Plattenladen in Pandemie-Zeiten

Stille im Studio

Die Clubs haben geschlossen. Doch das Studio Illegale, der Plattenladen, der den Soundtrack zur Bremer Nacht liefert, hat wieder auf. Wie ist das, Tanzmusik zu verkaufen, in einer Zeit, in der keiner tanzt?
17.05.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Stille im Studio
Von Nico Schnurr
Stille im Studio

Nach ein paar Wochen Pause hat das Studio Illegale wieder geöffnet.

Louis Kellner

Wie es um einen Stadtteil bestellt ist, lässt sich an den Fassaden ablesen. Ein paar Meter durch das Ostertor, wo die Wände Wimmelbilder der Subkultur sind, und man weiß, was los ist. Überall Plakate, die einem in lauten Farben entgegenbrüllen, welche Band in die Stadt kommt, wer am Wochenende in welchem Laden auflegt, wogegen demonstriert wird. Das Viertel ist sein eigener Veranstaltungskalender, der sich alle paar Wochen wandelt. Dann klatschen sie im Morgengrauen neue Plakate über die alten, die nächsten Konzerte, Partys, Demos, es geht ja immer weiter. Normalerweise. Bloß normal ist nichts mehr, das lässt sich auch im Viertel schwer übersehen, die Fassaden erinnern daran. Sie wirken wie eingefroren, keine neuen Plakate seit Wochen. Die oberste Schicht weist auf Termine aus dem März hin. Langsam blättert sie ab.

Seit dem Ausbruch des Virus steht die Szene still. Die Corona-Krise, das spürt man in Bremen nirgendwo so deutlich wie im Viertel, ist auch für den alternativen Kulturbetrieb eine Katastrophe. Die ersten Kneipen öffnen wieder, ein Anfang für die Betreiber, etwas Abwechslung für die Home­office-Fraktion, aber ein Bier auf anderthalb Metern Abstand macht noch keine Party. Zur Wahrheit gehört, dass es wohl noch lange dauert, bis in den kleinen Clubs des Viertels wieder so gefeiert werden darf, dass man das feiern nennen kann. Doch während der Rausch also Pause hat, kann der Laden, der den Soundtrack zur Nacht liefert, wieder öffnen. Das Studio Illegale wird von DJs für DJs betrieben. Wer in Bremen elektronische Musik auflegt, und das noch mit Platten macht, kauft dort ein. Nur legt gerade niemand auf. Wie ist das also, Tanzmusik zu verkaufen, in einer Zeit, in der keiner tanzt?

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Zwischen Ulrichsplatz und Sielwallkreuzung biegt man rechts ab, vorbei an den plakatierten Wänden, das Studio Illegale liegt in der Weberstraße. Durch die schmale Tür, schon steht man zwischen Plattenkisten. Helles Holz, Topfpflanzen. Ein Kühlschrank und ein abgewetztes Sofa, weiter hinten eine Treppe, die hochführt zur nächsten Sitzecke. Ein kleiner Raum, so heimelig, als hätte jemand einfach sein Wohnzimmer mit sehr vielen Platten vollgestellt. Am Tresen pluckert Kraftwerk aus den Boxen, was immer eine gute Idee ist, aber aktuell einen tragischen Anlass hat: Florian Schneider-Esleben, einer der Bandgründer, ist verstorben, also haben sie hier einen Schwung Kraftwerk-Alben bestellt. Schnell noch die restlichen Platten aus den Pappkartons gezogen, eine Mate aus dem Kühlschrank gefischt, den Mundschutz gerichtet. Dann lassen sich die beiden Plattenladenbetreiber auf Stühlen fallen. Kann losgehen.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben die beiden DJs Mantao Goerigk, 33, und Christian Wille, 34, das Studio Illegale eröffnet, „ein bisschen dilettantisch“, sagen sie, „ohne Kredit, ohne Businessplan“. Dafür mit der Hilfe der Szene, die den Laden in ein paar Monaten improvisiert hat, selbstgezimmerter Tresen und Fußmatten vom Sperrmüll inklusive. Seitdem haben dort jedes Wochenende DJs aufgelegt. Bands haben Konzerte gespielt. Die Inhaber, zwei Wühler und Auskennertypen, haben ihre Kisten mit elektronischer Musik gefüllt, die so unverschämt unbekannt und teilweise auch so obskur ist, dass jeder Algorithmus sie einem vorenthält. Der Plattenladen ist schnell zum Fixpunkt für viele Bremer DJs geworden. Vielleicht auch, weil er sich anders als die Superfood-Cafés und Cocktailbars der Gegend wirklich nach Subkultur und nicht nach Ausverkauf anfühlt.

Kein Standard für die Großraumdisko

In der Weberstraße trifft sich ein Milieu, das viel unterwegs ist und dafür sorgt, dass in Bremen zu Musik gefeiert werden kann, die aufregender ist als der Großraumdisko-­Standard. Die letzte lange Nacht steckt noch in den Knochen, wenn sie im Studio Illegale besprochen wird. Doch nun geht nichts mehr. Nur der Plattenladen hat nach ein paar Wochen Pause wieder auf.

