Bremer wird bester Ökobauer Deutschlands Warum der Blockland-Biohof die Jury überzeugte

Der Biohof der Kaemenas im Blockland ist beliebt. Grund ist vor allem das Eis, das die Familie aus der Milch der eigenen Kühe herstellt. Für seine innovativen Ideen ist der Hof jetzt ausgezeichnet worden.
21.01.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Nikolai Fritzsche und Kathrin Aldenhoff

Der Biohof der Kaemenas im Blockland ist beliebt. Grund ist vor allem das Eis, das die Familie aus der Milch der eigenen Kühe herstellt. Für seine innovativen Ideen ist der Hof jetzt ausgezeichnet worden.

Noch ist es ruhig auf dem Hof der Kaemenas. Verschneit liegen das Wohnhaus und die Kuhställe im Blockland, die Eisdiele ist geschlossen, Touristen im Winter sind selten. Nur ein Traktor brummt, ab und zu muht eine Kuh, auf den ersten Blick ist kein Mensch zu sehen. Die Kaemenas sind ausgeflogen, die ganze Familie ist in Berlin – bis auf Frauke Kaemena-Murken, die Tochter von Bernhard und Heike Kaemena. Die 31-Jährige hält hier die Stellung, kümmert sich um die Tiere, nimmt Anrufe entgegen.

Erster Bremer Biohof, der für ökologischen Landbau prämiert wird

Es wird nicht mehr lange ruhig bleiben, denn der Hof Kaemena hat den Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau gewonnen. Und am Sonntag öffnet die Familie ihren Hof von 13 bis 17 Uhr für Gäste, zur Feier der Preisverleihung. Auf der Grünen Woche, der Ernährungs- und Landwirtschaftsmesse in Berlin, bekam die Familie am Donnerstag den Preis verliehen – als einer von drei landwirtschaftlichen Betrieben. Und als der erste Bremer Biobetrieb, der in den 15 Jahren, die es den Preis schon gibt, diese Auszeichnung erhält. Für ihr Konzept ist die Familie Kaemena ausgezeichnet worden – für ihre innovativen Ideen. Und zu denen zählt das Eis.

Mit 48 anderen deutschen Biobetrieben hatten sich die Kaemenas beim Bundeslandwirtschaftsministerium um die Auszeichnung Ökologischer Landbau 2016 beworben. Im August waren die Juroren aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, von der Bundesanstalt für Landwirtschaft, vom Naturschutzbund Nabu und anderen Institutionen auf dem Hof, sahen sich um, stellten Fragen. Nun ist klar: Sie haben gewonnen. Ein Preisgeld von 7500 Euro, Lob und Anerkennung für ihr Konzept und eine große Portion Aufmerksamkeit.

„Durch die Dialogbereitschaft von Jung und Alt ist ein innovatives Betriebskonzept entstanden“, sagte Jurymitglied Christina Zurek vom Hamburger Verein Ökomarkt in Berlin. „In Zeiten, in denen viele Bio-Betriebe um die Nachfolge ringen, ist das ein wichtiges Beispiel.“ Auf dem Hof im Blockland leben vier Generationen: die Großeltern Bernhard und Dotti, die Eltern Bernhard und Heike, ihr Sohn Harje und seine Frau Birte, und ihre beiden Kinder, die Zwillinge Jost Laurent und Thade Bent.

Harjes Schwester Frauke, die auf den Hof aufpasst, während die anderen in Berlin sind, lebt inzwischen mit Mann und Kind auf einem Hof in Lilienthal. Drei Ponys hat sie dort, sie gibt Kindern Reitstunden. Ihr Vater Bernhard Kaemena hatte 2003 als einer der ersten landwirtschaftlichen Betriebe in Bremen auf ökologischen Landbau umgestellt. Seine Frau Heike sagte in Berlin, der Preis vom Bundeslandwirtschaftsminister sei „eine riesige Auszeichnung und die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind“.

Sechs Blockland-Höfe folgen dem Beispiel

Ihr Sohn Harje ergänzte: „Wir zeigen gerne unseren ganzen Betrieb. Wir freuen uns, wenn Gäste nicht nur Eis bei uns essen, sondern auch zu den Kühen in den Stall gehen.“ Die Begegnung mit den Tieren stärke das Bewusstsein dafür, dass die Milch von Tieren gemacht werde. Und die verdienten eine gute Behandlung. Das gefiel auch der Jury: „Größtmögliche Transparenz in der Produktion wird hier alltäglich gelebt“, sagte Zurek. „Auf dem Hof Kaemena ist jeder Tag ein Tag der offenen Tür.“ Was das bedeutet, zeigte den Gästen der Preisverleihung ein kurzer Film: große und kleine Bremer, die Kühe streicheln und beim Melken zusehen.

