Dossier Automobillogistik Wandel dich oder stirb aus

Wenn früher der Blick in die Glaskugel angesagt war, ist heute die Wissenschaft gefragt: Wie arbeiten Menschen in der Zukunft? Haben selbst fahrende Laster mit automatischer Entladevorrichtung Fahrer und Lageristen ersetzt? Ist der Disponent in der Logistikkette tatsächlich nur noch ein selbst lernender Computer? Wo wird der Mensch seinen Platz haben? Zwei Professoren aus den Bereichen Personal­management und Logistik versuchen, Antworten zu geben.„Früher gab es alle fünf bis zehn Jahre radikale marktverändernde Innovationen, heute passieren diese Dinge in manchen Branchen binnen einem oder einem halben Jahr“, sagt Carl Schütte. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement an der Fachhochschule Kiel und wohnhaft in Bremen erläutert den Trend anhand eines Fachbegriffs: Dynaxität.
07.02.2017, 21:25
Lesedauer: 6 Min
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Von Von Volker Kölling

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enn früher der Blick in die Glaskugel angesagt war, ist heute die Wissenschaft gefragt: Wie arbeiten Menschen in der Zukunft? Haben selbst fahrende Laster mit automatischer Entladevorrichtung Fahrer und Lageristen ersetzt? Ist der Disponent in der Logistikkette tatsächlich nur noch ein selbst lernender Computer? Wo wird der Mensch seinen Platz haben? Zwei Professoren aus den Bereichen Personal­management und Logistik versuchen, Antworten zu geben.

„Früher gab es alle fünf bis zehn Jahre radikale marktverändernde Innovationen, heute passieren diese Dinge in manchen Branchen binnen einem oder einem halben Jahr“, sagt Carl Schütte. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement an der Fachhochschule Kiel und wohnhaft in Bremen erläutert den Trend anhand eines Fachbegriffs: Dynaxität. Dahinter steckt eine Mischung aus Dynamik und Komplexität. „Die Veränderungsgeschwindigkeit in den Arbeitsprozessen hat sich enorm beschleunigt, und gleichzeitig wachsen jedes Mal mit den Neuerungen die Anforderungen, wird es gefühlt für den Menschen komplizierter.“

Schüttes Forschungsschwerpunkte liegen genau an diesem Punkt: Veränderungsmanagement, Personalführung und Gestaltung von Unternehmenskultur. „Menschen haben Angst vor Veränderungen, Veränderungen produzieren Widerstände. Aber deshalb ist eine Führungskraft heute vor allen Dingen Change-Manager, ein Manager der Veränderung.“ Seinen Leuten müsse man in erster Linie die Kompetenz vermitteln, sich neue Kompetenzen und Fähigkeiten anzueignen.„Viele deutsche Firmen hinken hoffnungslos hinterher, weil ihr Führungspersonal zu alt ist. Die vorne stehen, müssen ihre Kinder fragen, wie das alles heute funktioniert“, erläutert Schütte.

Als Beispiel nennt er den Chip, der in Fertigungsteilen der Karosserie das Werkstück fast autonom durch die Produktionskette steuert, bis es komplett und verbaut ist. „Um das zu verstehen, braucht es ein komplexes Verständnis der Abläufe und der Technik, die dahintersteckt. Dieses Wissen muss ich mir schnell aneignen können und wissen, wo ich es bekomme.“ Der Job der Führungskraft sei es dabei nicht, alle glücklich zu machen, sondern ständig kreativ zu stören. Der Professor der Fachhochschule rät gar dazu, Mitarbeiter mit Angst zu verunsichern: „Man braucht fünf positive Erfahrungen als Mensch, um eine negative Erfahrung auszugleichen. Aber das ist gut so, das hat uns schon einst gegen den Säbelzahntiger überlebensfähig gemacht. Aber weil Angst so ein starker Motivator ist, sind wir eben auch derart im Kern unglückliche Kreaturen.“

