Slutwalks Warum "Schlampen" um die Welt marschieren

Bremen. Am 13. August kommt ein globales Phänomen in Deutschland an. An diesem Tag wollen in Berlin, München, Frankfurt, Hamburg sowie im Ruhrgebiet vorwiegend offenherzig gekleidete Frauen gegen Vergewaltigungsverharmlosug demonstrieren.
02.08.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Warum
Von Hendrik Werner

Bremen. Am 13. August kommt ein globales Phänomen nach langer Reise endgültig in Deutschland an. An diesem Tag wollen in Berlin, München, Frankfurt, Hamburg sowie im Ruhrgebiet vorwiegend offenherzig gekleidete Frauen gegen Vergewaltigungsverharmlosung und alle Arten sexualisierter Gewalt demonstrieren.

Am 23. Juli hatte Passau als erster deutscher Ort einen dezenten Vorgeschmack darauf bekommen, was demnächst städteübergreifend zu erwarten ist: "Slut Walk" - zu Deutsch: "Marsch der Schlampen" - heißt die originelle Kundgebungsform, die seit vier Monaten um die Welt geht. Zuletzt formierte sich die unkonventionelle Emanzipationsbewegung am Wochenende in der indischen Hauptstadt Neu Delhi. Dort gingen Aberhunderte Frauen auf die Straße, um sich beredt gegen sexuelle Belästigung zu wenden. Umfragen besagen, dass die Angst vor Übergriffen im öffentlichen Raum signifikant gestiegen ist.

Während die Protestteilnehmerinnen in Indien mehrheitlich moderat gekleidet waren, gewandeten sich die Aktivistinnen früherer Kundgebungen - etwa in Amsterdam, Paris und Sao Paulo - betont freizügig. Ihr Pochen auf sexuelle Selbstbestimmung fällt in eins mit der freien Entscheidung darüber, was und wieviel sie anziehen. Ihr Credo ist, dass keine noch so transparente Bluse, kein noch so knapper Rock sexuelle Übergriffe rechtfertigen. Damit verzahnen die bewegten Frauen vestimentäre mit Gender-Aspekten. Die beiden Diskurse weisen zwar ohnedies eine latente Verbindung auf, haben aber erst durch die sexistische Fehlleistung eines Polizisten im April dieses Jahres neuerlich massive Präsenz im öffentlichen Bewusstsein erhalten.

Der Kanadier Michael Sanguinetti darf den zweifelhaften Ruhm für sich beanspruchen, zugleich Projektionsfigur und mittelbarer Urheber der globalen Bewegung zu sein. Er hatte in Toronto an einer Schule einen Vortrag über Sicherheit gehalten - und sich dabei zu folgender skandalöser Aussage hinreißen lassen: "Um sich vor sexuellem Missbrauch zu schützen, sollten es Frauen vermeiden, sich wie Schlampen anzuziehen", riet er Schülerinnen. Seine nachträgliche Relativierung des ungeheuerlichen Satzes kam zu spät und zu verzagt, um die Entrüstung zu mildern.

Dank Internet - Verabredungen zu "Slut Walks" finden meist via Facebook statt - konnten die Künstlerin Sonya Barnett und die Sozialarbeiterin Heather Jarvis aus der Empörung rasch eine so schlagkräftige wie spektakuläre Bewegung formen. Die subversive Volte der Protestmarsch-Inszenierung besteht im Umstand, dass sich die teilnehmenden Frauen Schlampen nennen - und ostentativ aufreizend kleiden. Zwischen Hongkong und Melbourne, Miami und Cardiff stehen auf Plakaten Parolen wie "Proud Sluts" (Stolze Schlampen) und "No means No" (Nein bedeutet Nein). Ideenreicher und zorniger ist eine vom weltweiten Netz beförderte Bewegung bislang nicht gewesen. Dies ist nicht der einzige Grund, warum man ihr Erfolg wünscht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+