Östliche Vorstadt

Warum Adolek Kohn in Auschwitz tanzt

Östliche Vorstadt. „Darf man das?“ Diese Frage stellt sich immer wieder, wenn es um die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten geht. Zwischen neuen, ungewöhnlichen Ansätzen der Erinnerungskultur und Missachtung der Opfer und ihres Leids liegt ein schmaler Grat.
02.03.2014, 00:00
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Von NINA HEINRICH
Warum Adolek Kohn in Auschwitz tanzt

„Jede Generation muss einen eigenen Zugang finden“: Marcus Meyer vom Denkort Bunker Valentin in der Friedenskirche.

Walter Gerbracht

„Darf man das?“ Diese Frage stellt sich immer wieder, wenn es um die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten geht. Zwischen neuen, ungewöhnlichen Ansätzen der Erinnerungskultur und Missachtung der Opfer und ihres Leids liegt ein schmaler Grat.

Bei einem Vortrag in der Friedenskirche widmete sich Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker Valentin, vor 50 Zuhörern der Frage, was Gedenkstätten heute beim Thema Erinnerungskultur leisten können und sollen. Er zeigte das kurze Video „Dancing Auschwitz“ der australischen Künstlerin Jane Korman. Es zeigt ihren Vater Adolek Kohn, einen Auschwitz-Überlebenden, der gemeinsam mit seinen Kindern und den jugendlichen Enkelkindern an Orten der Nazi-Verbrechen tanzt – zu dem Lied „I will survive“ (wörtlich: Ich werde es überleben) von Gloria Gaynor. Adolek Kohn trägt in dem Video ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Survivor“ (Überlebender).

„Ich wusste nach dem ersten Sehen nicht, was ich davon halten soll“, sagte Marcus Meyer. „Das Video hat mich irritiert und es hat mich zum Nachdenken gebracht.“ Für den Historiker bedeutet Nachdenken etwas anderes als das Nachahmen von Formen des ritualisierten Erinnerns, von denen manche, vor allem Jugendliche, gar nicht mehr wüssten, warum sie etabliert sind. „Jede Generation hat das Recht, aber auch die Pflicht, einen eigenen Zugang zu den Geschehnissen zu finden und eine eigene Haltung zu entwickeln“, betont Meyer. Dies sei die Voraussetzung für die „Ausbildung eines kritischen Geschichtsbewusstseins“.

Ältere täten sich oft schwer, die Kontrolle über die Deutung der Geschichte abzugeben, weiß der Wissenschaftler. Mit „Dancing Auschwitz“ habe die Künstlerin eine neue Form der Auseinandersetzung gefunden, die stark von der Persönlichkeit ihres Vaters geprägt sei. „Für Adolek ist Tanzen sein Leben.“ Jane Korman gehe es also nicht um die Provokation, die das Tanzen auf diesem historischen Boden darstellt, sondern um ein persönliches Statement zur Lebensgeschichte ihres Vaters.

In der pädagogischen Arbeit am Bunker Valentin bemühen sich Marcus Meyer und sein Team vor allem um Jugendliche. Diese Generation habe viele Fragen zum Nationalsozialismus, obwohl ihr oft mangelndes Interesse unterstellt würde, erzählte er in der Friedensgemeinde, in der gerade eine von deutschen und israelischen Jugendlichen zusammengestellte Ausstellung über den U-Boot-Bunker Valentin zu sehen ist. Besuche von Schulklassen beginnen an dem Denkort in Farge häufig mit Bildern, die Szenen aus dem Krieg, aber auch aus der Nachkriegszeit und von verschiedenen Orten zeigen. Die Jugendlichen sollen sich ein Bild aussuchen und ihre Wahl begründen. „Viele nehmen ein Bild von Auschwitz und sagen, darüber wollten sie heute nichts hören.“ Ziel sei es, über die Fragen zu sprechen, die die Jugendlichen mitbringen. „Wir müssen aufpassen, dass wir keine Fragen beantworten, die gar nicht gestellt wurden.“

Auch Stolpersteine sind eine Form des Gedenkens. Bei den aktuellen Terminen haben sich Änderungen ergeben: Gunter Demnig verlegt die ersten der 16 neuen Steine am Montag, 3. März, um 9 Uhr in der Frühlingstraße 12 für Ruth und Julius Kaufmann, die nächsten aber bereits um 9.30 Uhr für Ewald Nöhre, Grünebergstraße 12, gegen 10 Uhr für Julius Platzer, Weges-ende 5, gegen 10.30 Uhr für Ernst Buchholz, Am Wall 149 und gegen 11 Uhr Am Wall 164 für Bianca und Friedrich Martens. Die übrigen Termine sind die am Donnerstag genannten. Barbara Johr ist, anders als erwähnt, nicht die Vorsitzende, sondern Mitglied des Vereins Erinnern für die Zukunft. Nähere Informationen im Internet unter www.lzbp-bremen.de und auf der Website www.erinnernfuerdiezukunft.de.

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