Busse und Bahnen stehen still

Warnstreik in Bremen: Das große Chaos bleibt aus

Wegen eines Warnstreiks hat der Nahverkehr in vielen Städten geruht. Auch die BSAG ist betroffen. Was passiert, wenn ein Unternehmen, das ständig in Bewegung ist, damit alles weitergeht, für einen Tag anhält?
30.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warnstreik in Bremen: Das große Chaos bleibt aus
Von Nico Schnurr
Warnstreik in Bremen: Das große Chaos bleibt aus

Am Dienstag haben die Busse und Bahnen in Bremen still gestanden. Der Warnstreik endet am Mittwochmorgen um 3 Uhr.

Christina Kuhaupt

Es dämmert, als Emre Ugur am Bremer Hauptbahnhof vorfährt. Kurz nach sechs Uhr, ziemlich früh für den Taxifahrer. Ugur, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat seinen Dienst zuletzt selten vor neun begonnen. Früher hätte es sich nicht gelohnt, kaum Fahrgäste. Genau genommen hat es sich auch nach neun nicht wirklich gelohnt, sagt Ugur, aber irgendwann muss man ja anfangen, wenn man nicht aufhören will mit seinem Job. Am Dienstag ist er nun einer der ersten Fahrer vor dem Hauptbahnhof. An diesem Morgen, ahnt Ugur, könnte es sich ausnahmsweise mal auszahlen, früh da zu sein, Corona hin, Corona her.

Am Dienstag haben die Busse und Bahnen geruht. Der Nahverkehr im Stillstand, nichts geht von 3 Uhr am Dienstag bis 3 Uhr am Mittwoch. Ein bundesweiter Warnstreik, zu dem Verdi aufgerufen hat. Die Gewerkschaft will ein Zeichen setzen, weil die Arbeitgeberverbände nicht über einen einheitlichen Tarifvertrag verhandeln wollen. Auch die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) ist vom Streik betroffen. Was passiert, wenn ein Unternehmen, das immer in Bewegung ist, damit alles weitergeht, für einen Tag anhält? Bricht dann das Chaos aus?

Ein guter Tag für Taxifahrer

Erst mal bricht gar nichts aus, außer gute Laune bei den Taxifahrern. Während hinter ihm ein Reinigungswagen über die leeren Schienen entlang der Haltestellen bürstet, erklärt Emre Ugur im Morgengrauen, warum nun alles besser wird, zumindest für einen Tag. Wenn Ugur über die zurückliegenden Monate spricht, erzählt er vor allem von Fahrgästen, die gefehlt haben: Geschäftsreisende, Touristen, Alte und Kranke, die zum Arzt müssen. „Die sind alle zu Hause geblieben, sechs Monate Katastrophe“, sagt er, „heute wird endlich eine Ausnahme.“ Der Taxifahrer behält recht. Es dauert nicht lange, da hat er schon eine ältere Frau zum Arzt gefahren und einen Arbeiter zu Daimler. „Was bleibt den Leuten auch anders übrig?“, fragt Ugur in seiner ersten Pause, „heute brauchen sie mich.“

Emre Ugur und seine Kollegen am Hauptbahnhof haben viel zu tun, aber natürlich fahren nun nicht alle Taxi. Viele Pendler, die am Morgen durch die Halle hasten, raus auf den Bahnhofsvorplatz, haben sich etwas anderes einfallen lassen. Man sieht Skateboards, die sich die Eilenden unter den Arm geklemmt haben. Einige schieben Fahrräder neben sich her, kleine Klappräder vor allem. Andere ziehen Roller durch den Bahnhof.

„Irgendwas musste ich mir ja überlegen“, sagt Gina, 22 Jahre alt. Um kurz nach 7 Uhr ist sie auf dem Weg in den Hauptbahnhof, sie will einen Zug nach Mahndorf nehmen. Weil sie von dort noch eine Viertelstunde zu ihrer Firma braucht, hat sie einen Roller dabei, ein Modell ohne Strom, bei dem man noch selbst Schwung holen muss. Ein altes Gerät, ewig nicht benutzt. Der Roller gehöre ihrem Freund und habe lange im Keller gestanden. Ihr Freund habe ihr vorgeschlagen, das Teil zu benutzen, erzählt Gina, als sie den Roller durch die Bahnhofshalle schiebt. „Ich habe das Angebot natürlich sofort angenommen“​, sagt sie, „damit ist das Problem für mich gelöst.“​

