Dossier über Bremen-Nord

Warum Blumenthal Heimat ist

Geboren und aufgewachsen in Blumenthal – im nördlichsten Teil des Bremer Nordens. Für Ina Bullwinkel war das etwas Besonderes. Warum, erzählt sie in einer Reportage über ihre Heimat.
06.01.2018, 12:00
Lesedauer: 13 Min
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Warum Blumenthal Heimat ist
Von Ina Bullwinkel
Warum Blumenthal Heimat ist

Blick auf den Marktplatz in Blumenthal.

Sebi Berens

Der nördlichste Stadtteil im Bremer Norden hat keinen guten Ruf – wie Bremen-Nord im Allgemeinen. Wer hier wohnt, ist fast 25 Kilometer vom Zentrum entfernt und damit weit draußen. Statt ländlicher Idylle klebt an der Gegend das Image eines sozialen Brennpunkts. Blumenthal gilt als Gefahrenzone, die man besser meidet. Manche Straßennamen werden nur mit gerümpfter Nase ausgesprochen – als Synonym für Verfall und Verwahrlosung. Für alles, was dort in den vergangenen Jahrzehnten schiefgelaufen ist. Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Leerstand. „Hier will doch keiner wohnen“, hört man von den Menschen in Blumenthal – auch von denen, die dort gern leben. Sie bedauern, dass ihre Heimat so schlecht dasteht. Und häufig noch schlechter gemacht wird, als sie ist.

Nostalgie

Ursula Palme hat zwei Listen gemacht. Eine mit den positiven und eine mit den negativen Dingen ihrer Heimat. Die 82-Jährige sitzt am Esstisch in dem Haus, das sie seit 60 Jahren bewohnt, in dem Stadtteil, den sie seit Kindestagen kennt. Dort, nahe dem Schulzentrum Eggestedter Straße, wohnt sie mit ihrem Mann Heinz. Die Siedlung ist ruhig. Reihen- und Einfamilienhäuser, Vorgärten mit kleinen Windmühlen – hier scheint Blumenthal noch in Ordnung. Ursula Palme setzt ihre Lesebrille auf und nimmt sich ihre Notizen vor. Erfreut berichtet sie von sanierten Schulen, neuen Ampeln und Straßen. Zwölf Jahre war sie Mitglied im Blumenthaler Beirat. Bei den öffentlichen Sitzungen ist sie auch heute noch regelmäßig zu Gast, mit Ortsamtsleiter Peter Nowack ist sie per Du. Sie kennt viele Menschen, weiß, was in ihrem Ort vor sich geht. „Das ist meine Heimat. Hier habe ich meine Familie und Freunde.“ Mit ihrem Mann ist sie Mitglied in zwei Kegelklubs, sie engagiert sich in der Kirchengemeinde, organisiert Feste in der Siedlung. „Ich möchte nicht verpflanzt werden.“

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Die Mühlenstraße im Dezember 1982: Weihnachtsbeleuchtung und Leben in der Straße.

Foto: Sebi Berens

Nun nimmt sie sich die Liste mit den negativen Dingen vor. „Viele Familien sind abgewandert“, sagt sie. „Wir brauchen mehr junge Menschen. Sonst ist Blumenthal irgendwann nur noch ein Altersheim.“ Außerdem gebe es nicht genug Arbeitsplätze, die Post sei geschlossen, das Rathaus stehe leer, am Marktplatz seien keine Geschäfte mehr. Die Liste ist lang, und jeder Punkt scheint die gerade noch muntere Frau zu trüben. „Wenn wir im Beirat nicht aufgepasst hätten, würden wir nur noch Spielotheken haben“, sagt sie. Heinz Palme öffnet die Tür zum Wohnzimmer. Der 84-Jährige hat ein paar Ordner mit alten Zeitungsausschnitten aus dem Keller geholt – und damit viele Erinnerungen: Straßenfeste, Proteste gegen die Schließung des Freibads, Menschenströme, die beim Schichtwechsel der Bremer Woll-Kämmerei in Richtung Marktplatz ziehen. „Da war Leben in der Bude“, sagt er beim Blick auf die vergilbten Zeitungsseiten. Heute sei das anders.

