Serie: Leben eines Schwerkranken Warum Menschen an ALS erkranken

Damit Menschen wie Tobias Laatz therapiert werden können, versucht der Mediziner Christopher Secker in einem Projekt der Charité in Berlin die Ursache für ALS herauszufinden.
23.06.2018, 19:07
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Warum Menschen an ALS erkranken
Von Christian Weth

Was bei einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) passiert, geschieht auch bei anderen Erkrankungen. Etwa bei Chorea Huntington, Creutzfeldt-Jakob, Parkinson und Alzheimer: Nervenzellen im Gehirn werden irreparabel geschädigt. Christopher Secker bezeichnet deshalb alle gleich – als neurodegenerative Krankheiten. Der Berliner Mediziner kommt ursprünglich aus der Alzheimer-Forschung. Jetzt bringt er sein Wissen in einem Pojekt der Charité ein, bei dem die Ursache für ALS gefunden werden soll. Und damit die Möglichkeit der Therapie.

Secker und sein Team betreiben Grundlagenforschung, fangen aber nicht bei null an. Die Wissenschaftler wissen, dass sich bei ALS verschiedene Proteine an den Nervenzellen ablagern, die für die Motorik zuständig sind – und dass ein Protein dabei eine besonders tragende Rolle hat: TDP-43. Forscher haben bei zahlreichen Patienten eine veränderte Form dieses Eiweißes entdeckt. Für Secker ist das Protein deshalb ein Schlüsselprotein. Er sagt, dass TDP-43 ein wichtiger Ansatzpunkt sein könnte, um zu verstehen, wie ALS entsteht.

Lesen Sie auch

Er begründet das nicht nur mit der veränderten Form des Proteins, sondern auch mit dessen veränderten Lage. Das Eiweiß wurde nicht nur im Kern von Nervenzellen nachgewiesen, wo Proteine normalerweise sind, sondern auch außerhalb. Zum Beispiel im sogenannten Axon, einem Nervenstrang, der biochemische Botschaften vom Gehirn in den Körper leitet. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei Menschen mit ALS diese Botschaften der motorischen Nervenzellen nicht in den Muskeln ankommen, sodass sie nach und nach versagen.

Wie die meisten neurodegenerativen Erkrankungen ist ALS vererbbar, tritt aber meistens sporadisch auf. So nennt es Secker, wenn es kein Indiz dafür gibt, dass jemand aus der Familie eines Betroffenen zuvor die Krankheit hatte. Nach seiner Rechnung ist das in 90 Prozent der Fälle so. Um herauszufinden, was der Auslöser für ALS ist, wird nicht nur Blut und Gewebe von Patienten untersucht, sondern auch deren Leben und Lebensumstände. So gut wie nichts soll außer Acht gelassen werden: Stress am Arbeitsplatz, Tätowierungen, Amalgamplomben in den Zähnen.

Lesen Sie auch

Secker sagt, dass über Jahrzehnte viele Millionen Euro von der Pharmaindustrie in die ALS-Forschung investiert wurden. Und dass sich die Konzerne später mehr und mehr zurückgezogen haben, weil die Erfolge bei den neurodegenerativen Erkrankungen nicht so waren, wie sie es sich vorgestellt haben. Jetzt, meint der Wissenschaftler, zeigen die Unternehmen wieder größeres Interesse. Die Resultate der Forscher sind inzwischen vielversprechender – zum Beispiel bei einer anderen Erkrankung mit drei Großbuchstaben als Namen: SMA.

Die Kurzform steht für Spinale Muskelatrophie. Sie ist genetisch bedingt. Es besteht ein 25-prozentiges Risiko, dass ein Kind mit SMA geboren wird, wenn beide Elternteile die Anlagen für die Krankheit haben. In den meisten Fällen sterben die Kinder, bevor sie zwei Jahre alt werden. Wie bei der Amyotrophen Lateralsklerose versagen die Muskeln. Mittlerweile gibt es einen Wirkstoff, der den Verlauf verlangsamen kann. Auch bei der ALS gibt es zwei Substanzen, auf die Patienten ähnlich reagieren – allerdings nicht so viele wie erhofft.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht