Wahrzeichen soll erhalten bleiben Walle bekommt wieder einen Wasserturm

Der einstmals größte Wasserturm Euopas stand in Walle. Heute gibt es nur noch seine Fundamente. Darauf soll aber nun ein neuer Turm entstehen - zum Wohnen. Die Herausforderung: Das Projekt will die Reste des alten Turms mit dem neuen Bau verbinden.
04.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling

Der einstmals größte Wasserturm Euopas stand in Walle. Heute gibt es nur noch seine Fundamente. Darauf soll aber nun ein neuer Turm entstehen - zum Wohnen. Die Herausforderung: Das Projekt will die Reste des alten Turms mit dem neuen Bau verbinden.

Wie kann man ein neues Gebäude auf das Fundament des alten Waller Wasserturms setzen? Rund 15 Jahre lang habe er sich an dieser Frage immer wieder die Zähne ausgebissen, sagt Alexander Künzel, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung.

Jetzt ist endlich eine machbare Lösung gefunden worden – ab März soll auf dem Gelände des Stiftungsdorfs Walle „Alter Wasserturm“ tatsächlich gebaut werden. Das hat Künzel nun gemeinsam mit Architekt Ulrich Tilgner und Jutta Dunker, die zum 1. Februar die Leitung des Stiftungsdorfes Walle übernommen hat, den Bewohnern und Nachbarn im Rahmen einer eigens anberaumten Informationsveranstaltung mitgeteilt. Am 9. März wird der Grundstein gelegt; rund eineinhalb Jahre lang soll anschließend an der Karl-Peters-Straße gebaut werden, bis das 22 Meter hohe Gebäude steht.

Möglich macht dies Künzel zufolge insbesondere auch das derzeit niedrige Zinsniveau, ohne das sich die Heimstiftung kaum je an das kostspielige Vorhaben gewagt hätte. Denn die Turmruine soll erhalten und in der vom Fundament vorgegebenen achteckigen Grundform bebaut werden, was das Vorhaben aufwendig und teuer macht: Da das vorhandene Fundament nicht genutzt werden kann, muss zunächst eine neue Gründung hergestellt werden.

Trotz des Aufwands wolle man aber die Turmruine erhalten, so Künzel – immerhin geht es um ein altes Waller Wahrzeichen, das seinerzeit der größte Wasserturm Europas war. Der mehr als 60 Meter hohe Koloss mit einem Fassungsvermögen von 3000 Kubikmetern war 1905 an der Breslauer Straße – der heutigen Karl-Peters-Straße – erbaut worden, um den Stadtteil mit Trinkwasser zu versorgen. In der Bombennacht vom 18. auf den 19. August 1944 wurde er durch einen Brand schwer beschädigt. „Dabei ist das Stahlgerüst geschmolzen und das Ganze in Schieflage geraten“, so Ulrich Tilgner.

Nach Kriegsende wollten die Stadtwerke den Turm zunächst wieder herstellen. Dies aber erwies sich als zu kostspielig, und so wurde der Turm 1958 abgebrochen. Nur der Wasserturm-Sockel blieb als Ruine stehen – bis schließlich die Bremer Heimstiftung auf den Plan trat und der SWB das Wasserturm-Areal in unmittelbarer Nachbarschaft der Allgemeinen Berufsschule (ABS) abkaufte. Seit dem Jahr 2000 laufen die Überlegungen, einen modernen Wohnturm auf den alten Sockel zu bauen.

Rund ein Drittel seiner ursprünglichen Höhe soll das neue Gebäude haben und somit ein städtebauliches Zeichen setzen – auch wenn es mit einem für die Nachbarschaft „verträglichen Maß“ von 22 Metern knapp „unterhalb der Hochhausgrenze“ liegt, wie Tilgner erklärt.

Im Inneren des neuen Wasserturms haben 42 Mietwohnungen mit jeweils rund 48 Quadratmetern und einem barrierefrei begehbaren Balkon Platz. „Ein Teil davon sollen Sozialwohnungen werden. Und wenn es vier oder fünf Leute gibt, die gerne gemeinsam ein Stockwerk bewohnen wollen, dann ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um uns darauf anzusprechen“, so Künzel. Im Erdgeschoss eröffnet die Heimstiftung eine Tagespflegeeinrichtung, und oben im Gebäude ist eine Art Salon oder Kaminsaal als Treffpunkt für die Bewohner des Stiftungsdorfes angedacht. Sämtliche Einheiten im Turminneren sind über einen gemeinsamen Eingang mit zwei Aufzügen erreichbar. Und auf dem Dach wird eine Solaranlage Strom produzieren, der ins städtische Netz eingespeist werden soll.

Seit 2006 war um das alte Wasserturm-Fundament herum zwischen Steffensweg und Bremerhavener Straße das Stiftungsdorf Walle gewachsen; die Gebäude waren dabei bewusst so ausgerichtet worden, dass der Turm später niemandem die Sicht verstellen würde. Anders sieht die Sache für einige Nachbargebäude an der Karl-Peters-Straße aus. Ihre Blickachse werde durch den Turm gestört, verschattet würden die Häuser durch das nördlich von ihnen gelegene neue Gebäude aber nicht, betont Tilgner – zumal die lichtgraue Turm-Fassade später das Sonnenlicht reflektiere. Das Thema Wasser hat für den Architekten bei der Gestaltung eine zentrale Rolle gespielt: Durch abgerundete Kanten soll der achteckige Turm später einmal wirken, als werde er von einer Wasserwelle umspült.

Im Zuge des Bauvorhabens solle auch die Wegeverbindung im Quartier neu gestaltet werden, so Tilgner: „Vom Dedesdorfer Platz zum Grünzug geht es jetzt immer am neuen Waller Wasserturm vorbei.“ Ziel sei dabei, dass der Grünzug eines Tages „ganz natürlich“ in den Garten der Heimstiftung übergehe. Fünf Parkplätze würden dadurch an der Karl-Peters-Straße wegfallen – eine Ankündigung, die bei manchen der anwesenden Anwohner durchaus für Empörung sorgte. Auf welche Weise und wo es Ersatz geben könnte, darüber soll bei einem gesonderten Termin im Ortsamt mit dem Waller Beirat gesprochen werden.

Wenn in fünf Wochen die Baustelle an der Karl-Peters-Straße eingerichtet werde, dann sei Baulärm unvermeidlich, so Tilgner und Künzel: „Dass das Ganze lautlos ist, wäre gelogen.“ Man wolle sich aber an die üblichen Arbeitszeiten halten und nach Feierabend und an den Wochenenden werde nicht auf der Baustelle gearbeitet. Es werde außerdem hinter einer Plane gearbeitet, so dass möglichst kein Dreck durch die Gegend fliege. Der Wagen der „Waller Leselust“, der wegen der Dioxin-Sanierung des Dedesdorfer Platzes vorübergehend auf das Gelände der Heimstiftung umgezogen ist, soll dort zunächst auch bleiben können, so Künzel.

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