So viel zur Metaebene. Yilmaz Uygun, an der internationalen Jacobs University Bremen Professor für Logistik-Ingenieurswesen, neue Technologien und Prozesse, sieht die Idealwelt aus Sicht der Unternehmen ähnlich wie sein Kieler Kollege: Die vierte Revolution der Arbeitswelt mit immer intelligenteren Robotern und Anlagen schaffe noch kürzere Durchlaufzeiten in der Produktion, eine Fertigung mit wenig Bestands­ware und greife im Bereich der Logistik stark in die Arbeit der heutigen Disponenten, Fahrer und Maschinenbediener ein. Aber Uygun will den Menschen die Angst vor diesen Veränderungen nehmen: „Während der Automatisierungswelle der 1970er-Jahre gab es auch die Angst, die Roboter würden die Menschen aus den Werken verdrängen. Und das ist nicht passiert.“ Im Gegenteil: Es seien neue Berufe entstanden.

„Den Job der Feinplanung der heutigen Produktionsplaner werden Programme übernehmen. Aber ein Mensch muss am Ende die strategische Entscheidung treffen, ob man etwa lieber schneller fertig sein möchte mit einem Produkt oder ob man davon eher weniger im Bestand haben möchte“, sagt Uygun. Als Beispiel für Logistikketten berichtet er vom Prinzip „selbst ist das Paket“, bei denen sich heute in automatisierten Lagersystemen schon ganze Lieferungen selbst zusammenstellen. „Aber selbst da braucht es einen Aufpasser, der im Notfall alles wieder gerade biegt. Und es braucht Menschen, die die Maschinen warten, die Programme modifizieren und bauliche Anpassungen vornehmen.“ Aber immer dieselben Schweißpunkte setzen könnten Schweißroboter schon lange präziser als jeder Mitarbeiter. Sei der Mensch zurzeit vom Grunde her noch flexibler, anpassungsfähiger und an den Arbeitsstationen überlegen, so werde mit den nächsten Generationen der Maschinen genau das angestrebt: Computer sollen intelligenter, Roboter beweglicher, die Technik überlegen werden.

Wo bleibt dabei der Mensch? „Ich kann Leuten nur den Tipp geben, sich zu qualifizieren. Es geht darum, Jobs machen zu können, die man nicht automatisieren kann“, führt Professor Schütte aus. Je komplexer die Aufgaben, je mehr Erfahrung und Kreativität gefragt seien, desto mehr laufe alles auf einen Menschen in einem Job hinaus. „Ich rate immer, sich selbst als Marke zu sehen, als Ein-Personen-Arbeitsplatzunternehmen. Der Arbeitnehmer der Zukunft agiert selbstverantwortlich in Bezug auf seinen Wert im Arbeitsmarkt.“

Bei all dem ausgeprägten Sozialdarwinismus und den Chancen für den Stärkeren und Schlaueren kommt allen Arbeitnehmern in Zukunft aber eine Entwicklung laut Schütte sehr entgegen: die demografische Entwicklung, der Geburtenmangel und damit das Fehlen qualifizierter Arbeitnehmer. „Es gibt da heute schon ernst zu nehmende Engpässe in den Betrieben“, sagt Schütte. Gleichzeitig nehme er unter seinen Studenten einen Wertewandel wahr: „Die wollen oft gar nicht mehr in einem Vollzeitjob arbeiten. Und diese gut qualifizierten Leute haben im Arbeitsmarkt heute die Verhandlungsposition, das auch durchzusetzen.“ An der Stelle gelte es für die Betriebe wiederum zu lernen, dass ihre Leute heute zumeist überall arbeiten könnten – eben auch zu Hause. „Und eigentlich interessieren 40 oder 50 Stunden Wochenarbeitszeit nicht, sondern ob ein Arbeitnehmer seine Arbeitsvorgaben entsprechend erfüllt hat.“

