Stadtteilserie: Folge 1 Walle - Motor der Stadtentwicklung

Bremen. Lange Jahre hat man nicht so recht gewusst, was Walle eigentlich ausmacht. In Walle, hieß es, da wohnen sie alle. Und das war nicht nett gemeint. Heute wird dieser Ausspruch als Ehrentitel genommen, die Menschen sind stolz, eine so bunte Mischung zu präsentieren.
11.09.2010, 09:00
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Walle - Motor der Stadtentwicklung
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Walle, das war so, na ja. Lange Jahre wusste man nicht so recht, was diesen Stadtteil eigentlich ausmacht. In Walle, hieß es, da wohnen sie alle. Und das war nicht nett gemeint. Heute wird dieser Ausspruch als Ehrentitel genommen, die Menschen in Walle sind stolz darauf, eine so bunte Mischung zu präsentieren. Mehr und mehr rückt auch junges Publikum in den Stadtteil, der Garant für eine gute Zukunft.

Walle, das ist der Hafen. Immer schon und heute noch. Er war für Bremen vor 120 Jahren der Motor für ein Wachsen gen Westen, weit übers Doventor hinaus und bis hin zu einem Dorf, das einst der Adelsfamilie von Walle gehörte, daher der Name.

Mit dem Hafen kam die Industrie, zum Beispiel die Jutespinnerei an der Nordstraße oder die Öl- und Reismühlen, Beschäftigung für Tausende von Frauen und Männern, die sich in Walle ihr kleines Häuschen suchten. Damals konnte man getrost von einem Arbeiterstadtteil sprechen, heute sicher nicht mehr. „Walle ist von allem etwas“, sagt Cecilie Eckler-von Gleich, „hier hat jeder seine Nische.“

Eine Nacht, und alles kaputt

Die 57-Jährige ist gebürtige Bremerin und seit 30 Jahren in Walle zu Hause. Sie leitet dort den „Broddelpott“, organisiert Kulturveranstaltungen und kümmert sich um die Geschichte des Stadtteils. Ein Datum, sagt Eckler-von Gleich, hat dem alten Walle den Garaus gemacht: Es war der 18. August 1944, die Nacht des schwersten Luftangriffs auf Bremen, er traf den Stadtteil mit der zerstörerischen Wucht von Phosphorbomben.

„Schauen Sie hier“, zeigt Eckler-von Gleich auf die Häuser der Landwehrstraße in Utbremen, dem Ortsteil von Walle, der am nächsten an der City liegt. „Alles Häuser aus den 50er- und 60er-Jahren, alles neu aufgebaut, die Bomben haben damals nichts übriggelassen.“

Eine Kriegskatastrophe, die Spuren hinterlassen hat, auch diese hier: den Grünzug von Walle. „Es war ja plötzlich Platz da, und dann wurde eben auch so etwas geplant“, erklärt Eckler-von Gleich. Fast direkt im Anschluss an die Wallanlagen zieht sich ein schmaler Naherholungsgürtel durch den Stadtteil. Links und rechts davon teils sehr dichte Bebauung, mittenmang, aber zu einer Seite zum Grün hinaus.

Es gibt den Waller Park und den 29 Hektar großen Waller Friedhof, es gibt den Grünzug und im Ortsteil Hohweg die wild wuchernde Waller Feldmark mit dem Waller See und den vielen Kleingärten – doch Walle deswegen als grünen Stadtteil zu bezeichnen, wäre verfehlt. Es sind mehr die Oasen in einem dicht besiedelten Gebiet mit Wohnen und Gewerbe, das von breiten Verkehrsachsen durchschnitten ist.

Besonders krass ist das im Ortsteil Osterfeuerberg, der von zwei Heerstraßen, einem Autobahnzubringer und zwei Bahnlinie eingepfercht wird. In den kleinen Straßen des heimeligen Viertels merkt man davon nichts, in den Randlagen um so mehr. Die Dimensionen der Osterfeuerberger Rings sind geradezu grotesk, dort könnten Panzerparaden abgehalten werden.

Walle hat ein Wahrzeichen, es ist der 239 Meter hohe Fernsehturm, ein idealer Orientierungspunkt, wenn man durch den Stadtteil gondelt. Der Turm liegt nach Findorff hin und zur Bahnlinie. Mehr mittendrin in Walle stand früher der legendäre Wasserturm, 1905 erbaut, war er damals mit 61 Metern der größte seiner Art in Europa. Das Fundament steht noch, es wirkt wie eine Bunkerruine und sollte längst überbaut sein.

Walle hat seine Treffpunkte – den Wochenmarkt auf dem Wartburgplatz im Ortsteil Westend, wo übrigens eine der nicht wenigen kulturellen Einrichtungen des Stadtteils residiert: das GaDeWe, die Galerie des Westens. Dann natürlich die Vegesacker Straße mit ihren vielen Geschäften, an der Einmündung zum Beispiel das beliebte Eiscafé und das El Mundo.