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Der gleiche Blick in die Mühlenstraße – 35 Jahre später.

Foto: Sebi Berens

Das Dahinsiechen der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) in den Nullerjahren läutete für viele den Strukturwandel ein. Ursula Palme erinnert sich noch, an welcher Straßenecke man den säuerlichen Geruch des Wollfetts besonders stark riechen konnte: unten an der Kreuzung zwischen Kirche und Wätjens Park. Heute liegt davon nichts mehr in der Luft. Von dem einstigen Weltkonzern mit fast 5000 Beschäftigten ist kaum etwas zu spüren. Übrig geblieben ist der Charme in die Jahre gekommener Industriegebäude. Investoren werden gesucht. Ein paar der Schornsteine stehen noch, das Kopfsteinpflaster ist dasselbe. Inzwischen haben sich einige neue Firmen angesiedelt, aber die Menschenströme bleiben aus. An sie erinnern die Wohnungen der Arbeiter. Ein paar Hundert Meter vom ehemaligen Werkseingang die Hauptstraße rauf, am Marktplatz vorbei, dann rechts rein. Diesen Weg in die George-Albrecht-Straße, haben bis in die 1980er-Jahre täglich Hunderte Arbeiter genommen. Dort steht ein Komplex aus rotem Klinker. Er war ihr Zuhause. Toiletten auf dem Gang, Gemeinschaftsduschen im Keller. Ein simples Leben.

„Man vermisst die alten Tage“

Auch Mustafa Cici und Kamber Acik haben dort gewohnt. Bis sie elf Jahre alt waren, wuchsen die beiden bei ihren Großeltern in der Türkei auf, während ihre Eltern in Deutschland waren. Ein Militärputsch 1980 habe vielen Türken angst gemacht, sagt Acik. „Da haben die Eltern gesagt: Die holen wir jetzt her.“ Dann kamen sie nach Blumenthal, und die George-Albrecht-Straße wurde ihr Zuhause. Die heute 48-Jährigen wurden erst Nachbarn und dann Freunde. Ihre Väter haben in der Woll-Kämmerei gearbeitet, sie spielten Fußball im Hof. Gern erinnern sie sich an damals. Am Tisch eines Dönerrestaurants, nur wenige Meter von ihrem früheren Zuhause entfernt, fangen sie an zu erzählen. „Man vermisst die alten Tage“, sagt Cici. „Wir haben nur aus dem Fenster geguckt, haben gesehen, die spielen Fußball, und los!“, platzt Acik heraus. „Wir haben eine Fahrradtour gemacht und sind ins Schwimmbad am Bockhorner Weg gefahren. Das war eine schöne Zeit“, sagt er und schmunzelt. Cici und Acik erinnern sich, wie sie das Geld, das sie zum Opferfest geschenkt bekommen hatten, sofort in Pommes an der Straßenecke investierten. Wie sie am Kiosk Bonschen kauften und später, als sie älter waren, mit dem Auto zum Steintor im Viertel fuhren, um türkisch zu essen. „Das war immer ein Highlight“, sagt Acik. „Türkische Restaurants gab es damals nur da.“

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Ältere Herren spielen Okey im Deutsch-Türkischen Kulturverein in der Mühlenstraße.

Foto: Sebi Berens

Die Jungs sind durch die Gegend gezogen, die Väter haben Wolle gekämmt. Die Gastarbeiter, die keine Gäste waren, schoben Zwölf-Stunden-Schichten, schwitzten bei 40 Grad in den vollgedampften Hallen und wischten sich Staub aus dem Gesicht. Sie wollten ein paar Jahre lang Geld verdienen und dann zurück in die Türkei.

