Karten für das neue Jahr

Wahrsagerin prophezeit Bremens Zukunft

Martina Schmidt hat die Karten gelegt und die Zukunft von Werder, Bremens Bürgermeister und seiner Koalition vorausgesagt. Wir haben sie noch mal besucht, um zu überprüfen, ob ihre Prognosen wahr wurden.
31.12.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Wahrsagerin prophezeit Bremens Zukunft
Von Kathrin Aldenhoff

Die Wahrsagerin Martina Schmidt prophezeit die Zukunft von Werder und seinem Trainer, von Bürgermeister Sieling und seiner Koalition. Wir haben sie noch mal besucht, um zu überprüfen, ob ihre Prognosen wahr wurden.

Sport und Politik – das sind Themen, die sonst kaum eine Rolle spielen, wenn jemand die Hilfe von Martina Schmidt sucht. Dann geht es meist um Liebe und Selbstfindung, oft auch um Gesundheit. Als der WESER-KURIER im vergangenen Jahr zu Besuch kam, sollte es aber um Wählerstimmen, die Bundesliga-Tabelle und teure Krankenhausneubauten gehen. Die Zukunft für Werder Bremen und seinen Trainer sollte Martina Schmidt unter anderem vorhersagen und das Ergebnis der Bürgerschaftswahl im Mai.

Die Bremerin sollte nicht irgendwie aus dem Bauch heraus oder mit etwas Nachdenken eine Prognose wagen. Martina Schmidt sollte mit ihren Karten in die Zukunft schauen. Darin hat sie durchaus Erfahrung: Die heute 52-Jährige liest seit 35 Jahren anderen die Zukunft aus einem Päckchen Skatkarten. Damals hat die Kartenlegerin all unsere Fragen beantwortet. Ein Jahr später haben wir sie noch einmal besucht, um zu überprüfen, ob ihre Prognosen wahr wurden. Und um neue Fragen zu stellen.

Neben Martina Schmidts Haustür ist ein Schild angebracht: Karten legen, Termine nach Vereinbarung. Martina Schmidt öffnet die Tür, eine rote Brille auf der Nase, die blonden Haare kurz und modern geschnitten, roten Lippenstift und ein Lächeln auf den Lippen.

Rote Treppenstufen führen in den ersten Stock, Buddhas in der Größe von Kleinkindern sitzen im Raum, in einem Regal liegen mehrere Sets Tarotkarten. Eingepackt, denn Martina Schmidt benutzt keine Tarotkarten, um in die Zukunft zu schauen. „Das kann jeder lernen“, sagt sie und blickt einen schon fast aufmunternd an. Sie braucht es nicht zu lernen, sie hat auf ihrem runden roten Tisch einen Stapel Skatkarten mit rot-weiß-gemusterter Rückseite liegen. Das reicht ihr für den Blick in die Zukunft.

Nicht alles, was sie im Gespräch mit dem WESER-KURIER im vergangenen Jahr vorhersagte, ist auch so gekommen. Falsch lag die Kartenlegerin zum Beispiel beim Thema Werder. Die Karten hatten ihr gesagt, dass ein neuer Trainer kommen werde. Aber Viktor Skripnik ist immer noch Werder-Coach. Doch Martina Schmidt steht zu ihrer Prognose. „Es wundert mich, dass er noch da ist“, sagt sie.

Mal sehen, ob das so bleibt. Sie verteilt die Karten mit dem Bild nach unten auf dem Tisch, zieht dreimal drei Karten, dann noch eine, die sie in die Mitte legt. Ein kleines Blatt, für einen ersten Eindruck. In der Mitte liegt der Kreuz König. „Die mittlere Karte ist die Seele“, sagt sie später, als sie das Bild, wie sie die Anordnung der Karten auf dem Tisch nennt, beendet hat.

Denn erst einmal spricht Martina Schmidt gar nicht, sie hat die Finger sanft auf die Karten gelegt, brummt vor sich hin, „Hmmm“, nimmt die Finger an den Mund, überlegt. „Es sieht nach Verschwiegenheit aus“, sagt sie schließlich. Und so, als ob Skripnik Werder-Trainer bleibe. Obwohl sie hinzufügt: „Einer hat das Sagen. Und das ist nicht er.“

Der Trainer soll also bleiben. Aber, noch wichtiger: Wird Werder auch 2016 den Klassenerhalt schaffen? Im vergangenen Jahr lag die Kartenlegerin mit ihrer Prognose richtig – vielleicht ja auch dieses Mal. Martina Schmidt bittet darum, eine präzise Frage zu stellen, hier ist sie: Wird Werder Bremen 2016 in die Zweite Bundesliga absteigen?

Wieder fächert sie die Karten auf, wählt zehn von ihnen aus, deckt sie auf. „Oha!“, entfährt es ihr, sie fährt sich mit den Händen durch die blonden, kurzen Haare. In der Mitte liegt die Karo Dame. Sie nimmt sie, legt sie zum Pik König in den obersten der Dreierstapel, nimmt sie wieder weg. Dann zieht sie noch drei Karten, sagt laut: „Ich möchte ein Ergebnis.“ Das bekommt sie, sie nimmt die Hände vor den Mund, blickt erschrocken auf. „Ich möchte das gar nicht sagen.“

Sie lässt auch die Journalistin eine Karte ziehen, legt die mit ins Blatt. Normalerweise lässt sie immer ihre Besucher die Karten ziehen, denn dann geht es ja um die Zukunft der Person, die vor ihr sitzt. Sie legt dann das Bild und übersetzt. So nennt sie es, wenn sie anderen die Zukunft vorhersagt. Manche begleitet sie über einen längeren Zeitraum, hilft ihnen dabei, zu erkennen, wo im Leben sie stehen, wie sie ihren eigenen Weg erkennen können, so Schmidt. Viele seien ihr sehr dankbar für diese Hilfe, sagt die Kartenlegerin. Ihre Arbeit, die sie Berufung nennt, empfindet sie als befriedigend.