Aber sehen Industrien diesen Mangel an Qualifizierten, ohne über den Standort nachzudenken? Professor Uygun sieht für Deutschland – gerade nach seinen Jahren an einem US-Institut – an dieser Stelle gar nicht so schwarz: „Natürlich verlangt die schöne neue Welt der Industrie 4.0 mehr Wissen. Aber unser Bildungssystem ist bei aller Mäkelei immer noch eines der besten der Welt. Und die Arbeitnehmer sind heute schon in einem Maße qualifiziert, wie man es in anderen Volkswirtschaften selten findet.“ Trotzdem sieht der Spezialist für neue Technologien einige Bereiche, in denen die Deutschen aus seiner Sicht schwach dastehen. IT sei keine deutsche Stärke, und die Start-up-Kultur für neue Firmen mit frischen Entwicklungen und Ideen werde noch zu wenig von der Politik, der Wirtschaft und auch der Wissenschaft gefördert und gelebt.

„Studien sagen durch die anstehenden Neuerungen einen Prosperitätseffekt voraus. Viele neue Firmen werden entstehen, wenn man jetzt die Weichen richtig stellt“, erläutert Uygun. Aber an einer Stelle mahnt auch er mit einem dunklen Szenario: „Viele Technologien werden von ihren Entwicklern wahnsinnig gehyped – auch durch die optischen Darstellungen, die heute möglich sind. Aber vieles wird sich nicht durchsetzen oder nie richtig funktionieren.“ Anderes könne schon seinen Weg in den Markt finden und das vielleicht unabsehbar und sehr schnell: Noch vor zehn Jahren habe die Marke ­Nokia für das Handy an sich gestanden. Dann sei eine wichtige Entwicklung übersehen worden – die des Touchscreens. Dadurch sei Nokia vom Markt verschwunden. Auf Themen wie ­E-Mobilität übertragen warnt Uygun, dass sich etwa die deutsche Automobilindustrie im Gefühl des Glanzes vergehender Zeiten nicht durch neue Technologien überrumpeln lassen dürfe.

„Wandel Dich oder stirb aus“, fasst Schütte zusammen. Grundsätzlich gebe es in neuen Unternehmen die Entwicklung zu geringen Fertigungstiefen. Ein grünes Smartphone werde von einer Firma aus Amsterdam verkauft, die aber nur die Idee liefere und sich alles Nötige an Leistungen einkaufe. Jemand habe die Idee für einen Ingwer-Gin und mache vom Sofa aus eine Marke daraus – ohne eigene Destille, schlank in den Markt gebracht. Übertragen auf die Industrie nimmt sich Schütte Autos als Beispiel vor: Ein Verbrennungsmotor für ein Fahrzeug benötige im Vergleich zu einem Elektromotor ein Fünffaches an Teilezulieferern. Die Vorteile lägen auf der Hand. Wer das nicht sehe, lebe Stillstand. Seine Botschaft an die Manager von morgen: Neue Wege denken – und das mit einer Führungskultur in den Firmen, die Fehler nicht bestraft, sondern als Chance für neues Lernen begreift.

Was aber passiert mit denen, die dem Kampf der Unternehmen um das Überleben mit dem ständigen Wandel nicht gewachsen sind? Wie steht es in Zukunft mit der Wahrung des sozialen Friedens – auch als Standortvorteil? Schütte bleibt da Sozialdarwinist: „Man kann nur den Kuchen verteilen, den man vorher auch gebacken hat.“ Er beschreibt die Konkurrenz der deutschen Arbeitnehmer zu den Menschen aus China, den baltischen Staaten und Polen, die wissensdurstig und gut ausgebildet einen besseren Lebensstandard erreichen wollen. Für ihn ist das schon heute Realität in der Arbeitswelt. Professor Uygun indes bereitet zurzeit ein Forschungsprojekt an der Jacobs University vor, dass sich mit den Gewinnern und Verlierern der neuen Revolution beschäftigen soll. Dabei geht es letztlich um die Frage, wie alle Menschen in der Arbeitswelt der Zukunft noch ­
ei­nen Platz mit einer sinnerfüllten Tätigkeit finden.

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