Und als Treffpunkt schließlich auch das Walle-Center. „Es war richtig, das Einkaufszentrum zu bauen. Hier kommen viele Leute her, auch wenn sie nur gucken wollen oder einen Kaffee trinken“, sagt Cecilie Eckler-von Koch. Sie ist bei den Grünen und sitzt im Beirat, damals, vor 15 Jahren, stritt sie vehement gegen das Walle-Center, „aus Furcht, dass der Einzelhandel drumherum Schaden nimmt“. Hat er vielleicht, aber trotzdem ist das Walle-Center an der vielbefahrenen Waller Heerstraße für den Stadtteil ein Gewinn, räumt die Grünen-Frau unumwunden ein.

Es gibt Siedlungen in Walle, die haben etwas ganz Eigenes, das Generalsviertel zum Beispiel oder das Heimatviertel, das wie ein Vorposten im Hafengebiet liegt. Beide wurden um 1890 herum gebaut, als es so richtig losging mit dem Hafen. „In solchen Quartieren fanden sie keine einzige Kneipe, das wurde ganz bewusst so gemacht, die Arbeiter sollten nicht mit dem Trinken anfangen“, erzählt Eckler-von Gleich. Haus an Haus, eng an eng, auch hinten in den Höfen. Sehr manierliche Häuschen, einige mit Stuck verziert, und heute innen drin oft geräumig, weil die Zwischenmauern herausgenommen wurden, weiß die Broddelpott-Aktivistin.

Walle, das ist der Hafen, und da ist er: Vom Waller Ring rüber über die Nordstraße und dann zum Holz- und Fabrikenhafen. Dort ist richtig Betrieb. Schiffe, deren Ladung gelöscht wird, auf der anderen Seite die Laster, die das Stückgut aufnehmen und die Container, je nachdem. Es riecht nach Fischmehl; nirgendwo in Europa wird so viel Fischmehl umgeschlagen wie an diesem Platz. Der Geruch zieht an manchen Tagen bis weit nach Walle hinein, ein Wink vom Hafen, und niemand regt sich auf. „Im Stadtteil ist noch viel zu spüren von dem Stolz und von der Weltoffenheit, die die Arbeit im Hafen mit sich bringt“, sagt Eckler-von Gleich.

Der Holz- und Fabrikenhafen mit der imposanten Roland-Mühle ist mittlerweile aber nur noch ein kleiner Ausschnitt von dem, was sich insgesamt in den alten Hafenrevieren tut, die heute übergreifend Überseestadt genannt werden. Eine der Keimzellen für diese atemberaubende Entwicklung der vergangenen zehn Jahre liegt nur einen Steinwurf entfernt im Speicher XI.

Der Bauunternehmer Klaus Hübotter war es, dem weder Wagemut noch Fantasie fehlte, aus diesem imposanten Backsteingebäude etwas Neues zu erschaffen: Eine Heimstatt für die Hochschule für Künste, für das Zentrum für Baukultur, für das Hafenmuseum und vieles mehr. Hier geht was, zeigte Hübotter. Und es ging dann noch viel mehr.

Der Fruchthof kam, dorthin, wo früher der Überseehafen war. Dass der Hafen zugeschüttet wurde, halten eigentlich alle heute für einen Frevel. Dann der Speicher I am Europahafen, andere Schuppen und Speicher, die saniert und neu genutzt wurden.

Die Bürogebäude am Europahafen, das Kaffee-Quartier am Eingang zur Überseestadt, der Weser Tower auf der gegenüberliegenden Straßenseite und der Landmark Tower am anderen Ende der Überseestadt, wo erstmals die Möglichkeit geschaffen wird, im alten Hafen auch zu wohnen. Zurück am Holz- und Fabrikenhafen auch noch solche Plätze wie die „Feuerwache“ am Hafenkopf, wo sich vor dem Restaurant so wunderbar der Sonnenuntergang genießen lässt, während gleich nebenan, im Hafen-Casino, ’ne Pulle Bier geleert wird und das Frittenfett schwer in der Luft liegt.

Walle, das ist der Hafen

Walle, das ist der Hafen, immer schon, heute noch und morgen wieder. Nur eben jeweils anders. Die Zeiten, als massenhaft Schiffe kamen, ein paar Tage liegen blieben und die Matrosen währenddessen an der „Küste“ – Walles Amüsiermeile, von der nicht mehr viel übrig geblieben ist – ihre Heuer unters Volk brachten, sind längst vorbei. Vergangenheit auch, dass allein die klassische Hafenwirtschaft Beschäftigung für Tausende bot.

Das Tableau der Arbeitsplätze in der Überseestadt – die Zahl wuchs von rund 6000 vor zehn Jahren auf heute annähernd 9000 – ist vielschichtiger geworden. Kreative und Büroleute finden es schick, im alten Hafen zu arbeiten, in der Überseestadt – in Walle?

Viele wissen gar nichts von dieser Zugehörigkeit. Die Nordstraße wirkt wie eine Grenze. Und das ist darum der Hafen von morgen für Walle: Die Herausforderung, sich ihn nicht nehmen zu lassen, sondern von seinen Chancen zu profitieren.

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