Genauso wie Mustafa Sezgin. Der heute 76-Jährige sitzt ebenfalls am Tisch. 1973 ist er nach Blumenthal gekommen – erst einmal für ein paar Jahre. Die erste Generation, wie er sich nennt, wollte immer zurück in die Heimat. Doch auch Sezgins Kinder sind im Bremer Norden aufgewachsen, und die möchten nicht weg. Einen Teil des Jahres verbringt er bei seinem Sohn, den anderen in seiner Wohnung in Istanbul. Cici versteht den Zwiespalt. „Auch in der Heimat ist man fremd“, sagt er und meint die Türkei, in die seine Eltern mittlerweile zurückgekehrt sind. Heimat sei für ihn dort, wo er sein Umfeld habe. „In Blumenthal habe ich die meisten Freunde.“ Nicht nur er, auch Blumenthal habe sich verändert. „Die Kapitän-Dallmann-Straße kam mir früher wie der Freimarkt vor.“ In der Straße, die von der George-Albrecht-Straße zum Marktplatz führt, sei immer viel los gewesen. „Da waren viele Menschen, es gab viele Läden. Jetzt hat das abgenommen“, sagt Cici. Stellenweise sehe man niemanden auf der Straße.

Umbruch

In Blumenthal ist in den vergangenen Jahrzehnten etwas kaputt gegangen, das keiner aufgefangen hat. Das Gesicht des Quartiers hat sich verändert. Der Stadtteil hat Falten und Risse bekommen. Nach der Schließung der Bremer Woll-Kämmerei haben viele ihre Arbeit verloren. Sie wurden ausbezahlt und sind frühzeitig in Rente gegangen, manche sind weggezogen. Werften in der Region, wie der Bremer Vulkan, sind pleite gegangen. Es gab einen Strukturwandel. Die Kaufkraft schwand.

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Abdelmajid ist aus Marokko geflohen und will in Blumenthal seine Heimat finden.

Foto: Sebi Berens

In die Arkaden des ehemaligen Kämmerei-Geländes ist das Ortsamt gezogen. Sein Leiter, Peter Nowack, sitzt hinter einem kleinen Schreibtisch. Auf der Fensterbank stehen Modellautos, auf die weiße Raufasertapete hat jemand eine große Werderraute gemalt. „Vor 25 Jahren war Blumenthal ein blühender Stadtteil“, sagt Nowack. „Aber das kommt nicht wieder.“ Geht es darum, was nicht wieder kommt, geht es meistens um die Geschäfte in der Mühlenstraße. An der Ecke, an der sich Cici und Acik als Kinder ihre Pommes holten, herrscht heute Leerstand. Die Straße, die hinter dem Marktplatz beginnt und sich über fast zwei Kilometer in den Norden zieht, war einmal die Haupteinkaufsstraße. Verblasste Schilder über leeren Schaufenstern zeugen von dem, was hier einmal war. Die Mühlenstraße mit ihren Fachgeschäften und kleinen Boutiquen war ein Magnet. Heute hat sie ihre Anziehungskraft verloren. Ein paar Geschäfte haben sich gehalten – sie kann man an einer Hand abzählen. Ein paar neue sind dazu gekommen, sie passen an die andere Hand.

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Das Bastelgeschäft Pfaff mit gefülltem Schaufenster und Beleuchtung im Jahr 1983...

Foto: Sebi Berens

„Wir sind im Umschwung, es passiert was“, hält Ortsamtsleiter Peter Nowack dagegen. Er könne es nicht mehr hören, wenn die Menschen dem alten Blumenthal nachweinen. „Ich male ein Bild von Blumenthal in der Zukunft.“ Nowack hat Visionen. Die Vergangenheit kann man nicht zurückholen, dafür aber Investoren. Er träumt von Luxussanierungen der leer stehenden Wohnungen in der Mühlenstraße und von großen Automobilherstellern, die sich ansiedeln. 2010 wurde er zum Chef des Ortsamts gewählt. Seitdem versucht er, den Stadtteil mit Engagement und markigen Sprüchen auf die Agenda des Senats zu bringen. „Da wo wir sind, ist vorne“, sagt er, und man möchte ihm glauben.

Anderer Tag, gleicher Ort. Die Mühlenstraße ist ruhig – wie gewohnt. Ein paar Männer verschwinden hinter einer Glastür. Kein Schild über dem Eingang, Gardinen versperren die Sicht. Ein junger Mann geht vorbei. Ob er weiß, was das hier ist? Er lacht. „Ein Café. Die spielen Karten und so.“

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...und leer stehend im Jahr 2017.