„Wir fragen uns schon, wie viel Sinn das macht, dass wir die neusten Disco-Scheiben bestellen, aber kein Laden auf hat, wo man die spielen kann“, sagt Wille. Und Goerigk ergänzt: „Wir waren überhaupt nicht scharf darauf, wieder aufzumachen.“ Aber was soll man machen, der Senat zahlt einem ja kein Geld dafür, dass man sein Geschäft noch etwas geschlossen lässt. Öffnen dürfen, das heißt öffnen zu müssen. „Sonst hauen uns die Leute auch wieder ins Internet ab“, sagt Goerigk. Also schließen die Inhaber ihren Laden wieder jeden Mittag auf, wie vor Corona, aber anders fühlt es sich trotzdem an, „irgendwie merkwürdig“, sagen sie.

„Ohne die Szene kann es uns nicht geben": Christian Wille (links) und Mantao Goerigk betreiben das Studio Illegale in der Weberstraße.

„Ohne die Szene kann es uns nicht geben": Christian Wille (links) und Mantao Goerigk betreiben das Studio Illegale in der Weberstraße.

Foto: Louis Kellner

Es ist stiller geworden im Studio Illegale, Auftritte finden erst mal nicht mehr statt. Es dürfen sich nur drei Besucher gleichzeitig im Laden aufhalten, was geht, denn lange bleibt kaum jemand. Selten, dass noch wer stöbern oder einfach nur rumhängen und Kaffee trinken will. Die Leute bestellen nun die Platten, holen sie ab und verschwinden schnell wieder. „Jetzt ist es einfach ein normaler Plattenladen“, sagt Goerigk, „aber genau das sollte es eigentlich nie werden.“

Vor allem die DJs, die etwa die Hälfte der Kunden ausmachen, kommen nun seltener. „Das ist eine junge Klientel, die oft noch studiert und kaum Kohle hat, und jetzt sind vielen auch noch ihre Mini-Jobs weggebrochen“, sagt Goerigk, „es macht überhaupt keinen Sinn, wenn sie ihre letzten Euros in Platten investieren würden, die sie nicht mal auflegen könnten.“

Wird es ein anderes Feiern nach der Krise?

Natürlich ist es auch schon vor Corona ein wirtschaftlicher Wahnsinn gewesen, einen Laden wie das Studio Illegale zu betreiben. Pro verkaufter Platte bleiben bloß ein paar Euro für die Inhaber übrig. Die Margen sind so gering, dass sie schon Massen verkaufen müssten, damit es sich wirklich lohnt. Wollen sie gar nicht. Die beiden stellen viele Platten nur ein, vielleicht zwei Mal ins Regal. „Wir sind keine guten Geschäftsmänner“, sagt Wille, „es geht in erster Linie darum, dass wir am Ende des Monats nichts draufzahlen müssen.“ Beide haben noch andere Jobs, Goerigk arbeitet im Lift, der Bar neben dem Plattengeschäft, Wille ist Lehrer. Wirft der Laden am Ende des Monats Gewinn ab, setzen sie sich in den VW-Bus und fahren in die Niederlande oder im Sommer nach Frankreich, Nachschub holen, neue Musik finden.

Es ist nicht besonders viel los an diesem Nachmittag im Studio Illegale, Zeit also für die großen Fragen: Wie wird die elektronische Musik nach der Pandemie klingen? Werden die Leute nach der Krise anders feiern? Wird überhaupt wieder ein ausgelassenes Ausgehen möglich sein? Goerigk glaubt, dass zwei Szenarios möglich sind. Entweder: Absolute Eskalation, die Leute drehen durch wie in den Nachwendejahren zur Hochphase des Techno, als die Rave-Kultur nach der bleiernen Zeit im Kalten Krieg zum Ausdruck des Aufbruchs wurde. Oder: Die Krise bleibt in den Köpfen kleben, keiner will den Ausnahmezustand auf der Tanzfläche, davon hatten alle genug im Alltag. Es folgt ein vorsichtigeres Feiern wie damals, als nach dem 11. September die ­Depression in die Clubs einzog, die Zeit des Techno endete und ein gedämpfter Sound an seine Stelle trat.

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„Mal abwarten, was davon eintritt“, sagt Goerigk. Ihm ist klar: Bis es soweit ist, wird noch Zeit vergehen. „Feiern zu gehen, das bedeutet auch Kontrollverlust und Ausbruch aus dem Alltag“, sagt er, „die Abstandsregeln und Selbstkontrollen würden im Club nicht funktionieren.“ Womöglich wird also erst ein Impfstoff Partys wieder möglich machen. „Die Frage ist, wie viele Clubs bis dahin überleben werden.“ Ist die Subkultur bedroht, betrifft das auch den Plattenladen in der Weberstraße. Wille sagt: „Ohne die Szene kann es uns nicht geben.“

Um die Szene zu retten, oder zumindest einen Teil dazu beizutragen, haben sie Ende April vier Kameras im Studio Illegale aufgestellt. Sie nehmen auf, wie nacheinander fünf DJs auflegen. Hin und wieder huschen Schauspieler durchs Bild, mit Teleshopping-Gesten bewerben sie Platten. Die Aktion ist Teil von „United We Stream“, sie wird im Netz übertragen. Die Zuschauer können anrufen, einige kaufen Platten, noch mehr spenden für die Clubszene. Auch Christian Wille ist zu sehen, er spielt französische Disco-Songs, altes Zeug vor allem. Dann legt er Erobique auf, es läuft „Urlaub in Italien“, Wille tanzt durch seinen Laden. Und für einen Abend ist die Stille, die sich über das Studio gelegt hat, verschwunden.

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