Ein Befreiungsschlag Warum sich eine Bremerin den Kopf tätowieren lässt

Franziska Barthel ist eine von wenigen Einwohnern in Bremen, die sich den Kopf tätowieren lassen. Wir klären, warum sich die 47-Jährige für diese ungewöhnliche Stelle entschieden hat.
11.01.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum sich eine Bremerin den Kopf tätowieren lässt
Von Eva Przybyla

An dem Tag, an dem Franziska Barthel ihren Kopf tätowieren lässt, sind ihre Haare bereits sehr kurz. Vielleicht ein Zentimeter stehen die feinen, schwarzen Haare von ihrer Kopfhaut ab, bevor sie unter dem weißen Rasierschaum verschwinden. Die 47-Jährige ist in einem Männerfriseursalon im Viertel. Nur noch zwei Stunden bis zu ihrem Tattoo-Termin. Mit den großen tätowierten Hibiskusblüten an ihrem Hals wirkt sie in dem Frisierstuhl zierlich, fast zerbrechlich. Doch kaum setzt der Barbier sein Rasiermesser an ihrem eingeschäumten Kopf an, sagt sie bestimmt: „Keine Wunden! Ich werde gleich tätowiert.“

Die Bremerin liebt Tattoos. Damit ist sie nicht allein. Jeder vierte Deutsche hat sich bereits tätowieren lassen. Aber Kopftattoos, wie Barthel eines plant, sind im Straßenbild eher selten zu sehen. Hauptsächlich Prominente wie etwa der US-amerikanische R&B-Sänger Usher oder Ex-Fußballstar David Beckham tragen die Motive auf ihren Köpfen mit großer Selbstverständlichkeit. Wie viele Menschen in Deutschland sich für den permanenten Kopfschmuck entschieden haben, dazu gibt es auch laut Verein Pro Tattoo noch keine validen Zahlen. Eine Vereinssprecherin geht jedoch davon aus, dass die Zahl der Kopftattoos zunehme.

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Barthels Kopf ist bereits zur Hälfte kahl. Nach der ersten Rasur war sie begeistert von ihrem Aussehen, erinnert sie sich. „Der nächste Gedanke war: ,Da muss ein Tattoo drauf.'„ Der Barbier scheint schon die Glatze ungewohnt zu finden. “Magst du keine langen Haare?“, fragt er. „Nein. Aber ich weiß, Männer finden das bei Frauen schön“, sagt sie. Doch die 47-Jährige will sich nicht vorschreiben lassen, wie sie aussehen soll. Nie wieder.

Für Franziska Barthel ist jedes Tattoo ein Befreiungsschlag. 20 Jahre lang hat sie sich keine Motive stechen lassen. Die gelernte Bürokauffrau erzählt, dass sie sich damals nach dem Frauengeschmack vieler Männer gerichtet habe. Tattoos hätten da nicht hineingepasst und im Standardtanz, den Barthel erfolgreich bei Wettbewerben in der Amateurklasse tanzte, waren sie nicht erlaubt.

Nur ein Leben

Doch 2018 markierte für Barthel mit der Trennung von ihrem Freund einen Wendepunkt. Sie habe realisiert, dass sie nur ein Leben habe, sagt sie. Die IT-Fachfrau drosselte ihre Arbeitszeit daraufhin auf 20 Stunden pro Woche, gab Fitnesskurse und holte eine 20 Jahre alte Tattoo-Vorlage für ihren Rücken wieder aus einer Schublade. Wenig später ließ sie sich eine Geisha mit Maske stechen. Das Motiv bedeckt ihren ganzen Rücken.

Barthel befühlt lächelnd ihre Glatze. Sie hat nur noch eine Stunde Zeit bis zum Tattoo-Termin und Hunger. Beim Bäcker, ein Mozarella-Brötchen essend, zeigt sie einige ihrer älteren Tattoos: ein chinesischer Drache am unteren Rücken, ein Tiger auf dem linken Arm. „Mut und Stärke“, sagt sie. Dann zeigt sie die Pfingstrose, „Eleganz und Reichtum“ – den Samurai, „der Kämpfer“ und viele mehr. Alle Bilder sind im asiatischen Stil gezeichnet – ein Zufall, sagt sie. Das geplante Kopftattoo wird dazu passen: eine Lotusblüte umgeben von japanisch gezeichneten Wellen. Eine Vorlage aus dem Internet.

Auch wenn sich heute weniger Menschen symbolische Tattoos wie Barthel stechen, ist klar: Es gibt einen Branchenboom rund ums Tattoo. Es ist ein Trend, von dem Barthel nach eigenen Angaben als Model profitiert. „Der tätowierte Look ist für viele spannend“, sagt sie. Bis zu fünf Modeljobs mache sie im Monat.

Trotz Trends erlebt die 47-Jährige jedoch nicht nur positive Reaktionen in Bremen: „Die meisten finden es ganz cool, aber ich stoße auch auf Ablehnung“, sagt sie. Besonders die ältere Generation habe Schwierigkeiten mit ihren Tattoos. „Es gibt Leute, die mich allen Ernstes fragen, ob das in meinem Alter noch sein muss." Andere sagten, dass Barthel mit ihren Tattoos nie wieder einen Mann kennenlernen und im Alter hässlich sein werde. "Mit dem Kopftattoo wird das nicht besser", sagt sie über die Sprüche und lacht. Dabei findet sie die Stelle unproblematisch: Sie könne sich ja die Haare wachsen lassen.

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Die surrende Maschine

Im Tattoo-Studio in der Humboldtstraße angelangt, wird Barthel ganz still. Ihre Vorlage, auch Stencil genannt, liegt schon auf dem Tisch. Zu zweit bringen die Tätowierer diese an ihrem Kopf an. Einige blaue Striche muss einer der Tätowierer mit einem Stift nachmalen, während Ladeninhaber David Pickhaver die surrende Tattoomaschine testet. Schließlich geht Barthel zur Liege. Sorge flackert in ihrem Blick auf, bevor sie ihr Gesicht in das schwarze Polster presst. Ihre frisch rasierte Kopfhaut glänzt. Dann setzt Pickhaver die surrende Maschine an.

Während der Tätowierer die Linien mit der Maschine nachzieht, erscheinen kleine, dunkle Bluttropfen auf der Markierung. Länger als zwei Stunden geht die Prozedur – starker Schmerz, wie Barthel später sagt. „Vom Gefühl her ist das, als würde jemand mit einem Skalpell die Haut Stück für Stück aufschneiden.“ Kein Wunder. In der Kopfhaut sitzen besonders viele Nervenenden. Doch Barthel ist glücklich. Sie lacht, umarmt die Tätowierer, posiert für Fotos.

Die Kopfhaut blutet schnell

Auch Pickhaver wirkt kurz gelöst. "Alles gut gelaufen", sagt er. Es sei sein erstes Motiv auf einem Kopf gewesen, räumt er ein. Die Schwierigkeiten dabei? „Die Kopfhaut tendiert dazu, schnell zu bluten. Und es ist recht schmerzhaft", sagt Pickhaver.

Eine Sitzung braucht Barthel noch für die Schattierungen. Dann ist das Tattoo fertig. Den Preis für Schablone und Stechen verrät sie nicht. Lächelnd verlässt sie den Tattoo-Shop. Auch wenn das Motiv teils noch rötlich ist von der Reizung – fast wirkt es so, als hätte sie dieses Tattoo bereits ihr Leben lang getragen.

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