Der vergessene Helfer

Warum sich ein afghanischer Übersetzer im Stich gelassen fühlt

Jahangir Gharibdost hat für die Deutschen gearbeitet. Deswegen jagten ihn die Taliban. Nun lebt er in Bremen. Doch seine Familie in Kundus wird weiter bedroht. Zu Besuch bei einem Helfer, der Hilfe sucht.
29.01.2020, 10:00
Lesedauer: 7 Min
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Warum sich ein afghanischer Übersetzer im Stich gelassen fühlt
Von Nico Schnurr
Warum sich ein afghanischer Übersetzer im Stich gelassen fühlt

Jahangir Gharibdost hat für die Deutschen in Afghanistan gearbeitet. In Bremen soll er ein neues Leben beginnen. Doch seine Familie in Kundus wird weiter bedroht.

Frank Thomas Koch

Der Krieg liegt vor ihm auf dem Wohnzimmertisch. Jahangir Gharibdost sitzt auf seinem Sofa im ersten Stock eines Gröpelinger Mehrfamilienhauses und schiebt ein Stück Papier über die gläserne Tischplatte. Auf dem Blatt geschwungene Schrift, ein paar Zeilen bloß. Ein Schreiben der Taliban, deutsche Behörden haben es geprüft. Da steht sein Name, und dass er ein Feind ist, der Afghanistan schadet. Die Nachricht ist zehn Jahre alt, Gharibdost hat sie aufbewahrt. Sie erinnert ihn daran, wie die Angst begonnen hat, sein Leben zu kontrollieren.

Jahangir Gharibdost hat in Kundus für die Bundespolizei gearbeitet. Er ist Anfang 20, als er seinen Landsleuten das Handeln der Deutschen erklärt und den Deutschen sein Land. Gharibdost bringt ihnen bei, Afghanistan mit seinen Augen zu sehen. Er übersetzt und vermittelt. Er fährt die gepanzerten Geländewagen der Deutschen. Er trägt ihre Uniform und später auch ihre Waffen. Er führt ihren Krieg.

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Gharibdost wird zum Helfer der Deutschen, und damit zum Feind des Gegners. Er gerät ins Visier der Taliban. Sie werfen ihm vor, das Land zu verraten. Die Taliban jagen ihn, jahrelang. Einen Anschlag überlebt er nur mit Glück. Gharibdost ist nicht mehr sicher, er muss Afghanistan verlassen.

Mehr als 1500 Ortskräfte haben für die Deutschen gearbeitet, seit sie sich ab 2002 am afghanischen Krieg beteiligt haben. Übersetzer, Wachleute, Köche. Vielen dieser Menschen geht es wie Gharibdost, sie werden bedroht, verfolgt, erpresst. Die Bundesregierung hat deswegen ein Visaprogramm aufgelegt, das ihnen Schutz bieten soll. Das Verfahren läuft im Verborgenen, völlig unklar, wer einen Platz erhält und wer nicht.

Gharibdost hat Glück, er kommt nach Bremen, ein neues Leben in Sicherheit. Doch seine Familie in Kundus wird weiter bedroht. Gharibdost will sie herholen, aber er darf nicht. Deswegen klagt er gegen das Auswärtige Amt. Das Verwaltungsgericht Berlin hat nun ein Urteil gesprochen in diesem Fall, der im Kleinen um die Frage kreist, wie viel Hilfe einem Helfer zusteht. Im Großen geht es auch darum, ob die Verantwortung für einen Auslandseinsatz mit dem Ende einer Mission erlischt. Oder ob sich Deutschland auch dann noch um einen Krieg und seine Opfer kümmern sollte, wenn die eigenen Leute das fremde Land wieder verlassen haben.

„Ich habe mein Leben für Deutschland riskiert.“ Jahangir Gharibdost übersetzte für die Deutschen in Kundus. Deswegen jagten ihn die Taliban und zerstörten das Haus der Familie.

„Ich habe mein Leben für Deutschland riskiert.“ Jahangir Gharibdost übersetzte für die Deutschen in Kundus. Deswegen jagten ihn die Taliban und zerstörten das Haus der Familie.

Foto: Privat

Der Krieg hinterlässt Spuren

Gröpelingen, ein Montagmorgen im Januar. Jahangir Gharibdost, 31, serviert schwarzen Tee in seinem Wohnzimmer. Man sieht ihm die Schwermut an, hängende Schultern, schwere Lider. Auf dem Glastisch vor ihm liegen das Schreiben der Taliban und daneben zwei wuchtige Aktenordner. Gharibdost fliegt über die Seiten. Er will seine Geschichte erzählen, und er hat alles abgeheftet, was sie dokumentiert. Nicht alles, was er in den nächsten vier Stunden berichten wird, kann er belegen, und nicht alles wird sich zweifelsfrei prüfen lassen. Der Krieg hinterlässt Spuren in Biografien, und manche verwischt er gleich wieder.

