Sieben von Zehn Lehrkräften sind Frauen

Warum es in Bremen deutlich mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt

Das Lehramt ist weiblich: Die Zahl der Frauen in den Kollegien nimmt immer mehr zu, die Zahl der Männer nimmt ab. Ein Bremer Erziehungswissenschaftler forscht nach den Ursachen und will den Trend stoppen.
20.11.2020, 18:21
Lesedauer: 4 Min
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Warum es in Bremen deutlich mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt
Von Marc Hagedorn

Da staunten die Kinder nicht schlecht. Gleich zwei männliche Lehrkräfte an ihrer Schule? „Seid ihr verwandt, seid ihr Brüder?“, fragten sie Christopher Loch. Der muss heute noch schmunzeln, wenn er die Geschichte erzählt. Loch war zu der Zeit Referendar an einer Grundschule in Dörverden und tatsächlich nicht der einzige Mann im Kollegium. „Für die Schüler war das total überraschend“, sagt Loch, „zwei männliche Lehrkräfte!“

Tatsächlich werden Schüler, vor allem Grundschüler, in Niedersachsen und Bremen in der Mehrzahl von Frauen unterrichtet. Das Statistische Landesamt Niedersachsen hat gerade aktuelle Zahlen veröffentlicht. Demnach sind sieben von zehn Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen weiblich, an Grundschulen sind es sogar 90,2 Prozent. Die Bremer Zahlen erscheinen zwar erst im Dezember im Jahrbuch 2020, dem WESER-­KURIER liegen sie aber schon jetzt vor. Sie sind ähnlich wie im Nachbarland. In Bremen sind knapp 71 Prozent der Lehrkräfte Frauen, an Grundschulen 88 Prozent.

„Mädchen sind klug, Jungs stark“

Neu ist der Trend nicht, er hält schon seit vielen Jahren an. Aber die Kluft wird immer größer. Die Zahl der weiblichen Lehrkräfte wächst und wächst, die Zahl der männlichen Kollegen nimmt ab – über alle Schulformen. Christoph Fantini will sich damit nicht abfinden. Der Erziehungswissenschaftler an der Universität Bremen ist Initiator der Aktion „Männer in die Grundschule“, zu der das Projekt „Rent a teacherman“ gehört.

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In der Begleitforschung zu dem Projekt sind Jungs in der Grundschule gefragt worden, warum es wohl weniger Lehrer als Lehrerinnen gebe. Zwei bezeichnende Antworten lauteten: „Ich glaube immer, dass Frauen schlauer sind als Jungs. Das ist ein bisschen schade, aber wahr.“ Und: „Ich würde mal sagen: Wenn es um die Uni geht, wenn es um den Spruch geht, Mädchen sind klug, Jungen sind stark, dann ist das ein wahrer Spruch.“

Dem ersten Schmunzeln über solche Aussagen, muss laut Fantini ein ernsthaftes Nachdenken folgen: Was ist da los? Woher kommt die Unterlegenheitsannahme der Jungen? Antwort: Unter anderem daher, dass die Jungs in ihrem Schulalltag keine Gegenbeispiele erleben, keine männlichen Lehrer, die als Identifikationsfigur dienen könnten. „Es muss viel mehr in diversitätsorientierte Personalentwicklung in Schulen, vorweg die Grundschulen, investiert werden“, sagt Fantini, „männliche Lehrkräfte sind kein ,nice to have’, sondern es ist bedeutungsvoll, ob man es schafft, Jungen Orientierungspunkte zur Verfügung zu stellen, die ihre Männlichkeitsbilder erweitern.“

Eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat sich schon 2011 positioniert und eine Mindestquote von 30 Prozent männlichen Lehrkräften an Grundschulen für wünschenswert erklärt. Warum es trotzdem nicht mehr werden? Erklärungsversuche dafür gibt es einige. Das geringe Prestige. Die eingeschränkten Aufstiegsmöglichkeiten. Die schlechtere Bezahlung im Vergleich zu Kollegen an weiterführenden Schulen, zumindest in Niedersachsen noch.