Auch auf den Straßen bleibt das befürchtete Chaos aus. Vielleicht sind die Bremer nach einem halben Jahr Pandemie einfach geübt darin, in Ausnahmesituationen entspannt zu bleiben. Vielleicht liegt es am Homeoffice, das noch immer viele nutzen. Vielleicht hat es auch mit den vielen Warnungen im Vorfeld zu tun. Im Bereich der Innenstadt kommt es am Dienstag jedenfalls nur selten zu Staus. Am Morgen ist auf den Straßen nicht viel mehr los als an jedem anderen Tag auch. Laut Straßen- und Verkehrsamt nimmt der Betrieb nur auf den Routen deutlich zu, die in die Stadt führen. Am Zubringer Überseestadt und auf der B6, Höhe Hohentor, habe man 20 Prozent mehr Fahrzeuge registriert, heißt es, „ansonsten alles sehr moderat“.

Feuerkörbe und ein Bengalo

Während am Dienstagmorgen also alle irgendwie an ihr Ziel kommen, auch ohne Bus und Bahn, steigt über dem Firmengelände der BSAG in der Neustadt Rauch auf. Jemand hat ein grünes Bengalo gezündet, daneben räuchern mehrere Feuerkörbe vor sich hin. Unter der Rauchwolke haben sich etwa 300 BSAG-Beschäftigte versammelt, manche tragen gelbe Warnwesten, andere die dunkelblaue Dienstkleidung. Alle haben Masken auf. Die Menge bildet einen Kreis, in der Mitte stehen zwei Typen mit einem Megafon.

Einer von ihnen ruft, es sei ein „historischer Tag“. Die Stimme von Gewerkschaftssekretär Franz Hartmann hallt aus dem Lautsprecher. Er fordert deutschlandweit zentrale Regelungen zu Urlaubstagen und Sonderzahlungen. Zuletzt habe jede Kommune mit ihrem Verkehrsbetrieb eigene Verträge abgeschlossen. Damit müsse Schluss sein. Es sei „respektlos“, dass sich die Arbeitgebervertreter darüber nicht mal unterhalten wollten, „eine Unverschämtheit“. Zustimmendes Johlen. Das Vertrauen in den Nahverkehr nehme nicht wegen eines Warnstreiks ab, sagt Hartmann, sondern weil die schlechten Arbeitsbedingungen dazu führten, dass die Busse und Bahnen sich verspäteten und die Fahrzeuge dreckig seien. Wieder Applaus von der Belegschaft.

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Dennis Stahmann, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der BSAG, greift sich das Megafon. Auch er kritisiert die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände. Deren Chef hatte den Streik einen „Anschlag auf die Allgemeinheit und die Wirtschaftlichkeit der kommunalen Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs“ genannt. „Wer einen Streik als Attentat bezeichnet, hat einiges mal so gar nicht begriffen“, sagt Stahmann. Er erwarte nun eine Reaktion von den Arbeitgeberverbänden. „Wir werden uns nicht so einfach abspeisen lassen“, ruft Stahmann, „wir sind bereit für weitere Streiktage in den nächsten Wochen.“ Jubel in der Neustadt. Und wahrscheinlich, sollten sie das hören, Jubel auch bei Emre Ugur und den anderen Taxifahrern vor dem Hauptbahnhof.

Info

Zur Sache

Bundesweit Behinderungen im Berufsverkehr

Viele Berufstätige haben sich am Dienstag nach anderen Verkehrsmöglichkeiten für den Weg zur Arbeit umsehen müssen: Busse und Bahnen standen wegen des bundesweiten Warnstreiks in zahlreichen Städten still. Mit den Warnstreiks will die Gewerkschaft Verdi bundesweite Verhandlungen über einen einheitlichen Tarifvertrag für die rund 87 000 Beschäftigten im ÖPNV durchsetzen. Derzeit werden in den 16 Bundesländern jeweils eigene Tarifverträge mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden ausgehandelt. Dabei haben sich aus Sicht der Gewerkschaft viele Regelungen auseinander entwickelt, etwa was Arbeits- und Urlaubszeiten angeht. Die Arbeitgeberseite hatte Verhandlungen über einen bundesweiten Tarifvertrag zuletzt mit der Begründung abgelehnt, dass bei den gleichzeitig stattfindenden regionalen Tarifverhandlungen die gleichen Themen behandelt würden.

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