Gharibdost zückt sein Smartphone und zieht den Zeigefinger über den Bildschirm. Er wischt sich durchs Archiv, Bilder seiner Heimat. Staubige Straßen, sandfarbene Berge. Eine zerklüftete Landschaft. Dazwischen Sedarak, ein kleiner Ort in einem Tal kurz vor Kundus. Hier wächst Gharibdost auf, in einer großen Familie, die nicht reich ist, sagt er, aber gut auskommt. Der Vater betreibt einen Laden, er verkauft Brot, Oliven, Melonen. Gharibdost hilft im Geschäft und macht Abitur. Danach fängt er in einem Hotel an, in dem vor allem ausländische Funktionäre übernachten, auch viele Deutsche. Gharibdost spricht gutes Englisch, so fließend, dass es den Deutschen auffällt. Sie wollen ihn abwerben.

Ein paar Wochen später, im Mai 2010, beginnt er als Übersetzer bei der Bundespolizei. Bald begleitet er Verhandlungen und Pressekonferenzen. Er hofft schon lange auf ein sicheres Afghanistan, und nun zählt er zu denen, die dafür sorgen wollen. Der Gedanke habe ihm gefallen, sagt er. Auf den Bildern aus dieser Zeit sieht man einen jungen Mann, der vor Helikoptern posiert, in Tarnhose auf den Motorhauben von Geländewagen hockt, breitbeinig vor wehenden Fahnen steht, der Blick lässig und entschlossen zugleich.

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Bald darauf melden sich die Taliban. Erst ein Anruf, dann das Schreiben. Seine Vorgesetzten entscheiden, dass es besser ist, wenn Gharibdost im Lager bleibt. Er schläft nun in seinem Büro, die Familie sieht er seltener. Er sorgt sich damals um sie, erinnert er sich. Was, wenn ihnen etwas zustößt? Lange geht alles gut. Bis zu einem Tag im August 2013, eine Familienfeier steht an. Nach dem Essen, so schildert er es, sitzen sie vor dem Fernseher, als draußen Schüsse fallen. Gharibdost springt auf und hastet zur Tür. Sein Bruder will ihn noch zurückhalten, da explodiert eine Bombe. Das Haus ist danach verwüstet, auch der Laden des Vaters, Bilder und Gutachten dokumentieren das. Gharibdosts Familie überlebt. Doch seine schwangere Frau verliert ihr Kind.

Einen Monat später, am 18. September um 11.45 Uhr, startet in Kabul ein Flugzeug. Gharibdost und seine Frau verlassen das Kriegsgebiet. Doch der Krieg geht weiter. Bald nicht mehr für die Deutschen, die sich langsam aus Afghanistan zurückziehen, aber für Gharibdosts Familie. Und für ihn selbst, wenn auch nicht vor Ort. Sein Krieg spielt nun im Kopf. Er soll ein neues Leben beginnen, aber wie soll das gehen, wenn man ständig bangt, ob bald das Leben der Nächsten endet?

In Bremen warten eine Wohnung in Gröpelingen und Integrationskurse, und in Kundus warten die Taliban auf Schutzgeld. Sie wissen, dass er das Land verlassen hat und wollen ihn erpressen. Gharibdost hat Angst um seine Familie, also zahlt er. Jeden Monat, sagt er, umgerechnet etwa 300 Euro. Nicht immer habe er sich das während der Ausbildung zum Elektriker leisten können. Immer habe das Konsequenzen für die Familie gehabt.

Die Botschaft bleibt geschlossen

Gharibdost will seine Familie zu sich holen, und für einige Wochen sieht es für ihn so aus, als müsste er nicht lange warten. Er steht in Kontakt mit der deutschen Botschaft in Kabul, dort zeigt man Verständnis. Ein Teil der Familie fährt in die Hauptstadt, regelt Papierkram, gibt Fingerabdrücke ab. Gharibdost hofft, dass nun alles ganz schnell geht. Dann zündet ein Selbstmordattentäter eine Autobombe in Kabuls Diplomatenviertel. Bei der Explosion im Mai 2017 wird die deutsche Botschaft schwer beschädigt. Dutzende Menschen sterben, Hunderte werden verletzt, darunter auch Bedienstete der Botschaft, die danach nicht mehr öffnet. Schnell geht für Gharibdost nun gar nichts mehr.

