Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg Warum Sprengmeister immer wieder in Farge aktiv werden müssen

Andreas Rippert ist in den vergangenen Monaten häufig in Farge gewesen, weil Bomben auf dem Gelände des ehemaligen Tanklagers gefunden wurden. Jetzt hat er dort über seiner Arbeit gesprochen.
29.05.2018, 17:33
Lesedauer: 5 Min
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Von Volker Kölling

Im vergangenen Jahr hat es auf dem Gelände des Tanklagers Farge mehrmals richtig geknallt. Und immer hat der gleiche Mann die Bomben hochgehen lassen: Einmal musste Bremens erster Sprengmeister Andreas Rippert sogar 25 000 Liter in Wassertanks auf den Bomben platzieren, um schwere Schäden in der Umgebung auszuschließen. Den Film davon hat er jetzt den sehr interessierten Teilnehmern der „Awo-Uni der dritten Generation“ im Farger Eva-Seligmann-Haus gezeigt.

Der 18. Mai 1940: Bremen erlebt in mondheller Nacht seinen ersten schweren Bombenangriff. Die Engländer sind nachts losgeflogen mit dem Wissen, dass sie bei einer bestimmten Geschwindigkeit nach drei Stunden und 22 Minuten über den Bremer Zielen sein müssen. Andreas Rippert erklärt, wie die Navigatoren in den Flugzeugen in 6000 bis 8000 Metern Höhe dem Glanz des Weserstroms den Fluss hinauf gefolgt sind.

Ihr erster Angriff galt dem späteren Mobil Oil, dem überirdischen Tanklager an der Hüttenstraße. Am Ende dieser Nacht sind 16 Menschen tot, drei schwer und 57 leicht verletzt. Ob die Bomber wirklich getroffen hatten, wussten die Piloten oft nicht, sagt Rippert: „Die Bombenschächte öffnete man dann, wenn man nach seinen Berechnungen über dem Ziel war.“ Die Streuung war erheblich. Die Blindgängerquote lag bei etwa zwölf Prozent, zitiert der Sprengmeister neuzeitliche Berechnungen.

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Andreas Rippert nennt die Gründe, warum Bremen das Ziel von 173 Luftangriffen mit insgesamt 26 000 Tonnen Sprengstoff wurde: „Hier gab es viele kriegswichtige Betriebe, bei den Werften angefangen über die Focke-Wulf-Flugzeugwerke, Borgward bis hin zur Wifo, dem heutigen Tanklager Farge. Und dann war Bremen auch noch Eisenbahnknotenpunkt.“ Nach den ersten Bombennächten stellt die NS-Regierung die normale Bautätigkeit laut Rippert praktisch komplett zugunsten eines Bunkerbauprogrammes ein. Ein dichter Ring von Flugzeugabwehrstellungen rund um die Stadt soll Schutz bringen.

Rippert zeigt auf Kriegsfotos, wie Leuchtspurmunition und Flakgranaten den Himmel von allen Seiten taghell erleuchten: „Man brauchte im Durchschnitt 6000 bis 8000 Schuss Flakmunition, um solch eine fliegende Festung vom Himmel zu holen. Es wurde also ordentlich Eisen in die Luft gebracht.“ Die Sekunden bis zur Detonation dieser Abwehrgranaten sind genau eingestellt. Oft genug fällt aber auch hier der Ausschuss ohne Explosion einfach zurück zur Erde – noch mehr Blindgänger, in diesem Fall von Deutschen selbst produziert.

Die Engländer überlassen den Behörden hierzulande nach langen Verhandlungen noch 1985 Luftbilder, die Jahrzehnte später erst Aufschluss über die Treffer- und Blindgängerquote der Bomberflotten geben. Da ist die AG Weser zu sehen, das Werftgelände unter dem heutigen Einkaufszentrum „Waterfront“, gespickt mit Bombentrichtern. Von der Art der Einschläge her können die Bombenentschärfer schon erahnen, ob eine Bombe detoniert ist oder das Erdloch durch die pure Masse entstanden ist. Ein Foto zeigt eine Kollegin aus Ripperts Stab bei der Analyse der Luftbilder vor einem Spezialbildschirm mit Drei-D-Brille. Laserscanverfahren der Oberfläche bieten heute noch mehr Anhaltspunkte für Bombentreffer.

