Machbarkeitsstudie vorgestellt

Warum es in Bremen einen sogenannten Drogenkonsumraum geben könnte

Legal Heroin spritzen oder Crack rauchen: Das soll bald in Bremen möglich sein in einem sogenannten Drogenkonsumraum. Wissenschaftler haben nun Empfehlungen für die Umsetzung ausgesprochen.
29.08.2019, 19:42
Lesedauer: 4 Min
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Warum es in Bremen einen sogenannten Drogenkonsumraum geben könnte
Von Carolin Henkenberens
Warum es in Bremen einen sogenannten Drogenkonsumraum geben könnte

24 deutsche Städte haben schon einen: einen Drogenkonsumraum. Auch „Drob Inn“ in Hamburg haben die Bremer Forscher für ihre Studie besucht.

dpa/Christophe Gateau

Ein Raum, in dem Süchtige unter Aufsicht illegale Drogen nehmen können, würde je nach Länge der Öffnungszeit etwa 550 000 bis 1,15 Millionen Euro jährlich kosten. Als geeigneter Standort in Bremen wird das Jakobushaus, auch Papageienhaus genannt, oder alternativ der Bereich des Güterbahnhofs betrachtet. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Machbarkeitsstudie zur Umsetzung eines Drogenkonsumraums (DKR), die Bremer Wissenschaftler an diesem Donnerstag präsentiert haben. „Aus Sicht der unterschiedlichen Akteure gibt es – fachlich betrachtet – einen Bedarf für einen DKR in Bremen“, sagte Professor Henning Schmidt-Semisch vom Institut für Public Health und Pflegewissenschaften.

Für die Studie besuchten die Wissenschaftler mehrere Druckräume in Deutschland, sprachen mit deren Mitarbeitern sowie mit Experten und verwendeten Daten eines Bremer Forschungsprojekts zum Thema Drogen und urbane Sicherheit. „Aus politischer Sicht wird der Bedarf durchaus unterschiedlich eingeschätzt“, sagte Katja Thane, die ebenfalls an der Studie beteiligt war. Das zeige die Tatsache, dass es Drogenkonsumräume nur in sechs von 16 Bundesländern gebe. Aber: „Alle Experten und alle Drogenkonsumentinnen sind dafür. Da gibt es nichts und niemanden, der gesagt hätte: Nee, brauchen wir nicht.“

Räume bringen viele Vorteile

Die Räume verhinderten Drogentodesfälle, Infektionen und andere gesundheitliche Risiken. Ebenso verringerten sie die Vermüllung des öffentlichen Raums, etwa mit Spritzen. Auch seien eine Steuerung der Szene und Hilfsangebote an sie einfacher. Insbesondere, wenn ein integriertes Modell umgesetzt wird. Das empfehlen die Forscher. Dabei geht es darum, nicht nur einen Raum zum Spritzen und Rauchen von Drogen anzubieten, sondern auch Duschen, Essen und Beratung.

Trotz all der Vorteile gebe es oft Ängste, sagte Schmidt-Semisch. Doch viele Vorbehalte seien falsch. So zeigten alle Erfahrungen, dass die Räume nicht zum Drogenkonsum verführten. „Es werden nur die reingelassen, die fest entschlossen sind, Drogen zu konsumieren“, so der Professor. Erst- oder Gelegenheitskonsumenten dürften nicht hinein. Auch weise nichts darauf hin, dass Süchtige dadurch mehr Drogen nähmen. Im Gegenteil: Einige würden aufgrund des Angebots eher Drogen rauchen statt zu spritzen. Um den Ängsten zu begegnen, empfehlen die Forscher, Anwohner einzubinden und Besichtigungen des Raums zu ermöglichen.

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Etwa 4000 Drogensüchtige gibt es in Bremen. In anderen Städten nutzen zehn bis 15 Prozent der Süchtigen einen Druckraum, referierte Schmidt-Semisch. Für Bremen bedeute dies etwa 400 bis 600 Nutzer. „Das sind alles nur Schätzungen“, betonte der Professor. In der Regel besuchten Süchtige den Raum täglich, ergänzte Thane, einige sogar mehrmals am Tag. Eine möglichst lange Öffnungszeit sei empfehlenswert. Für die Berechnung der Kosten wurde eine Mitarbeiterzahl von drei Fach- und drei Hilfskräften sowie Leitungs-, Verwaltungs- und Reinigungspersonal angenommen. Hinzu kämen die laufenden Sachkosten. Insgesamt 550 000 Euro im Jahr kosteten sechs Stunden Öffnungszeit an fünf Tagen, 1,15 Millionen Euro wären es bei sieben Tagen pro Woche mit zehn Stunden. Kosten für einen privaten Sicherheitsdienst – falls der Raum nicht auf öffentlichem Grund liegt – sind nicht einberechnet. Auch in Anbetracht dessen, dass DKR Todesfälle verhindern können, halten die Forscher sie für „effektiv und kosteneffizient“.

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Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke), die wie etwa 30 Fachleute bei der Präsentation anwesend war, bekannte sich zu einem Drogenkonsumraum in Bremen. Sie sagte: „Ich wünsche mir, dass wir das relativ zügig umsetzen können.“ In Auftrag gegeben hatte die Machbarkeitsstudie Bernhards Vorgängerin, Eva Quante-Brandt (SPD), im November 2018. Ihre Behörde werde nun rasch ein Finanzkonzept erstellen, um damit im Oktober in die Haushaltsverhandlungen des Senats gehen zu können, so Bernhard. Für die Kosten seien der Ort und die Öffnungszeiten relevant. Auch einen runden Tisch will sie einrichten. Auf die Frage, ob die Mittel für den Druckraum von jenen für andere Drogenhilfeangebote abgingen, sagte Bernhard: „Was diesen Raum angeht, ist klar, dass der nicht auf Kosten von etwas anderem gehen kann.“

Aufenthaltsort für Süchtige soll Situation am Hauptbahnhof verbessern

Auch die Ressorts Inneres, Justiz und Soziales sollen in die Planung eingebunden werden. „In unseren Augen ist der Drogenkonsumraum unerlässlich – so schnell wie möglich“, sagte die Sprecherin von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), Rose Gerdts-Schiffler, vorab. Um die Situation am Hauptbahnhof und in den umliegenden Grünanlagen zu verbessern, sei es nicht nur wichtig, Regeln durchzusetzen, sondern auch, Süchtigen einen Ort zu bieten, an dem sie sich aufhalten könnten. Rechtliche Grundlage für die Einrichtung von Drogenkonsumräumen ist Paragraf 10a des Betäubungsmittelgesetzes. Über eine Rechtsverordnung muss das Land eine Erlaubnis für einen Druckraum erteilen.

Bremen wäre kein Sonderfall mit einem solchen Raum. In Deutschland gibt es 24 Druckräume: In den Großstädten Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg jeweils vier, in Hannover und Saarbrücken einen und zehn in Nordrhein-Westfalen (Bielefeld, Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Münster, Troisdorf, Wuppertal). Ein weiterer ist derzeit in Karlsruhe in der Planung.

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