Foto: Sebi Berens

Jeder kennt hier jeden

Hinter der Glastür verbirgt sich ein verqualmter Raum. Männer sitzen um die im Raum verteilten Tische und spielen Okey – ein türkisches Spiel. Ihre Jacken haben sie nicht ausgezogen. Als wären sie gerade gekommen, und wollten gleich wieder gehen. Die einzige Frau im Raum steht hinter dem Tresen und bereitet Tee vor. Auf dem Fernseher an der Wand läuft türkisches Fernsehen. Die Männer haben Aschenbecher, Teegläser und die Bänke mit Spielsteinen wie ein kleines Fort vor sich aufgebaut. Jeder scheint hier jeden zu kennen, neue Leute fallen auf. Ein Mann, Schnurrbart, dunkle Jacke, stellt sich vor. Arjan heiße er. Sein voller Name? „Nur Arjan.“ Er spielt diese Runde nicht mit, schaut nur zu und raucht. „Das sind alles Rentner hier“, erklärt Arjan. Er sei gerade von der Arbeit gekommen. „Geduscht. Gegessen. Dann hier her.“ Er lebt seit 30 Jahren in Blumenthal. Die Veränderung in der Mühlenstraße kommentiert er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Es ist schlimm geworden“, sagt er und schüttelt den Kopf. Zum Einkaufen und Essen gehen fahre er lieber in die Stadt. „Die Mühlenstraße ist tot.“ In Blumenthal könne man zwar gut leben, aber es gebe zu viele Arbeitslose. Regelmäßig geht der 51-Jährige zu den Zwangsversteigerungen im Blumenthaler Amtsgericht. Drei Häuser hat er schon ersteigert. In der Mühlenstraße hat er bisher nicht investiert.

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Marcus Pfeiff und Hans-Gerd Thormeier sind die Gesichter der „Initiative Alt-Blumenthal“.

Foto: Sebi Berens

Diskussionen im Beirat, den Bebauungsplan der Mühlenstraße zu ändern, haben bisher zu nichts geführt. Das Erdgeschoss der Geschäftshäuser soll auch als Wohnraum genutzt werden dürfen. So will man den schwarzen Löchern des Leerstands entgegenwirken. Doch immer wieder scheitern solche Ideen an der Zuständigkeit. Das unter Denkmalschutz stehende Rathaus wird seit Mitte 2016 nicht mehr genutzt. Hier soll vielleicht die Polizei einziehen, vielleicht auch nicht. Auch für die Sanierung des alten Sortiergebäudes auf dem BWK-Gelände hat bislang kein Ressort die Verantwortung übernommen, sagt Nowack. „Das macht das Ganze schwierig.“

Die Politik reagiert spät

Oft entsteht der Eindruck, dass ohne private Investoren nichts passiert: Firmen sollen Häuser in der Mühlenstraße sanieren, sich auf dem alten BWK-Gelände niederlassen und neuen Wohnraum schaffen. Die Politik reagiert spät auf die Umbrüche. Gerade wird ein Kindergarten gebaut, der schon lange gebraucht wird. Eltern fahren ihren Nachwuchs quer durch die Stadt oder lassen ihn zu Hause.

„Vor drei Jahren ist man bei Blumenthal noch von einem schrumpfenden Stadtteil ausgegangen“, sagt der Senatsbeauftragte für den Bremer Norden, Martin Prange. Er spricht von stürmischen Prozessen. Und tatsächlich hat sich etwas verändert. „In den vergangenen zweieinhalb Jahren gab es immense Zuwüchse“, sagt Prange. Die Bevölkerung im Stadtteil wächst. Hinter dem schweren Besprechungstisch in seinem Büro der Senatskanzlei hängen große Grafiken an der Wand. Jeder Balken darauf steht für die Einwohnerzahlen eines Stadtteils. Prange läuft um den Tisch und tippt auf einen von ihnen. Blumenthal wachse stärker als die meisten anderen.

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Ruth Johann (Mitte), Sabine Meyer (rechts) und Uschi Herze treffen sich donnerstags zum Frauencafé im Nunatak.