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„Aber schließlich sind auch schon im Krieg ohne Ende Bomben entschärft worden. Und damals hatte keiner die Zeit für Aufzeichnungen.“ Außerdem seien viele der Bombentrichter schnell wieder befüllt worden, gerne mit dem Häuserschutt, in dem dann aber wiederum Blindgänger lauern könnten. Andreas Rippert weiß außerdem, dass manche bei Kriegsende auch schlicht ihre Waffen und Munition in solchen Trichtern in dem Schutt versteckten.

Mit dieser unklaren Lage muss der Sprengmeister seit dem Tag arbeiten, an dem er für diesen Job von Hamburg nach Bremen gezogen ist. Das war vor 23 Jahren. Rippert hat den Job von der Pike auf gelernt: Schon bei der Bundeswehr ist er Sperrwaffenoffizier, gehört einer Minentauchkompanie in Eckernförde an und geht schließlich zum Kampfmittelräumdienst in Hamburg. Als die Chance in Bremen kommt, wechselt der heute 60-Jährige die Hansestadt.

Nach dem Krieg wäre das der Wechsel in eine große Behörde gewesen: Die Amerikaner hatten schnell den Wert der deutschen Spezialisten bei der sehr sensiblen und gefährlichen Arbeit erkannt und die 150 Mann des Sprengkommandos im alten Polizeipräsidium am Wall untergebracht. Andreas Rippert: „Bremen sollte schnell entmunitioniert werden.“

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Ripperts Team besteht heute noch aus sieben Menschen: Ihm, dem Sprengmeister Thomas Richter, drei Munitionsfacharbeitern, einer Luftbildauswerterin und einer Verwaltungskraft. Wenn er, wie im Fall der Riesenbombe am Löwenhof, ein Wasserstrahlschneidgerät mit 600 Bar Wasserdruck zum Auftrennen der Bombe am vergammelten Zünder braucht, leiht er sich das von den Kollegen in Niedersachsen.

Eine Dame im Publikum erinnert sich an die Evakuierung des riesigen Gebietes um die Stephanibrücke: „Ich zittere da jedes Mal mit Ihnen mit. Wie erkennen Sie überhaupt, mit was für einer Art Zünder Sie es zu tun haben?“ Rippert antwortet trocken: „Wüsste ich das nicht, würde ich meinen Schutz­engel wohl etwas zu arg strapazieren.“

Er hat entschärfte Bomben und alte Zünder mitgebracht. Im Saal geht es um die Gefährlichkeit von weißem Phosphor, um millionenfach abgeworfene Stabbrandbomben und dass der Sprengstoff in den Bomben nach Expertenmeinung durch die fortschreitende Alterung durchaus noch gefährlicher werden kann. Einmal im Jahr kommt es momentan laut Rippert in Europa zur Detonation eines vergessenen Blindgängers. Die Fotos der Unfälle zeigen die Zerstörungskraft der Weltkriegshinterlassenschaften.

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Andreas Rippert weiß, dass auch noch genug Arbeit für seine Nachfolger da sein wird: Bis zu 1300 Bauanträge gehen in Bremen pro Jahr über seinen Schreibtisch. Und oft genug muss er Alarm geben. „Gerade wenn größere Areale neu bebaut werden sollen, müssen wir das analysieren. Und die von uns beauftragten Firmen finden dann auch meistens eine ganze Menge.“ In Hemelingen waren es jetzt allein 267 Stabbrandbomben und eine ganze Anzahl größerer Bomben. Zahlen muss für die Suche und die Entsorgung der Grundstückseigentümer, was die meisten der 34 Zuhörer ungehörig vom Land Bremen finden. Rippert gibt den Bürgern recht und erzählt von der Entsorgung einer 1,6 Tonnen-Luftmine in Seehausen, die allein 60 000 Euro gekostet habe.

Die Statistik der Bombenfunde nach dem Zweiten Weltkrieg ist jedenfalls nach oben offen und ziemlich beeindruckend: Gefunden wurden demnach seit 1945 insgesamt 17 577 Handgranaten, 2084 Seeminen, 11 090 Panzerfäuste, 16 461 Sprengbomben, 98 163 Brandbomben, 127 865 Sprengkörper und 4 695 540 Granaten. Und Rippert rät bei jedem Bomben- oder Munitionsfund immer noch zu größter Vorsicht, auch 73 Jahre nach Kriegsende: „Wenn es heißt: Die Bombe ist von außen total verrostet, muss das nichts heißen. Der Zünder drin kann noch tipptopp sein.“

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