Mit den Erfahrungen von Fantini decken sich diese Annahmen nicht. Er erzählt von einer Studie aus Hamburg: „Kollegen haben dort in der Berufsorientierungsphase junge Leute nach ihren Berufswünschen gefragt. Und dabei hat sich herausgestellt, dass 17-, 18-Jährige, die sich fürs Lehramt interessieren, nichts über Gehaltsgruppen wissen, aber eine Menge darüber, was sie für männlich annehmen. Bis dahin ist ihnen durch ihr Umfeld, aber auch durch die Abwesenheit von Männern in Care-Berufen signalisiert worden: Kümmern ist nichts für Männer.“

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Tatsächlich haben Geld und Karriere für Christopher Loch bei seiner Entscheidung fürs Grundschullehramt keine Rolle gespielt. „Mir ist wichtig, den Kindern bei ihrer Entwicklung helfen zu können, beim Schrifterwerb, bei der Ausbildung ihrer Persönlichkeit“, sagt Loch, der inzwischen an einer Grundschule in Twistringen unterrichtet. Der 29-Jährige hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass Care-Berufe sehr wohl etwas für Männer sein können. Seinen Zivildienst hat Loch in der Altenpflege gemacht. Während der Schulzeit hat er ein Praktikum bei einem Logopäden absolviert, und vor Beginn des Studiums war er eine Zeit lang an zwei Bremer Grundschulen.

Ein Kümmerer

Für Forscher Fantini ist das ein Muster, das er kennt. Wer später Lehrer wird, war vorher als Jugendlicher oft Gruppenleiter, Trainer oder Zivi, also ein Kümmerer. Oder er hatte, wie Lehramtsstudent Philip Biskup, das Glück, in der eigenen Grundschulzeit einen Mann als Lehrer gehabt zu haben. „Das habe ich heute noch im Hinterkopf“, sagt der 24-Jährige, „das hat mich geprägt.“

Bis in die 1960er-Jahre hinein waren Männer in den Lehrerkollegien in der Überzahl. Dann kam die antiautoritäre Revolution. Die Frauenbewegung sorgte für Frauenpower, und dafür, dass sich viele Türen öffneten. „Den Männern dagegen“, sagt Fantini, „wurden keine neuen Angebote gemacht. Sie zogen sich aus dem Lehramt zurück und suchten sich andere Jobs.“ Im Finanzwesen oder im IT-Bereich etwa, „Maschinen und Moneten sage ich manchmal“, so Fantini.

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Aus Sicht des Erziehungswissenschaftlers hat sich viel zu wenig getan, um den Trend zu stoppen. Zuerst gab es den „Girls Day“, erst später und nach Diskussionen auch den „Boys Day“. Förderprojekte für Frauen in MINT-Berufen, also aus dem Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, seien längst etabliert. „Dagegen fallen die Maßnahmen für Jungs in Care-Berufen überschaubar aus“, sagt Fantini.

„Das ist diskriminierend“

Manchmal, sagt Fantini, werde ihm vorgeworfen, dass er den Aspekt der Männlichkeit überbetone, dass er unnötigerweise das Geschlecht thematisiere. „Aber wer das sagt, hat das Drama an den Grundschulen nicht erlebt“, sagt er. Er hat selbst eine Tochter, „ich bin für Empowerment der Mädchen.“ Er freut sich, dass seine Tochter heute mehr Möglichkeiten hat, als Mädchen sie noch vor 30 oder 40 Jahren hatten. Wenn Jungs zum Beispiel auf Klassenfahrt seien und ein Problem zu besprechen hätten, bis heute aber keine männliche Lehrkraft als Ansprechpartner fänden, sei das schlimm. Fantini sagt: „Wenn wir den Jungs vorenthalten, bestimmte Fragen stellen zu können, etwa zu ihrer Sexualität, ist das diskriminierend.“

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