Die Jury würdigte auch, dass der Hof Kaemena zum Vorbild für andere wurde. Sechs weitere Milchviehbetriebe seien dem Beispiel der Kaemenas gefolgt, so dass inzwischen knapp 600 Hektar im Blockland ökologisch bewirtschaftet würden. Auch deshalb lobte der für die Landwirtschaft zuständige Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) die Kaemenas als „Eckpfeiler“ der Bemühungen Bremens, zur Bio-Stadt zu werden. „Die einzige Sorge, die ich habe, ist, wie sie den Andrang bewältigen, wenn jetzt noch mehr Leute zu ihnen kommen“, scherzte Lohse.

Nicht nur Kaemenas und Senator Lohse freuen sich über den Preis. Das Agrarpolitische Bündnis Bremen schickt am Donnerstag eine Pressemitteilung: Peter Bargfrede von der Bremer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft sieht in der Auszeichnung eine Bestätigung für die Chancen des Ökolandbaus in Bremen. Und er fordert, der Preis solle Anlass sein, das Projekt Bio-Stadt Bremen „endlich auf solide finanzielle Füße zu stellen“. „Wir erwarten jetzt vom Bremer Senat und von Senator Joachim Lohse klare Zusagen für die personelle und finanzielle Absicherung der Bio-Stadt Bremen.“

Was den Biohof der Kaemenas bei den Bremern und anderen Gästen so beliebt macht, ist vor allem das Eis. Und das kam auf den Hof, als Harje Kaemena seinen Eltern nach seiner kaufmännischen Ausbildung eröffnete, in die Landwirtschaft einsteigen zu wollen. „Also brauchten wir ein zusätzliches Geschäftsfeld“, erzählt Vater Bernhard. „Da haben wir uns entschieden, die Produkte des Hofs weiterzuverarbeiten.“ Seitdem gibt es auf Hof Kaemena Eis zu kaufen. Ökologische Landwirtschaft, deren Produkte ganz ohne Transport auskommen – auch das beeindruckte die Jury.

38 verschiedene Eissorten

Einen Teil der Milch liefert die Familie an die Hofmolkerei Dehlwes in Lilienthal, einen Teil verarbeiten sie selbst. Zu Käse, und vor allem zu Eis. 38 Sorten gibt es zur Auswahl, zum Eis machen verwendet die Familie nur die Milch der eigenen Kühe. 30 000 Kilogramm Bio-Eis stellen sie jedes Jahr her. Zwei Drittel davon verkaufen sie in der eigenen Eisdiele, der Rest geht an Restaurants und Bioläden.

Im Stall stehen 120 Kühe und Kälber; 65 von ihnen sind Milchkühe, die anderen weibliche Kälber. Die männlichen Tiere müssen den Hof nämlich im Alter von zwei Wochen verlassen, nur die weiblichen Kälber bleiben, weil aus ihnen Milchkühe werden. Drei Jahre werden sie großgezogen, bis sie das erste Mal belegt werden – so nennt man das in der Landwirtschaft, wenn eine Kuh gedeckt oder besamt wird.

In kleinen Gruppen, dem Alter nach geordnet, stehen die Kälber in ihren Holzverschlägen, springen auf dem Heu herum, schlecken Frauke Kaemena-Murkens Hände ab, sobald die in ihre Nähe kommen. Ein weißes Kälbchen mit schwarzen Flecken ist besonders stürmisch, Gina steht auf ihrer Ohrmarke. Frauke Kaemena-Murken erzählt, dass die Mutter von Gina eine sehr gute Kuh sei. Eine Kuh die sich durchsetze, hartnäckig sei, einen guten Charakter habe. Kühe mit schlechtem Charakter brauchen sie auf dem Hof nicht, bei den vielen Gästen, die hier herumlaufen.

Jetzt im Winter stehen die Tiere im Stall, werden mit Silo gefüttert, morgens und abends gemolken. Im Sommer sind die Tiere ständig auf der Weide, kommen sie nur zum Melken in den Stall. Dann haben die Kaemenas auch viel mit der Eisdiele zu tun, mit den Gästen aus den Ferienwohnungen, die sie vermieten, mit den Schulklassen und Besuchergruppen, die sie regelmäßig über den Hof führen.

Es werden noch mehr werden, nun wo der Familienhof den Preis gewonnen hat. Ja, sagt Frauke Kaemena-Murken. Das werde große Auswirkungen haben, Presse und Touristen anziehen. Als sie das sagt, sieht sie so aus, als ob sie ganz froh ist, sich auf den eigenen Hof zurückziehen zu können, wenn ihr der Trubel zu viel wird.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+