Das Schicksal Werders hat auch die zusätzliche Karte nicht gewandelt, Martina Schmidt schüttelt den Kopf. „Das Gleiche in Grün.“ Sie seufzt, sagt: „Vielleicht muss das mal sein.“ Und gibt ihre Prognose ab: Werder steigt ab. „Da sitzt jemand, der hat bis zum Schluss nicht kapiert, dass das der falsche Weg ist, wie sie mit den Dingen umgehen.“ Und das sei nicht der Trainer, fügt sie hinzu.

Martina Schmidt sitzt auf einem Polsterstuhl mit Leopardenmuster, die Lehne ist goldfarben und schnörkelig verziert. Leise Musik kommt aus den Boxen, Duftöle stehen auf einem Regal bereit. Während der Sitzung spricht sie von einem Haus ohne Boden mit positivem Dach, davon, dass wir alle schon einmal gelebt hätten. „Ich sehe in ihren Augen, dass Sie glauben, ich habe nicht alle Tassen im Schrank“, sagt sie und lacht. Sie ist das gewohnt, es macht ihr nichts aus. Denn sie glaubt an das, was sie sagt.

Die Kunst des Kartenlegens habe sie in den 35 Jahren, in denen sie das schon mache, weiterentwickelt, verfeinert. Manche Kartenkonstellationen hätten aber von Anfang an ihre Bedeutung. Die Acht und das Ass beispielsweise bilden für sie ein Haus. Nicht unbedingt eines aus Stein, das Kartenbild kann auch für eine Firma oder den Körper stehen.

Nächstes Thema: Politik. Im vergangenen Jahr hatten wir auch nach dem Ausgang der Bürgerschaftswahl gefragt – und den hatte Martina Schmidt völlig korrekt vorhergesehen, inklusive der hohen Stimmenverluste von Rot-Grün. Hat sie sich gefreut, als am Wahlsonntag klar war, dass sie mit ihrer Vorhersage Recht hatte? Martina Schmidt schüttelt den Kopf. „Das hat mich nicht so sehr interessiert.“ Aber als sie hörte, dass Jens Böhrnsen nicht mehr Bürgermeister sein wollte, da war sie erschrocken. Warum, will sie nicht in der Zeitung lesen, es gehe schließlich um einen Menschen.

Vom alten zum neuen Bürgermeister: Wie wird Carsten Sieling seinen Job als Böhrnsens Nachfolger machen? „Lieber Herr Sieling, wie machst du deinen Job?“, fragt sie noch einmal, während sie die Karten auf dem Tisch verteilt und aufdeckt. Sie betrachtet das Bild kurz, zieht die Augenbrauen hoch. „Ich möchte wirklich nur wissen, wie du deinen Job als Bürgermeister von Bremen machst.“

Doch auch das bringt wohl nicht mehr Klarheit, sie zieht zwölf weitere Karten, sieben Dreiergruppen liegen nun im Kreis um eine einzelne Karte, die Kreuz Acht. „Er ist ein guter, geradliniger Mann. Aber im Moment kommt von außen negative Stimmung auf ihn zu.“ Die Frage ist komplex, Martina Schmidt seufzt immer wieder, fasst sich mit den Händen ins Gesicht, streicht sich durch die Haare.

„Bremen ist nicht sehr gesund“, sagt sie. Klar, das wisse jeder: die Schulden. Und es werde viel gemurkst, Klarheit fehle. „Es sieht so aus, als ob Bremen das typisch Hansestädtische verliert.“ Den Bremern fehle es an Rückgrat. Und Sieling an Unterstützern. Für den Bürgermeister hat sie noch einen persönlichen Tipp: Er soll bei sich bleiben. Er habe eine gute Intuition, er müsse Farbe bekennen, das könne er ruhig tun, er mache das schon sehr gut.

Doch was ist das? Martina Schmidt betrachtet eine Pik Dame im Bild intensiver. Sie sehe eine grüne Politikerin, die Halbwahrheiten streue. „Es sieht so aus, als könne er das aufdecken. Und das sollte er auch“, sagt Martina Schmidt und blickt überzeugt durch ihre rote Brille. Die Koalition werde aber halten, auch das sagt das Bild. Dann verwischt sie die Karten, sammelt sie auf. Sie nennt es das Bild schließen, sagt „Vielen Dank“, während sie es tut.

Manche Besucher sind skeptisch wenn sie kommen, manche auch noch, wenn sie gehen. Für Martina Schmidt ist das kein Problem, sie akzeptiert das. Ab und zu allerdings wollen Menschen mit Martina Schmidt darüber diskutieren, was die Karten sagen. Darauf lässt sie sich inzwischen nicht mehr ein. „Ich habe gelernt, mich dann rauszuziehen.“ Und in manchen Fällen könne auch sie nicht helfen. Dann empfiehlt sie einen Besuch beim Therapeuten.

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