Ultras und Hooligans

Warum Ultras das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren haben

Der Fan-Aktivist Wilko Zicht kritisiert die Arbeit der Polizei im Konflikt zwischen Ultras und Hooligans in Bremen. Viele Ultras hätten das Vertrauen in den Rechtsstaat längst verloren.
26.12.2017, 18:34
Lesedauer: 4 Min
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Warum Ultras das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren haben
Von Jan Oppel
Warum Ultras das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren haben

Der frühere grüne Bürgerschaftsabgeordnete Wilko Zicht gilt als Kenner der Bremer Fanszene.

China Hopson

In Bremen kommt es immer wieder zur Konfrontation zwischen linken Werder-Ultras und rechten Hooligans. Zuletzt waren beide Gruppen am 16. Dezember nach dem Spiel gegen Mainz vor der Kneipe „Die Schänke“ im Steintorviertel aneinandergeraten.

Daraufhin hatte Bremens Polizeipräsident Lutz Müller erklärt, dass die Polizei reagieren und ihr Einsatzkonzept für die Werder-Heimspiele überdenken müsse, sollte sich in Bremen tatsächlich ein dauerhafter Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen anbahnen. „Tatsächlich besteht dieser Konflikt bereits seit mehr als zehn Jahren – das hat die Polizei aber offenbar verschlafen“, kritisiert Wilko Zicht, ehemaliger Grünen-Bürgerschaftsabgeordneter und Fan-Aktivist mit guten Verbindungen in die Ultra-Szene.

„Unter den Ultras glauben viele, dass sie die Polizei immer wieder ganz bewusst mit den Hooligans aufeinanderprallen lässt, damit der Innensenator noch höhere Rechnungen für die Einsätze an die DFL schicken kann“, sagt er. „Das ist natürlich Quatsch. Aber es zeigt, wie unerklärlich sich das Vorgehen der Polizei für die Ultras darstellt.“

Die Hooligans waren der Polizei während des Heimspiels gegen Mainz bereits im Weserstadion aufgefallen. Wie berichtet, hatte es im Bereich der Westkurve während des Spiels bereits Konfrontationen zwischen beiden Lagern gegeben. Stadion-Ordner gingen dazwischen.

Spuren in die rechte Szene

Trotz dieser Vorgeschichte hatte die Polizei die Hooligans nach dem Spiel unbegleitet in Richtung Viertel gehen lassen. Auch bei der folgenden Schlägerei an der Schänke seien anfangs keine Beamten vor Ort gewesen, um die Lager zu trennen, beklagt Zicht. In den vergangenen zehn Jahren seien die Hooligans nach Konfrontationen dieser Art oft unbehelligt oder mit milden Strafen davongekommen. Viele Ultras hätten das Vertrauen in den Rechtsstaat längst verloren.

Im Januar 2007 überfielen Neonazis zusammen mit Hooligans eine Party von linken Bremer Ultras im Ostkurvensaal des Weserstadions und verletzten zahlreiche Gäste. Bei dem anschließenden Prozess wurden die Täter zu geringen Geldstrafen verurteilt.

Ein Fernsehbericht von „Spiegel TV“ aus dem Jahr 2012 zeigt, wie sich rechte Hooligans der Gruppe Nordsturm Brema mit Duisburger Hooligans prügeln. Die Bremer tragen bei der verabredeten Schlägerei T-Shirts mit aufgedruckten Hakenkreuzen.

In dem Beitrag kommentiert Heinz Jürgen Pusch, der bei der Bremer Polizei bis vor Kurzem für alle Fußballeinsätze zuständig war: „Mit den Hakenkreuzen bringen sie ihre rechte Gesinnung klar zum Ausdruck. Das sind rechte Straftaten, die von unserer Staatsschutzabteilung bearbeitet werden.“ Passiert ist aber offenbar nichts. Die Grünen hatten das Innenressort damals um einen Bericht gebeten. Der wurde aber nie geschrieben.

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Im April 2015 lieferten sich linke Ultras und rechte Hooligans vor der Kneipe „Verdener Eck“ eine handfeste Auseinandersetzung. Einen Monat später verließen einige Ultra-Gruppen beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt in der 80. Spielminute das Weserstadion, nachdem bekannt geworden war, dass eine Gruppe aus Bremer und Essener Hooligans ohne Polizeibegleitung im Viertel auf der Suche nach Linken unterwegs war. „Die politische Dimension des Konflikts muss der Polizei seit Langem bekannt sein“, sagt Zicht. „Mir ist es völlig unbegreiflich, dass jetzt so getan wird, als wäre das ein neues Phänomen.“

Ende vergangenen Jahres wurde Zicht, mittlerweile Referent der Bremer Grünen-Fraktion, selbst Ziel eines Angriffs: Unbekannte warfen seine Wohnzimmerfenster mit drei Pflastersteinen ein. Auch in diesem Fall führt eine Spur in die rechte Szene: Nachbarn beschrieben einen korpulenten Mann, der kurz vor der Tat an Zichts Haus beobachtet worden war.

Die Beschreibung passte auf einen bekannten Bremer Hooligan. Am Tag vor dem Anschlag hatte der Verdächtige laut Zicht gegenüber einem Mitarbeiter der Werder-Hotline gegen ihn gehetzt: Zicht würde Anhänger der Ultras zu Gewalt anstacheln, soll der Mann in den Hörer gebrüllt haben. Der Mitarbeiter aus Werders Telefonabteilung hatte den Hooligan später an der Stimme erkannt.

Mit diesen Indizien wandte sich Zicht an die Sicherheitsbehörden. „Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich aber geweigert, ein Ermittlungsverfahren gegen ihn zu eröffnen“, beklagt er. „Man hätte ihn doch zumindest mal nach seinem Alibi fragen können.“

"Da wurde schlampig ermittelt"

Im April dieses Jahres sprach das Landgericht Verden einen Hooligan und Sänger einer Rechtsrock-Band vom Vorwurf der Urheberrechtsverletzung frei. Ein Mitarbeiter des Bremer Fanprojekts hatte ihn angezeigt, weil auf dessen Facebook-Seite ohne Zustimmung ein Bild des Sozialarbeiters verbreitet worden war.

Auf einer Art Fahndungsplakat wurden der Sozialarbeiter, Wilko Zicht und weitere Personen als Unterstützer von Gewalttätern aus der Ultraszene diffamiert. Das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck hatte den Angeklagten daraufhin in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Berufungsverfahren am Landgericht Verden sagte dieser, dass er selbst den besagten Beitrag nicht verfasst habe. Neben ihm hätten auch zwei Freunde Zugriff auf die Seite. Die verweigerten am Landgericht aber die Aussage.

In der Urteilsbegründung hob der Richter hervor, die Veröffentlichung auf dem Facebook-Profil sei zwar eine ernst zu nehmende Straftat. Ob der Angeklagte den Beitrag selbst verfasst habe, könne aber nicht eindeutig belegt werden. „Da wurde schlampig ermittelt“, sagt Wilko Zicht dazu. „Für Facebook ist klar zu erkennen, wer mit welchem Profil, zu welchem Zeitpunkt etwas veröffentlicht. Die Polizei hätte sich diese Informationen besorgen müssen.“

Nach diesen Vorfällen der vergangenen zehn Jahre habe sich bei den Ultras die Meinung durchgesetzt, dass sie selbst für ihre Sicherheit sorgen müssten. „Selbstjustiz ist natürlich kein legitimes Mittel. Aber die Polizei sollte einsehen, dass sie ihren Teil zu der verfahrenen Situation beigetragen hat und es künftig besser machen muss“, sagt Zicht.

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