Vom Ende eines Albtraums

Warum die Bremerin Joy Wassmann unbedingt zum Mauerfall nach Berlin musste

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war für die Bremerin Joy Wassmann klar: „Das muss ich live erleben.“ Ein Detail ihrer Reise erfreute bald darauf ihre Familienangehörigen und Freunde in aller Welt.
06.10.2019, 17:57
Lesedauer: 3 Min
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Warum die Bremerin Joy Wassmann unbedingt zum Mauerfall nach Berlin musste
Von Ralf Michel

Berlin kennt sie recht gut, erzählt Joy Wassmann. Ihre beste Freundin lebt dort, sie hat sie oft besucht. Schon damals, als es noch zwei Deutschlands gab und eine Mauer mitten durch die Stadt. „Ich fand das immer deprimierend“, sagt die heute 65-jährige Philippinin, die seit 1976 in Bremen lebt. Gerade deshalb war für sie sonnenklar, was zu tun war, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. „Ich musste da unbedingt hin.“ Dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird, so viele Emotionen, so viele Gedanken im Kopf. Heute, 30 Jahre später, fasst sie all dies mit einem Begriff zusammen: „Ich hatte Mauerfieber.“

An ihre Berlinbesuche in den 70er- und 80er-Jahren erinnert sich Wassmann mit leichtem Schaudern. Die Grenzkontrollen, der Todesstreifen, der Stacheldraht. Oder, auf einer Aussichtsplattform stehend, der Blick durchs Fernglas rüber nach Ost-Berlin. „Grauenhaft war das, die ganze Situation mit der geteilten Stadt.“ Wie ein einziger Albtraum sei ihr die deutsche Teilung vorgekommen. „Mich hat das so traurig gemacht.“

„Ich wollte da rauf“

Doch dann kam der 9. November 1989. Die Bilder vom Fall der Mauer im Fernsehen, die Menschen, die sich an der Grenze in den Armen lagen. „Das musste ich einfach live erleben. Ich habe ein, zwei Tage gewartet, dann bin ich zu meiner Freundin nach Berlin gefahren", sagt sie.

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Eine Woche ist sie geblieben. „Wir haben den ganzen Tag an der Mauer verbracht. Da waren so viele Leute, so viel Action, einfach unglaublich. Wir haben mit den Menschen unser Essen geteilt und mit ihnen gefeiert.“ Ein Foto zeigt die damals 36-Jährige, wie sie versucht, direkt am Brandenburger Tor auf die Reste der Mauer zu steigen. Ein junger Mann versucht, sie hochzuziehen. „Ich wollte da rauf, um auf die andere Seite zu kommen“, erinnert sie sich. Hat aber nicht geklappt. „War wohl irgendwie noch zu hoch. Die Männer haben gesagt, dass wir später wiederkommen sollten, dann würde es einfacher sein.“

Was auf die „Mauerspechte“ anspielt, die längst damit begonnen hatten, die Mauer im wahrsten Sinne des Wortes Stein für Stein abzutragen. Anfangs vielleicht aus politischer Motivation heraus oder um sich ein ganz besonderes Souvenir zu sichern. Doch sehr schnell dann auch verbunden mit handfestem wirtschaftlichen Interesse. „Die Steine wurden verkauft, ziemlich teuer sogar“, erzählt Joy Wassmann. „Ich glaube, ein kleiner Stein hat drei D-Mark gekostet, ein großer sogar zehn.“

Die Berliner Mauer auf den Philippinen

Was sie aber nicht davon abgehalten hat, ordentlich zuzuschlagen. „Ich habe die Steine da kiloweise weggeschleppt“, erzählt sie lachend. „Wir hatten ja keinen Hammer oder Meißel mit, um uns selbst welche rauszuschlagen.“ Wozu sie die Steine gebraucht habe? „Na, um sie an Familienangehörige und Freunde zu verschicken.“ Und so kommt es, dass in zahlreichen Wohnungen und Häusern auf den Philippinen, aber auch in Malaysia oder Jordanien bis heute Steine aus der Berliner Mauer liegen. Den passenden historischen Kontext gab‘s gratis dazu. „Natürlich haben viele gefragt, was das ist. Dann habe ich die Geschichte immer wieder neu erzählt.“ Am Ende hätten sich alle sehr über die Steine aus Berlin gefreut. „Sie hatten jetzt auch einen Teil der deutschen Geschichte.“

Im Fotoalbum von Joy Wassmann gibt es ein anderes Bild aus dieser Zeit, das ihr sehr am Herzen liegt. Es zeigt sie und die Schwester ihrer Freundin an der Seite von zwei Polizisten. Das Foto ist auf der Ostseite entstanden, nur wenige Tage eher wäre es undenkbar gewesen. „Wir haben die beiden einfach in unserem damals noch brüchigen Deutsch drum gebeten“, erinnert sie sich. „So eine Gelegenheit gibt es doch nie wieder.“

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Zurück in Bremen hat Joy Wassmann noch einen anderen Weg gefunden, um ihrer Freude über die Wiedervereinigung Ausdruck zu verleihen. Zusammen mit ihrem Mann betrieb sie damals eine Bar am Steintor. „Jeder, der uns mit seinem Ausweis gezeigt hat, dass er aus Ostdeutschland kam, bekam ein Freibier.“

Bis heute ist die 65-Jährige immer wieder mal in Berlin, um ihre Freundin zu besuchen. Damals am Brandenburger Tor habe sie sich nicht wirklich nach Ost-Berlin getraut, verrät sie. „Man ist nur mal kurz rüber, es gab ja schon Lücken in der Mauer.“ Heute dagegen ist ein Besuch auf „der anderen Seite“ sozusagen ein Pflichttermin. Sie sitzt gerne in einem Café direkt am Brandenburger Tor, gegenüber vom Hotel Adlon, und freut sich über das bunte Treiben an dem touristischen Hotspot.„Das ist wirklich alles sehr schön geworden. Aber manchmal denke ich, du sitzt jetzt hier, genau da, wo früher so viele Menschen gestorben sind.“ Der Albtraum von damals gehört der Vergangenheit an, sagt Joy Wassmann. Vergessen hat sie ihn nicht.

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