Hilfe für Bedürftige "Wärme auf Rädern" rollt los

Bremen. Seit Dienstag zieht der Wagen von "Wärme auf Rädern" wieder durch Bremen und versorgt Bedürftige mit Suppe und heißen Getränken. Wir haben zwei ehrenamtliche Helfer auf der ersten Tour des Winters begleitet.
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Von Matthias Lüdecke

Bremen. Seit Dienstag zieht der Wagen von "Wärme auf Rädern" wieder durch Bremen und versorgt Bedürftige mit Suppe und heißen Getränken. Wir haben zwei ehrenamtliche Helfer auf der ersten Tour des Winters begleitet.

Die Sonne scheint warm auf die Wiese hinter dem Caritas-Zentrum, als Gisela Bertram und Ernst Mersmann den umgebauten Fahrradanhänger aus dem Gebäude ziehen. Ihr erster Weg ist kurz. Nur zweimal um die Ecke geht es, zum Hintereingang des St.-Joseph-Stift. Dort bekommen sie einen großen Topf mit Suppe. Ernst Mersmann stellt ihn in den Wagen, zu dem Kaffee, den er und Gisela Bertram zuvor gekocht haben. Und dann geht es los.

Mersmann zieht den Wagen durch die Straßen von Schwachhausen, durch den Stern, vorbei am Elefanten. Sein Ziel ist der Hauptbahnhof. Denn Mersmann und Gisela Bertram sind zwei von 25 Freiwilligen, die in diesem Jahr das Projekt „Wärme auf Rädern“ der Caritas unterstützen. Dienstags und donnerstags gehen ehrenamtliche Helfer mit dem Wagen und heißer Suppe zum Bahnhof und verteilen sie an Bedürftige. Außerdem gibt es gespendetes Brot, Gebäck und Kaffee oder Tee. Am Dienstag fährt der Wagen in diesem Winter das erste Mal durch die Straßen. Bis Ende März wird er dies zweimal in der Woche tun.

Seit 2002 gibt es diese Hilfsaktion, erzählt Cornelius Peters vom Caritasverband. Das Besondere daran sei, dass sie ausschließlich vom ehrenamtlichen Engagement getragen und durch Spenden finanziert sei. Gerade in den kalten Monaten hätten es wohnungslose Menschen schwer. Viele von ihnen erbettelten sich ihre Nahrung. Und das sei in den Wintermonaten schwieriger.

„Für viele ist die Suppe die einzige warme Mahlzeit am Tag“, glaubt auch Gisela Bertram. Sie ist in diesem Jahr das erste Mal freiwillig dabei und auf dem Weg zum Bahnhof gespannt, was sie erwartet. Die Rentnerin wollte sich schon länger ehrenamtlich engagieren, doch private Gründe verhinderten dies. Nun geht sie mit auf Premierenfahrt. „Im sozialen Bereich wird viel zu viel gestrichen“, sagt Bertram, die 1996 die Bremer Tafel mitbegründet hat, „dabei dürfte in diesem Bereich so gut wie gar nichts gestrichen werden.“

"Die Gesellschaft müsste viel mehr tun."

Ähnlich sieht das Ernst Mersmann. Er ist von Anfang an bei „Wärme auf Rädern“ aktiv. „Das, was wir zweimal die Woche tun können, ist leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein, eine Geste“, sagt er, „Die Gesellschaft müsste viel mehr tun – am besten wäre, wenn das, was wir machen, gar nicht mehr erforderlich wäre.“

Doch die Hilfe ist erforderlich. Das sieht man schon, als Ernst Mersmann mit dem Wagen aus dem Bahnhof kommt und auf den Platz vor dem Nebeneingang abbiegt. Die freiwilligen Helfer werden schon erwartet. Etwa zwanzig Menschen bilden eine Traube vor dem üblichen Standort. Als der Wagen eintrifft bilden sie sofort eine akkurate Warteschlange.

Ernst Mersmann beginnt sofort die Gemüsesuppe mit Hühnerfleisch in Plastikschälchen zu verteilen, Gisela Bertram reicht dazu Brötchen. Der Umgangston ist freundlich. Manche in der Schlange haben eine Bierflasche in der Hand, die allermeisten nicht. Die mit Flasche verstecken sie ein bisschen schamhaft, als sie an der Reihe sind.

Eine Stunde stehen Gisela Bertram und Ernst Mersmann dort vor dem Bahnhof, verteilen Suppe, Kaffee, Tee. Es kommen immer wieder Menschen dazu. Um den Wagen herum stehen kleine Gruppen von Leuten und unterhalten sich – alle mit etwas Warmem in der Hand.

Nicht nur Wohnungslose

Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die hier stehen. Wohnungslose, die sich wärmen. Aber auch viele, die von Hartz IV leben und für die der Regelsatz zum Leben nicht reicht. Auch sie sind bedürftig, auch wenn man es ihnen auf den ersten Blick vielleicht nicht ansieht. So wie Michael, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte und für Quatsch hält, „was die Merkel uns da mit den Regelsätzen vorgerechnet hat.“ Er ist daher dankbar für die Suppe. „Das hilft, vor allem jetzt, wo es langsam kälter wird.“ Vielleicht bleibe dadurch über kurz oder lang sogar Geld für eine neue Hose übrig.

Viele solche Geschichten hört man neben dem Wagen. Von Krankheiten und Schicksalsschlägen, die die Menschen aus der Bahn geworfen haben. Eine Frau erzählt, sie selbst habe zwar noch eine Wohnung, aber viele Bekannte von ihr würden sich im Winter eine Monatskarte kaufen und mit der Straßenbahn durch die Gegend fahren. Weil es dort wärmer ist. Sie erzählt auch davon, dass diese Bekannten an Endhaltestellen rausgeworfen worden seien. Zum Teil mitten in der Nacht.

Es sind Geschichten wie diese, die Gisela Bertram in ihrem Engagement bestärken. „Ich bin unglaublich berührt davon, wie freundlich die Menschen einem begegnen“, sagt sie, „bei vielen steckt eine Menge hinter der auf den ersten Blick verkrachten Existenz. Man sollte sich also hüten, mit dem Finger auf sie zu zeigen.“

Sie und Ernst Mersmann ziehen noch ein Stück weiter und versorgen Wohnungslose gegenüber der Discountbäckerei mit Suppe. Sogar Tüten mit Hundefutter für die drei Tiere haben sie in ihrem Wagen. Weiter kommen sie an diesem Dienstag nicht - die Suppe ist leer. Die beiden machen sich auf den Rückweg. Nach zwei Stunden wird es einem draußen auch kalt. Vielleicht bekommt man dadurch zumindest eine Idee davon, wie wichtig die Spender, wie wichtig Gisela Bertram, Ernst Mersmann und die anderen 23 ehrenamtlichen Helfer mit ihrer heißen Suppe sind.

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