Foto: Sebi Berens

Von seinem Schreibtisch am anderen Ende des Raums erklingt ein Signalton. Eine neue E-Mail. Prange hat viel zu tun. Das versprochene Konzept für die Stadtentwicklung Bremen-Nords musste er wiederholt nach hinten schieben. Haushaltsberatungen und andere Probleme seien dringender gewesen. „Ich kann die Ungeduld der Menschen verstehen, ich bin selbst ungeduldig.“ In Regionen wie Blumenthal, die massive Strukturumbrüche erfahren haben, könne man nicht mit einem Knopfdruck alles wieder umkehren.

Die große Hoffnung

Im Zeitraum von Januar 2015 bis September 2017 sind so viele Menschen nach Blumenthal gekommen wie lange nicht mehr. Freie Wohnungen und leer stehende Unterkünfte haben vor allem Geflüchteten eine neue Heimat geboten. „Die große Herausforderung für die kommenden zwei bis drei Jahre ist, dass die vielen Menschen, die es gibt, ordentlich ankommen.“

In Jennifer Franks Büro kommen viele an. An der Wand kleben ausgemalte Hello-Kitty-Bilder – Geschenke der Kinder, die im Übergangswohnheim untergekommen sind. Es gibt Betten für 120 Menschen, die Hälfte davon ist belegt. „Da wir Mütter mit Kindern in Vierbettzimmern unterbringen, gibt es keine perfekte Auslastung“, sagt Frank. Geflüchtete aus neun Nationen leben hier unter einem Dach. Sie alle suchen eine Wohnung. Ein Zuhause. Am schwierigsten sei es, alleinstehende junge Männer zu vermitteln, meint Frank. Einer von ihnen ist der 27-jährige Abdelmajid. Sein Heimatdorf in Marokko hat er hinter sich gelassen. Er hätte gehört, dass es in Europa sicher sein soll. Zuerst war er in Italien und lebte dort sieben Monate auf der Straße. Dann ist er nach Deutschland gekommen. Abdelmajid antwortet auf Arabisch.

Er kann ein bisschen Deutsch verstehen, aber ein langes Interview ist noch zu schwer. Eine Mitarbeiterin aus dem Heim übersetzt. „Die Zukunft meiner Kinder kann ich mir nicht in Marokko vorstellen“, sagt er. „Das Leben dort ist unter Null.“ Noch ist nicht sicher, ob Abdelmajid in Deutschland bleiben darf. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er gern in Blumenthal wohnen. „Hier kenne ich mich aus. Blumenthal ist zu meinem Stadtteil geworden.“ Er fühle sich wohl und habe Freunde gefunden. „Selbst, wenn ich ein Loser bin, weiß ich, dass es meinen Kindern hier einmal besser geht.“ Abdelmajid möchte ankommen. Blumenthal soll seine Heimat werden.

„Ein Stadtteil muss einen Marktplatz haben und ein Rathaus“

Am Marktplatz, schräg gegenüber der Schuldnerberatung und der Lebenshilfe, brennt Licht. In einem ehemaligen Geschäftsraum mit alten Schaufenstern ist das Nunatak untergekommen, ein kultureller Treffpunkt. Ruth Johann, die Haare mit einem breiten Band zurückgebunden, stellt Kekse und Teelichte auf die Tische und holt große Kisten mit Wolle hervor. Jeden Donnerstag kommt sie her – zum Frauencafé. Stricken, häkeln, Kaffee trinken und über Blumenthal sprechen. „Ein Stadtteil muss einen Marktplatz haben und ein Rathaus“, sagt Johann. Der Marktplatz werde kaum genutzt, und den Wochenmarkt gebe es seit ein paar Monaten nicht mehr. Die 67-Jährige wünscht sich mehr Aktionen, mehr Leben. „Es soll unser Kiez werden.“ Draußen ist es jetzt dunkel. Vor dem Laden fahren zwei Kinder auf zu großen Fahrrädern vorbei und lachen. Blumenthal sei ihr Stadtzentrum und der Ort, an dem sie Leute treffen möchte.

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Das alte Rathaus, ein Herzstück Blumenthals, steht seit mehr als einem Jahr leer.

