SS-Schergen, die das Lager bis dahin bewachten“, monierte er. In Wirklichkeit gehe es um etwas anderes: Der Kommunismus als Menschheitsidee, die die bestehenden Besitzverhältnisse in Frage stelle, solle diskreditiert werden

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Das Interview von Sara Sundermann mit Kurt Nelhiebel (Kurier am Sonntag) finden Sie auf www.weser-kurier.de.

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