Kaffeehausgespräche Warum Städter gern gärtnern

Bei den "Kaffeehausgesprächen", die nach der Schließung des "Café Grün" jetzt im Alten Fundamt laufen, ist die Entwicklung der städtischen Pflanzaktionen kritisch und vielschichtig diskutiert worden.
22.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Solveig Rixmann

"Urban Gardening", das Gärtnern in der Stadt, ist in den 1970er-Jahren in den USA als Idee aufgekommen. In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Form der städtischen Pflanzaktion auch in Deutschland immer mehr Anhänger gefunden. Bei den "Kaffeehausgesprächen", die nach der Schließung des "Café Grün" jetzt im Alten Fundamt laufen, ist diese Entwicklung kritisch und vielschichtig diskutiert worden.

Steintor. Städte sind meist geprägt von Beton, Asphalt und Pflastersteinen. Abseits der vereinzelten, winzigen Gärten, der Parks und der Kleingartenanlagen zwängt sich allenfalls ein wilder Löwenzahn durch einen Spalt im Gehweg. Doch die Sehnsucht nach Natur scheint auch bei Städtern, bei allen Annehmlichkeiten, die das urbane Leben bietet, weit verbreitet zu sein. Auch immer mehr Bremerinnen und Bremer greifen zu Schaufel und Gießkanne. "Urban Gardening" ist zum Trend geworden.

Hinter dem englischen Begriff verbergen sich ganz unterschiedliche Formen des Gärtnerns: Gemeinschaftsgärten, Dachgärten, bepflanzte Grünstreifen und Balkonbeete beispielsweise. Wer sind die Akteure und was sind ihre Beweggründe? Fragen wie diese sind in einem der "Kaffeehausgespräche" im Alten Fundamt Auf der Kuhlen erörtert worden.

Seit ungefähr einem Jahr gibt es die "Kaffeehausgespräche". Ursula Dreyer und Hans-Georg Isenberg wollen mit ihrer monatlichen Reihe an die Tradition der französischen Aufklärung anknüpfen. Wie in den philosophischen Salons wollen sie politisch-philosophisch Interessierten ein Forum bieten. Die Themen sollen kritisch betrachtet, Meinungen ausgetauscht werden. Die Reihe ist ins Alte Fundamt, Auf der Kuhlen 1a, umgezogen, weil das "Café Grün" im Fedelhören geschlossen worden ist. "Wir sind ganz froh darüber, weil wir hier wieder etwas Kaffeehausatmosphäre genießen können", sagt Kulturwissenschaftlerin und Soziologin Ursula Dreyer.

"Urban Gardening" hat ganz unterschiedliche Dimensionen: beispielsweise politische, kulturelle und auch künstlerische. Bereits seit den 70er-Jahren gibt es Formen des städtischen Gärtnerns. Eine tiefe Sehnsucht nach Natur kann Hans-Georg Isenbergs Meinung nach nicht Ausdruck des Tuns sein, denn gerade der Mensch verdränge doch die Natur schon seit Jahrtausenden. "Auch das ist nicht mehr Natur", sagt Hans-Georg Isenberg, der bis zu seiner Pensionierung als Hochschuldozent der Akademie für Arbeit und Politik der Universität Bremen gearbeitet hat, beim Blick auf das Bild einer Parklandschaft. Für ihn ist Natur Chaos, nichts Zivilisiertes. Doch diese Meinung wird von der Runde nicht so recht geteilt.

Schmunzelfaktor

Die Ansicht, dass "Urban Gardening" auch etwas mit der Inbesitznahme des öffentlichen Raumes zu tun habe, wird von einigen aus dem Publikum vertreten - es sei quasi eine Weiterführung der Graffiti, der Urban Art (Kunst in der Stadt). "Guerilla Gardening", also das heimliche Aussäen von Blumen und anderen Grün im öffentlichen Raum, für das es sogar Pflanzkugeln gibt, sei auch durchaus auch witzig, zum Schmunzeln, finden manche Teilnehmer des "Kaffeehausgespräches".

Viele sind außerdem der Ansicht, dass das Züchten von Gemüse auch damit zusammenhänge, dass sich die städtischen Gärtner dem Konsum von industriell produzierten Lebensmitteln entziehen wollen. Lieber das eigene Gemüse pflanzen, von dem man wisse, wie es gedüngt wurde. Und obendrein sei es auch noch preisgünstig. "Wir hier in Bremen haben es richtig gut", ist mehrfach in der Diskussionsrunde zu hören. Die Hansestadt habe zahlreiche Grünflächen, und vor oder hinter vielen Reihenhäusern sei Platz für einen eigenen Garten. Trotzdem wünschen sich einige noch mehr Grün in der Stadt.

Die Veranstaltungsreihe läuft einmal im Monat. Das nächste "Kaffeehausgespräch" gibt es heute, 22. März, von 19 bis 21 Uhr im Alten Fundamt, Auf der Kuhlen 1a. Dann wird zu "Straßenzeitungen: Ein zweiter Blick..." diskutiert. Zusammen mit Professor Michael Vogel, dem Initiatoren der Bremer "Zeitschrift der Straße", soll dann über Formen und Inhalte der unter anderem von Obdachlosen verkauften Zeitschriften und über die Motivation der ehrenamtlich engagierten Macher informiert werden. Ursula Dreyer und Hans-Georg Isenberg moderieren.

Nähere Informationen über Themen und Termine der Reihe gibt es im Internet unter www.kaffeehausgespräche.de. Eintritt frei.

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