Im Gröpelinger Wohnzimmer beugt sich Gharibdost über einen der Aktenordner und blättert durch Dutzende Mails, die er ausgedruckt und abgeheftet hat. Er hat allen geschrieben, Politikern, Behörden, Organisationen. Die Antworten gleichen sich: Mitleid haben alle, zuständig fühlt sich keiner. Das Rote Kreuz verweist an die Vereinten Nationen, die Vereinten Nationen bringen das Auswärtige Amt ins Spiel, das Auswärtige Amt leitet weiter an die Bremer Ausländerbehörde, die Ausländerbehörde prüft den Fall und gibt ihn zurück ans Auswärtige Amt.

„Ohne unsere Hilfe hätte der Einsatz der Deutschen in Afghanistan nicht funktioniert“, sagt Gharibdost, „ich habe mein Leben für Deutschland riskiert.“ Manchmal habe er das Gefühl, dass die Deutschen das vergessen haben. Monatelang passiert nichts, keine Bewegung, bloß Bürokratie. „Hier geht es um Papiere, Papiere, Papiere, dort geht es um Menschenleben“, sagt Gharibdost. Und sein Anwalt schreibt ans Auswärtige Amt:

„Am 10. Januar 2015 wurde eine Schwester von Herrn Jahangir Gharibdost durch die Taliban getötet.“

„Am 07. Oktober 2016 wurde dem Bruder von Herrn Jahangir Gharibdost im Zuge einer Entführung unter anderem der Arm gebrochen.“

„Am 15. März 2017 wurde der Vater, Herr Mohammad Khan Gharibdost, durch die Taliban misshandelt. In der Folge erlitt er einen Schlaganfall.“

„Am 04. Februar 2018 fand ein erneuter Überfall der Taliban auf das Haus der Familie statt. Eine weitere Schwester wurde misshandelt, auch ihr wurde ein Arm gebrochen.“

Jahangir Gharibdost fürchtet um die Sicherheit seiner Familie in Kundus, den Dienst für die Deutschen habe trotzdem nie bereut, sagt er.

Jahangir Gharibdost fürchtet um die Sicherheit seiner Familie in Kundus, den Dienst für die Deutschen habe trotzdem nie bereut, sagt er.

Foto: Privat

In Kundus kämpft die Familie ums Überleben, und in Bremen erhält Gharibdost einen Brief vom Auswärtigen Amt. Vielleicht die Visa? Eine Absage. Es handele sich nicht um „singuläre Einzelschicksale“, die sich besonders abhöben von den Lebensumständen im Land. Im Fall der Familie liege keine außergewöhnliche Härte nach Paragraf 22 Absatz 1 des Aufenthaltsgesetzes vor. Man habe keine „dringenden humanitären Gründe“ ausmachen können. Gharibdost fragt sich: Was sonst sind dringende humanitäre Gründe? Er klagt gegen das Auswärtige Amt.

Am Dienstag hat das Verwaltungsgericht Berlin nun das Urteil verkündet. Eine Niederlage für Gharibdost, das Gericht folgt dem Auswärtigen Amt. Keine außergewöhnliche Härte, nicht im Fall der Familie. Gharibdost wirkt gefasst am Telefon. Es ist nicht die erste Enttäuschung, nach mehr als sechs Jahren in Deutschland habe er sich an so etwas gewöhnt. Den Dienst für die Deutschen habe er trotzdem nie bereut. Eine richtige Entscheidung, so sieht er das noch immer. An manchen Tagen fragt er sich bloß, ob die Deutschen etwas anderes unter Hilfe verstehen als er. Dieser Dienstag ist so ein Tag.

Info

Zur Sache

Der deutsche Afghanistan-Einsatz

Seit 18 Jahren sind deutsche Truppen am Hindukusch stationiert. Kurz vor Weihnachten erteilte der Bundestag im Jahr 2001 das Mandat für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Im Januar trafen die ersten Kräfte in Kabul ein, bald folgte auch die Bundespolizei, um afghanische Kollegen auszubilden. Was als sechsmonatige Friedensmission geplant war, ist für die deutschen Truppen über die Jahre zu einem Kampfeinsatz geworden. Die Deutschen haben sich bis 2014 mit zeitweise mehr als 5400 Soldaten am Einsatz der internationalen Schutztruppe ISAF beteiligt.

Danach ist die ISAF in eine deutlich kleinere Ausbildungstruppe umgewandelt worden, und viele deutsche Soldaten haben das Land wieder verlassen. Heute sind noch etwa 1300 Soldaten in Afghanistan stationiert. Die Bundeswehr stellt unter anderem die Grundversorgung für die Nato-Truppen im Norden des Landes: Logistik, ein Krankenhaus, den Lufttransport. Ein Kampfeinsatz ist Afghanistan für die Deutschen nicht mehr. Das aktuelle Mandat rückt die Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee in den Fokus. Der Einsatz in Afghanistan hat Deutschland bislang insgesamt mehr als 16 Milliarden Euro gekostet.

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