Foto: Sebi Berens

Ein paar Stunden später, als das Licht im Nunatak gelöscht ist, schlendern Hans-Gerd Thormeier und Marcus Pfeiff über den ansonsten menschenleeren Marktplatz. „Hier tut sich was“, lautet der Slogan ihrer Initiative Alt-Blumenthal. Auch sie möchten zeigen, dass das Quartier lebenswert ist. Sie sähen, dass sich etwas ändert, sagen die Freizeitpolitiker Thormeier und Pfeiff. Beide sind Mitglieder im Blumenthaler Beirat – Thormeier für die CDU, Pfeiff für die SPD. Freunde sind sie seit mehr als zehn Jahren. Sie biegen in die Emmalene-Bulling-Straße, die früher ein Teil der George-Albrecht-Straße war. Vor den alten Meisterwohnungen der Woll-Kämmerei machen sie halt. Die Häuser haben vor kurzem einen neuen Anstrich bekommen. „Momentan tut sich hier eine ganze Menge Positives. Das muss man mal herausstellen“, sagt Thormeier. Er erwähnt den neuen Busbahnhof und den Wunsch, das verlassene Rathaus mit Leben zu füllen. Pfeiff erinnert an die Fehler, die gemacht wurden. „In Blumenthal hätte man für mehr Bauland sorgen müssen“, sagt er. Die Menschen hätten auch hier wohnen und bauen können – und nicht nur im nahen niedersächsischen Umland.

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Heinz und Ursula Palme schauen sich in ihrem Haus nahe der Eggestedter Schule alte Zeitungsartikel über Blumenthal an.

Foto: Sebi Berens

„Blumenthal ist auch Heimat“, heißt es im Flyer der Bremer Handelskammer, die Ende November zum Dialogforum geladen hat. „Auch“ – das Wort schmerzt. Denn davor stehen die Probleme: strukturelle Defizite, fehlende Arbeitsplätze, Überalterung und Fortzug. Bei dem Forum soll es wieder einmal um die Zukunft des Stadtteils gehen.

Es soll sich endlich etwas tun

Umbruch oder Aufbruch. Der Name ist egal. Jedenfalls soll sich endlich etwas tun. Das hört man von allen Seiten: vom Ortsamt, aus dem Beirat, vom Bremen-Nord-Beauftragten, von den Ladeninhabern und den Blumenthalern selbst. Und es bewegt sich tatsächlich etwas. Der Busbahnhof wurde saniert, ein neuer Kindergarten entsteht, neue Wohnungen sind geplant. Die Politik reagiert. So scheint es. Doch schon vor mehr als einem Jahr hat Guido Nischwitz vom Institut für Arbeit und Wirtschaft eine Analyse und einen Katalog mit Vorschlägen für Bremen-Nord vorgelegt. Jetzt steht er mit den gleichen Ergebnissen wieder da. Blickt auf lange Tische und in ebenso lange Gesichter.

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Mustafa Sezgin, Mustafa Cici und Harun Sapmaz (von links) treffen sich im Dönerrestaurant.

Foto: Sebi Berens

Nischwitz sieht „keinen Mangel an Konzepten und Gesprächsrunden.“ Die Probleme seien seit Langem bekannt. Aber sie hätten sich verschärft. Der Wissenschaftler macht auch die Politik dafür verantwortlich. Ja, Blumenthal wachse. „Doch das Wachstum in Blumenthal stammt vor allem aus der Auslandszuwanderung.“ Eine große Herausforderung für einen ohnehin gebeutelten Stadtteil. Eine langfristige Strategie müsse her.

Ortsamtsleiter Nowack, an diesem Abend in dunkelroten Lackschuhen, stellt sich ebenfalls den ernsten Mienen. Nowack gibt Nischwitz recht. Ihn ermüdeten die immer gleichen Gesprächskreise. „Den Ressorts fehlt Kreativität.“ Auf keinen Fall wolle er noch eine Hochglanzbroschüre drucken, die in seinem Büro vergammelt. Blumenthal hat er nicht aufgegeben. Nowack redet schnell und atmet wenig. „Wenn ich fertig bin, möchte ich, dass Leute wieder gerne nach Blumenthal ziehen.“ Denn Blumenthal ist Heimat. Und die lässt einen nicht los.

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