Professor Oliver Riedel vom Leibniz-Institut sprach im Haus der Wissenschaft über die Krankheit und ihre Begleiterscheinungen Warum Morbus Parkinson mehr ist als nur ein Zittern

Altstadt. „Parkinson – mehr als nur ein Zittern?“ Diese Frage hat Oliver Riedel bei „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft aufgeworfen. Riedel hat sich an der Technischen Universität in Dresden in Psychologie habilitiert.
01.06.2017, 00:00
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Von Christine Gräfing

Altstadt. „Parkinson – mehr als nur ein Zittern?“ Diese Frage hat Oliver Riedel bei „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft aufgeworfen. Riedel hat sich an der Technischen Universität in Dresden in Psychologie habilitiert. Der Wissenschaftler ist seit 2014 Leiter der Fachgruppe „Epidemiologie neuropsychiatrischer Erkrankungen“ am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. Seine Arbeits-Schwerpunkte sind neurodegenerative Erkrankungen.

Oliver Riedel präsentierte in einem Überblick Symptome, Epidemiologie und Behandlung der Parkinson-Krankheit, die überwiegend mit typischen Bewegungsstörungen in Verbindung gebracht wird. Im zweiten Teil seines Vortrags referierte er dann auch über Demenz und Depressionen, die ebenfalls bei der Krankheit auftreten können.

Prominente an Parkinson erkrankte Menschen sind die Schauspieler Ottfried Fischer und Michael J. Fox, und auch Papst Johannes Paul, II und der Boxer Muhammad Ali waren davon betroffen. James Parkinson hatte die Krankheit 1817 erstmals beschrieben, daher kommt der Name „Parkinson‘s Disease“ (PD). Es handele sich um eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, bei der in der „schwarzen Substanz“, einem Zentrum des Mittelhirns, massenhaft Nervenzellen absterben, erklärt Riedel. Ein Mangel an der Überträgersubstanz Dopamin ist die Folge.

Die Ursache der Krankheit konnte bisher nicht geklärt werden. Parkinson ist nach Morbus Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative, das heißt, die Degeneration, also den Verfall des Nervensystems betreffende Erkrankung. Sie tritt am häufigsten zwischen dem 50. und 65. Lebensjahr auf.

In Deutschland gibt es circa 350 000 Betroffene, jährlich erkranken 20 000 Menschen neu. Hauptsymptome der Erkrankung sind Bradykinese (Bewegungsverlangsamung), Tremor (Zittern), Rigor (Steifheit, Starre durch einen erhöhten Muskeltonus) und Haltungsinstabilität (gestörte Halte- und Stellreflexe).

Die Krankheit lässt sich nach „Hoehn und Yahr“ in fünf Schweregrade einteilen: Von Stadium I mit einseitigem, geht es über zu Stadium II mit beidseitigem Symptombild. In der nächsten Stufe gibt es ein beidseitiges Symptombild mit schon gestörter Haltungsstabilität. Bei Stadium IV ist der Patient durch die Krankheit schwer behindert, aber noch in der Lage allein, zu stehen oder einige Meter zu gehen.

Im fünften Stadium ist der Patient auf den Rollstuhl angewiesen oder sogar bettlägerig. Ursache der Symptome ist ein Dopamin-Mangel. Die Krankheit ist nicht heilbar, die Therapie kann nur die Symptome lindern.

Eine arzneiliche Therapie soll den Dopamin-Spiegel im Hirn erhöhen. Dies versucht man mit Gabe einer Dopamin-Vorstufe (L-Dopa), Dopamin-ähnlichen Stoffen, oder mit Wirkstoffen, die die Dopamin-abbauenden Enzyme hemmen. In einem Film zeigte Riedel einen Patienten, der mit zu niedrigem Dopamin-Spiegel nur verlangsamt und trippelnd vorwärtslaufen kann. Für eine Richtungsänderung muss er viele kleine Zwischenschritte machen.

Der gleiche Patient wird später noch einmal gezeigt, nachdem er Medikamente eingenommen hat, und ist dann in seinen Bewegungen völlig unauffällig. Probleme bei dieser Behandlungsstrategie sind, dass Dopamin auch in anderen Hirn-Regionen vorkommt, und übermäßiger/langjähriger Gebrauch von L-Dopa Nebenwirkungen verursacht.

Ein nicht-medikamentöser Therapieansatz ist die tiefe Hirnstimulation. Bei dieser, nach strengen Kriterien angewandten, noch jungen Operationstechnik werden dauerhaft Elektroden ins Hirn eingesetzt. Diese sollen die „nachgeschalteten“ Hirnregionen, die für Motorik zuständig sind, „stärker aktivieren“.

Im zweiten Teil seines Vortrags berichtet der Wissenschaftler über psychiatrische Störungen, die bei Morbus Parkinson ebenfalls auftreten können. Bei dem „vielschichtigen Krankheitsbild“ ist das Geschehen nicht nur auf den „motorischen“ Teil des Gehirns beschränkt, sondern im Verlauf der Krankheit sind auch andere Hirngebiete betroffen. So können weitere häufige Symptome wie Schlafstörungen, Schmerzen, Verstopfung, Schwitzen, Störungen des Geruchsempfindens und – nicht nur aus Sicht der Forscher besonders relevant – psychiatrische Störungen wie Demenz und Depressionen auftreten.

Eine mögliche Demenz kann beispielsweise durch den sogenannten Uhrentest festgestellt werden. Dabei wird der Patient aufgefordert, in einen leeren Kreis eine Uhrzeit wie zum Beispiel „zehn nach elf Uhr“ einzutragen. Diese scheinbar leichte Aufgabe erfordert aber unter anderem Gedächtnisleistung und räumliches Vorstellungsvermögen. Ist der Patient nicht in der Lage, die Uhrzeit einzutragen, kann das ein Hinweis auf eine Demenz sein.

Zum Schluss stellt Riedel dann die GEPAD-Studie vor. In dieser bundesweiten Studie wurde, auch mit entsprechenden Tests wie dem „Uhrentest“, untersucht, wie häufig Demenz/Depressionen bei von niedergelassenen Fachärzten betreuten Parkinson-Patienten auftreten.

Als besonders bedeutsam haben es die Forscher bewertet, dass durchschnittlich 30 Prozent der Parkinson-Patienten von kognitiven Störungen/Demenz und durchschnittlich ein Viertel der Patienten von Depressionen betroffen sind. „Nicht-motorische Komplikationen sind also eher die Regel als die Ausnahme!“, sagt Oliver Riedel. Diese Begleiterkrankungen erhöhen die Belastung des Patienten und auch die seiner Angehörigen.

Dass diese psychiatrischen Begleit-Erkrankungen seltener als die motorischen Symptome behandelt werden und hier so womöglich eine „Unterversorgung“ der Patienten besteht, ist eines der Forschungsergebnisse. Wichtig wäre es auch, Depressionen als mögliche „Triebfeder“ für den weiteren Krankheitsverlauf zu berücksichtigen. Oliver Riedel: „Die Parkinson-Krankheit ist mehr als nur ein Zittern.“

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